Gutes Wetter und Wind: Berlins Feuerwehr rechnet mit einer schlimmen Silvesternacht

Zwei böllerfreie Jahre sind nachzuholen. Erstmals erhalten die Rettungswagen-Besatzungen Bodycams.

Schwerste Weichteilverletzungen können die Folge sein: In dieser Jackentasche ließ die Feuerwehr einen illegalen „Polenböller“ detonieren.
Schwerste Weichteilverletzungen können die Folge sein: In dieser Jackentasche ließ die Feuerwehr einen illegalen „Polenböller“ detonieren.Berliner Zeitung/Andreas Kopietz

Wenn etwas schiefgeht, muss das nicht unbedingt schlecht sein. Und bei der Silvester-Pressekonferenz der Berliner Feuerwehr ging einiges schief. Auf dem Hof des Feuerwehr-Hauptquartiers in Mitte zeigte ein Feuerwehrmann am Donnerstag, wie man eine offiziell zugelassene Silvesterrakete fachgerecht startet: aus einer Flasche, die in einem stabilen Getränkekasten steht, der sicherheitshalber mit einem Stein beschwert ist.

Doch die Rakete zischte in einem Bogen durch die Luft und explodierte in zu geringer Höhe. Auch die zweite zugelassene und frei verkäufliche Rakete zerknallte dicht über den Köpfen der Reporter. Das Gute an der Vorführung: Sie zeigte, dass auch Feuerwerk, das von der Bundesanstalt für Materialprüfung zugelassen ist, nicht immer zuverlässig funktioniert – auch wenn der Bundesverband Pyrotechnik am Nachmittag erklärte: Drohkulissen zur Verletzungsgefahr mit geprüftem und zugelassenem Silvesterfeuerwerk entbehrten jeder Grundlage.

Noch übler sah die Vorführung zweier nicht zugelassener „Polenböller“ aus, die kein Schwarzpulver, sondern stärkeren Industriesprengstoff enthalten. Der Knall im Feuerwehrhof war ohrenbetäubend. Ein Böller zerfetzte eine Jacke, die auf einer Stahlpuppe aufgezogen war. Der andere ging in einer Umhängetasche an der Puppe hoch.

Bei windigem Wetter gibt es viele Brände

Das Problem aber: Beide Knaller machten nicht das, was der Feuerwehrmann an der Fernzündung wollte. Sie detonierten verzögert. Bei illegalem Feuerwerk, das oft über Polen eingeschmuggelt wird – daher der Name –, ist auf die Zündzeiten nie Verlass. Mitunter detoniert es sofort und zerfetzt die Hand, die sie hält.

Diese „Pannen“ machten deutlich, dass sich die Feuerwehr auf die „ereignisreichste Nacht in diesem Jahr“ einrichtet, wie Landesbranddirektor Karsten Homrighausen formuliert. Eine Nacht mit vielen Bränden und vielen zusätzlichen Einsätzen des Rettungsdienstes.

Mehr noch: Die Feuerwehr rechnet mit einer schlimmen Nacht. Denn zwei Jahre lang herrschte wegen Corona Böllerverbot. Der Bundesverband Pyrotechnik rechnet beim Verkauf von Feuerwerk mit einer höheren Nachfrage als sonst, steigender Inflation und Energiepreise zum Trotz. Zudem soll das Wetter warm und trocken werden und zu allem Überfluss auch noch stark windig. Da steigt die Brandgefahr.

Feuerwehrchef Karsten Homrighausen: „Kaufen Sie nur geprüftes Feuerwerk!“

„Fehlgeleitete Raketen sind im Wesentlichen die Brandereignisse, die wir haben“, so Homrighausen. Er empfiehlt, alles Brennbare vom Balkon zu räumen.

Wichtig ist dem Feuerwehrchef auch: „Kaufen Sie bitte nur zertifiziertes, geprüftes Feuerwerk. Lesen Sie die Handlungsanweisungen durch und halten Sie sich daran!“ Oft seien in der Vergangenheit Raketen aus der Hand und dann eben nicht senkrecht in die Luft gestartet.

In Berlin wird die Feuerwehr in der Silvesternacht ihr Personal fast verdreifachen, auf fast 1500 Einsatzkräfte. Verstärkung kommt unter anderem von den freiwilligen Feuerwehren und Hilfsorganisationen. Am Sonnabend wird die Feuerwehr den „Ausnahmezustand Silvester“ ausrufen. Das heißt: In der Leitstelle und der Notrufannahme wird die Personalstärke erhöht. Einsätze werden nicht mehr nach der Reihenfolge der Notrufe bearbeitet, sondern nach Dringlichkeit.

Krankenhäuser sind jetzt schon an der Belastungsgrenze

Allerdings zeichnet es sich ab, dass diese Silvesternacht nicht nur für die Feuerwehr die „ereignisreichste Nacht“ wird, sondern auch für die Kliniken, die mit den Folgen von Trunkenheit, Schlägereien, Verbrennungen und abgerissenen Fingern konfrontiert werden. So hat das Unfallkrankenhaus Berlin nach eigenen Angaben seine Operationskapazitäten verstärkt. Ein Kliniksprecher geht davon aus, dass zwischen 3 Uhr bis in den späten Neujahrsabend durchgehend operiert wird.

„Die Kliniken befinden sich noch in der Infektionswelle mit RSV, Influenza, aber auch Covid 19 und haben dadurch hohe Personalausfälle“, sagt Martin Bender, Oberarzt bei der Berliner Feuerwehr. „Entsprechend ist die Notfallversorgung an der Belastungsgrenze, und das zusätzliche Einsatzaufkommen durch den Jahreswechsel wird eine große Herausforderung.“

Auch er appelliert, nur zugelassene Pyrotechnik zu verwenden. Mehr als 30 Prozent der Feuerwerksverletzungen würden zudem Personen erleiden, die gar nicht selbst Feuerwerk gezündet hätten. Bender hält es für sinnvoll, vor Silvester das Erste-Hilfe-Wissen aufzufrischen, etwa wie man sich bei Verbrennungen, abgetrennten Extremitäten oder Alkoholvergiftungen verhalten soll.

Böllerverbotszonen in Schöneberg, Moabit und am Alexanderplatz

Ob jeder derartige Tipps beherzigt, darf bezweifelt werden. Die Polizei rechnet nach eigenem Bekunden mit einer ähnlichen Knallerei wie vor der Pandemie, etwa in Nord-Neukölln oder Schöneberg, wo es früher besonders heftig zuging. Rund um die Pallasstraße, wo regelmäßig Polizisten und Rettungskräfte mit Pyrotechnik beschossen wurden, hat die Polizei eine Böllerverbotszone angeordnet. Gleiches gilt für den Alexanderplatz und rund ums Gefängnis Moabit, weil früher von der Straße aus Böller auf das Gelände geworfen wurden.

Wegen der vielen Angriffe auf Rettungsdienst-Mitarbeiter werden diese in der Innenstadt erstmals mit Körperkameras ausgestattet. Insgesamt 50 solcher Bodycams werden an Sanitäter ausgegeben. Feuerwehrchef Homrighausesn erhofft sich von diesen eine „erzieherische Wirkung“ auf mögliche Angreifer.

Die Polizei wird mit etwa 1100 Beamten im Einsatz sein. Verstärkung aus anderen Bundesländern bekommt sie nicht. Denn auch andernorts will man das Ende von Corona feiern.