Festival „Haltestelle Woodstock“: Die vielleicht allerletzte Schlammschlacht

Wer am Montag die deutschsprachige Internetseite zum größten Rockfestival in Polen öffnete, wurde vom Bild einer Bierbüchse empfangen. Dazu schrieb Lukas über die Preise vor Ort: „Die Dose 4 Złoty (ca. 94 Cent) und der Becher 3,50 Złoty (ca. 82 Cent). Kann man mit leben!!!!“

Der Eintrag sagt etwas darüber aus, worum es seit mehr als zwei Jahrzehnten bei dem Festival auch geht: Spaß haben, feiern, Bier trinken und vor allem: Rockmusik hören – also ein wenig wie damals in Woodstock. Deshalb heißt der dreitägige Rock-Marathon in den Wäldern kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze auch „Haltestelle Woodstock“. Und deshalb werden extra Duschen aufgestellt, damit auch Schlammschlachten möglich sind, so wie damals 1969 im echten Woodstock.

Die diesjährige Ausgabe beginnt am Donnerstag in der Nähe von Kostrzyn und ist die 23. „Haltestelle“. Es könnte die letzte sein.

Bis zu 750.000 Fans

Die „Haltestelle“ ist zwar das größte Festival ohne Eintritt in ganz Europa – 2014 kamen 750000 Fans – doch es tobt noch eine andere Schlammschlacht. Hinter den Kulissen. Denn das wilde, aber friedliche Rock-Spektakel hat mächtige Gegner: einen starken konservativen Zeitgeist in Polen und die passende Regierung. Dazu die Angst.

Die Regierung hätte das Fest am liebsten wohl schon 2016 verboten und veranlasste strenge Sicherheitsauflagen. Schon damals hieß es bei Fans: Nun, da die Konservativen in der Regierung seien, hätten sie endlich den Hebel gefunden, um das bunte Treiben verbieten zu können.

Diesmal stand erst eine Woche bevor die erste E-Gitarre aufheulen sollte fest, dass die Bühnen tatsächlich aufgebaut werden dürfen. Die Regierung in Warschau sprach von potenzieller terroristischer Gefahr und lehnte gleichzeitig die Hilfe der deutschen Nachbarn ab.

Deshalb schrieb Dietmar Woidke (SPD) – als Polen-Koordinator der Bundesregierung und brandenburgischer Ministerpräsident – an das Warschauer Innenministerium. Er bot erneut Hilfe an und schrieb: „Verwundert bin ich darüber, dass die polnische Seite die Absage an das Hilfsangebot mit der Bedrohung durch potenzielle Terroranschläge begründet.“ Bei Großveranstaltungen seien erhöhte Gefährdungspotenziale nie ausgeschlossen. Woidke lobte die seit Jahren eingespielte grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Feuerwehren.

In der Antwort fordert die polnische Seite Woidke auf, während des Festivals für eine Sicherung der Grenze zu sorgen, „damit das Risiko des Übertritts von Personen nach Polen ausgeschlossen wird, die ein terroristisches Risiko darstellen“. Das bezieht sich wohl auf Flüchtlinge, denn es ist auch von „Migrationskrise“ die Rede.

Lothar Wiegand vom Potsdamer Innenministeriums sagt am Montag dazu: „Grenzkontrollen sind Sache des Bundes und nicht Sache des Landes Brandenburg.“

Festival kostet keinen Eintritt

Und Woidke sagt der Berliner Zeitung: „Ich hoffe, dass das Festival auch in Zukunft an der deutsch-polnischen Grenze stattfinden wird. Zur Unterstützung bei der Durchführung stehen wir von Brandenburg jederzeit bereit.“ Die „Haltestelle“ sei seit Jahren für Brandenburg ein wichtiger Termin im Kulturkalender der Grenzregion. Hunderttausende Musikfans, auch aus Brandenburg, würden wieder ein Festival erleben, das für Offenheit, interkulturelle Begegnung und ehrenamtliches Engagement stehe.

Die Potsdamer Regierung schickt nun Staatssekretär Martin Gorholt zur Eröffnung, damit er ein Grußwort von Woidke verliest.

Das Festival kostet übrigens keinen Eintritt, weil es der Dank an alle Helfer und Spender ist, die sich seit 1993 an alljährlichen Geldsammlungen beteiligen. Die Spenden fließen in die medizinische Versorgung von Kindern und Rentnern in Polen. Dieses Jahr kamen nach Angaben der Macher 105 Millionen Złoty zusammen – fast 25 Millionen Euro.

„Als sehr sicher empfunden“

Renke Thye, ist 66 Jahre alt, bezeichnet sich als musikverrückten Rock-Opa, wird von allen nur Renke genannt und ist 560 Kilometer von Friesland nach Kostrzyn gereist. Es ist Montagnachmittag, er ist gerade angekommen und muss das Telefonat erst einmal unterbrechen, weil ein älterer Herr gerade einen Eimer Gurken vorbeibringt. Renke ruft in die Runde: „Hat mal jemand ein paar Złoty für den Mann?“

Dann erzählt er, dass er seit 2009 dabei ist und mit einem Freund das Deutsche Forum der „Haltestelle“ betreibt. „Ich habe es hier immer als sehr sicher empfunden“, sagt Renke. Die Peace-Patrol, die freiwilligen Sicherheitsleute der Veranstalter, seien sehr gut. Dann erzählt er, dass die Sicherheitsauflagen schon im Vorjahr hoch waren, dass ein sechs Kilometer langer Zaun um das Gelände gebaut werden musste und die Fans nicht mehr mit ihren Autos bis zu den Zeltplätze durften. „Es war alles strenger, aber immer noch locker“, sagt er.

Er selbst habe früher Jugendveranstaltungen organisiert und wisse, wie teuer es ist, Sicherheitsauflagen zu erfüllen. „Und das hier ist ein Riesending“, sagt er. „Ich persönlich könnte mir schon vorstellen, dass es das letzte Woodstock dieser Art sein wird. Viele andere hier glauben nicht daran, dass man eine solche Tradition einfach beenden kann.“

Renke weiß schon, was am Sonntag passiert, nach der letzten Festivalnacht. „Am Wochenende kommt auch meine Frau“, sagt der 66-Jährige. „Dann fahren wir weiter zum Woodstock-Festival in die Ukraine.“