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Die Wochenenden sind bis zum Jahresende verplant. Freunde und Familie müssen zurückstecken. Denn Christine Neder hat eine freizeitraubende Mission: Sie will in 40 Wochen 40 Festivals besuchen. Elektro-Partys, Punk-Festivals und Mittelalter-Treffen – die 26-jährige Bloggerin hat sich für ein Leben zwischen Schlafsack, Dosenbier und Stagedivern entschieden. Dafür jettet sie seit März um die halbe Welt.

Es ist nicht das erste Mal, das Neder eine Idee umsetzt, über die ihr Umfeld und allen voran ihre Mutter den Kopf schütteln. 2010, als sie für ein dreimonatiges Praktikum nach Berlin kam, übernachtete sie als Couchsurferin 90 Tage lang in fremden Betten. Jede Nacht schlief sie in einer anderen Wohnung – mal bei einem Fotografen, der auf Fesselspiele stand, mal bei einer Nippessammlerin, die Tarotkarten legte. Über ihre Erlebnisse schrieb sie ein Buch. Natürlich soll auch das Festival-Hopping umfänglich dokumentiert werden. Neben ihrem Blog "Lilies Diary" ist eine Kolumne für Radio Fritz geplant, auch bei Youtube stellt die gebürtige Bayerin, die inzwischen in Friedrichshain lebt, ihre Aufnahmen ein.
Viele glückliche Menschen

In Florida hat alles angefangen

Auf die Idee kam sie im vergangenen Sommer, als sie das erste Mal ein Festival besuchte: das Melt in Sachsen-Anhalt. Dabei hatte sie jede Menge Vorbehalte und Klischees im Kopf. Von Betrunkenen, die einem nachts ins Zelt kotzen zum Beispiel. So schlimm kam es dann gar nicht. „Ich war sofort verliebt in das Leben als Camper, in eklige Haare und in das Ausbrechen in ein anderes Leben.“ Dieses Wochenende im Ausnahmezustand und die vielen glücklichen Menschen, das habe sie fasziniert, sagt sie. Also beschloss sie, in 40 Wochen nachzuholen, was sie bislang verpasst hatte. Und Leute zu fragen, was sie auf die grüne Wiese treibt.

Angefangen hat die Reise Anfang März mit dem Strawberry Festival in Florida – die bislang schrägste Veranstaltung. „Man muss sich das vorstellen wie ein riesiges Volksfest. Country-Musiker spielen, es gibt tausende Fressbuden, man kann Whirlpools kaufen und Vorführungen mit dressierten Schweinen besuchen.“

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Gleich danach ging es weiter nach Miami Beach, zum Winter Party Festival für Schwule, Lesben und Transsexuelle. „Da war ich das erste Mal sprachlos, als ich zwischen 500 halbnackten Männern stand.“ Es folgten Veranstaltungen wie das St. Patricks Day Festival in Dublin und das Pogorausch in München. Dort hatte sich die Bloggerin eine Aufgabe auferlegt. Sie wollte sich von Menschen mit Iros und Springerstiefeln möglichst viele Herzchen aufs rosa T-Shirt pinseln lassen. Die Punkrocker haben sie nicht enttäuscht. 52 Herzen kamen in 90 Minuten zusammen. Nur einer ist aus der Reihe getanzt und hat einen Penis gemalt.

Vom thailändischen Lichterfest zum Rockfestival Wacken

Dass sie in Stoffschuhen und rosa Shirt nicht so recht in die Punk-Gemeinde passt, und dass sie auch unter 500 Schwulen irgendwie auffällt, stört Neder nicht. Wenn sie sich unsicher fühlt, plappert sie einfach drauflos. „Ich bin offen und schnell zu begeistern“, sagt sie. Das steckt wohl irgendwann auch andere an.

Sieben Festivals hat Neder bereits besucht, als nächstes geht es nun in die Karibik zum St. Lucia Jazz Festival. Im Laufe des Jahres will sie noch nach Thailand zum Lichterfest, aber auch zu deutschen Klassikern wie Wacken und Rock am Ring. Vor einem graut ihr dann aber bei aller Begeisterung doch: den hygienischen Bedingungen auf Dixi-Klos. Bislang war zwar noch keine Saison für Schlafsack und Miettoilette. Aber in Wacken gehört das dazu. „Ich habe aber gehört, die Bewohner des Dorfes lassen manche Festivalbesucher bei sich duschen. Vielleicht ist ja jemand nett zu mir.“

Bodenständige bayrische Wurzeln

Um die Reisen zu finanzieren, muss Neder neben ihrer 20-Stunden-Woche, in der sie als Social-Media-Beraterin arbeitet, organisieren und netzwerken. Die Flüge nach Amerika haben örtliche Tourismusagenturen bezahlt. „Die kapieren langsam, dass wir Blogger wichtige Multiplikatoren sind.“ Ihren Blog lesen täglich bis zu 700 Leute, auf Facebook zählt sie mehr als 1700 Freunde. Die Festival-Tickets zahlen meist die Veranstalter, weil Neder über sie berichtet. Manchmal findet sie Sponsoren. Oder sie zahlt Essen und Übernachtung aus eigener Tasche. „Ich will am Ende plus minus null aus der Sache rausgehen“, sagt sie.

Christine Neder hat früher mal Modedesign in Bielefeld studiert. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich talentfrei bin, was das Nähen angeht“, erzählt sie. Sie ging nach München, kam dann vor anderthalb Jahren nach Berlin. Nach dem Couchsurfing-Projekt hat sie kurz daran gedacht, bodenständig zu werden. Sie bekam eine Festanstellung, hielt aber nur drei Monate durch. „Meine bodenständigen bayerischen Wurzeln werden schon irgendwann durchkommen. Aber bis es so weit ist, muss alles ausgekostet werden.“