Berlin - Ein überdimensionales Flüchtlingsboot auf dem Tempelhofer Feld, eine Weltreise durch einen einzigen Bezirk und ein riesiges Papierschiff, das im Wasser versinkt: „S. O. S – Kunst rettet die Welt“; unter diesem Motto steht beim Festival „48 Stunden Neukölln“ vom 26. bis 28. Juni der weltweite Umgang mit Flüchtlingen im Fokus.

Natürlich könne Kunst allein niemanden aus Lebensgefahr retten, sagt Martin Steffens von der Festivalleitung. „Aber wir haben das provozierende Motto bewusst gewählt, um zu zeigen, dass ein Hilferuf notwendig ist.“ Die Künstler arbeiten nah am Puls der Zeit. S.O.S. ist nicht nur als Morsesignal bekannt, sondern steht allgemein für einen Notruf: S.O.S., so Steffens, ist auch ein Symbol für den Zustand der Gesellschaft, die geprägt sei von regionalen und sozialen Konflikten, von Fluchtbewegungen und Existenzbedrohungen.

380 Veranstaltungen an 220 Orten

Das Festival „48 Stunden Neukölln“ findet bereits zum 17. Mal statt. Am Anfang war es eine trotzige Reaktion auf das negative Image des Bezirks, der mit Begriffen wie Verwahrlosung, Gewalt und Slum in den Schlagzeilen war. Quasi aus Solidarität habe man dem etwas entgegengesetzt – Kunst, Kultur, Vielfalt. Die Aktion, die vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V. koordiniert wird, hat sich inzwischen zum größten freien Kunstfestival Berlins etabliert. 380 Veranstaltungen sind an insgesamt 220 Orten geplant.

Noch immer sei in Teilen Neuköllns die soziale Lage schlecht, so Steffens, der seit 1991 im Bezirk wohnt. „Aber immer mehr Künstler entdecken Neukölln, inzwischen ist Kunst hier an mehr als 120 Orten dauerhaft zuhause.“ Doch das Festival findet nicht nur in Galerien und Ateliers statt, sondern auch in Wohnungen, Cafés und Gärten, in Spätis und anderswo – allein in den Neukölln Arcaden gibt es 24 Projekte.

Flüchtlinge berichten von ihren Schicksalen

Erstmals wird auch das Tempelhofer Feld bespielt. Die Künstlergruppe Plastique Fantastique und Hadmut Bittiger bauen dort ein 25 mal 10 Meter großes, begehbares Schlauchboot auf. Im Innern der Raumskulptur sind Geschichten von Flüchtlingen zu hören, Besucher sollen ins Gespräch kommen. Ein weiteres Boot kommt vom Kölner Künstler Frank Bölters: In Kooperation mit dem Theater der Migranten faltet er gemeinsam mit dem Publikum aus einem 10 mal 20 Meter großen Papierstück ein Schiff, das dann ins Wasser gelassen wird. Und wahrscheinlich untergeht.

Zum Nachdenken anregen wollen auch 48-minütige Bustouren, die unter dem Motto „Kunstasyl – Fernreise Neukölln“ stehen. Die acht Touren führen symbolisch von der Bagdad-Straße in Damaskus über Podujeva im Kosovo bis nach Kabul. Flüchtlinge, die es von dort nach Berlin geschafft haben, erzählen dabei von ihren Schicksalen.

Direkte Nachbarschaft, das ist eben das Thema, mit dem sich „48 Stunden Neukölln“ beschäftigt. Bei „Superheroes of Neukölln“ zum Beispiel liefern sich Jugendliche vom Rütli-Campus mit Schülern der Neuköllner Wrestling-Schule nicht nur Schaukämpfe, sondern sie reden auch darüber, welche Fähigkeiten junge Leute brauchen, um im Leben zurechtzukommen.

Lachen gegen die Verbissenheit

Gegen die allgemeine Verbissenheit im Alltag fotografieren Künstler am Freitag vor dem Rathaus Neukölln lächelnde Menschen und „verteilen“ dieses Lächeln später in Form von Gesichtsmasken an Passanten. Auch junge Leute, die während der Rush Hour an der Karl-Marx-Straße als Tramper Gedichte rezitieren, gehören zum Team, ebenso die Initiative Salaam-Shalom, die zu Ausstellungen in Wohnungen von Juden und Muslimen einlädt.

Neu ist dieses Jahr ein Musikschiff, sagt Martin Steffens: „Von der Wildenbruchbrücke geht es mit der Reederei Riedel durch den Neuköllner Schifffahrtskanal, und jeder kann über einen Applausometer die gespielte Musik beurteilen. Das Festival „48 Stunden Neukölln“, da ist sich der 48-Jährige sicher, werde nicht nur den Hilferuf S.O.S. aussenden: „Wir wollen auch Hilfestellung für Haltungen geben.“