Berlin - Die CDU-Politikerin Jenna Behrends erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Union und ihren Parteichef Frank Henkel. In einem offenen Brief auf der Plattform "Edition F", den die 26-Jährige mit dem Satz „Warum ich nicht mehr über den Sexismus in meiner Partei schweigen will“ überschrieben hat und am Freitag ins Internet stellte, berichtet sie von „Verleumdungen, Gerüchten, Sexismus gegenüber Frauen und teilweise auch durch Frauen“.

So schreibt Behrends „vom Senator, der auf einem Parteitag meine Tochter begrüßte: ,Oh, eine kleine süße Maus‘. Der dann pausierte, mich ansah und fortfuhr: ,Und eine große süße Maus.‘“ Dieser Senator habe auch einen Parlamentarier aus dem Abgeordnetenhaus vor ihrer Nominierung gefragt: „Fickst du die?“ Auf Nachfrage sagte Behrends der Berliner Zeitung, bei dem Senator handele es sich um CDU-Parteichef Henkel. Der Abgeordnete, der Behrends von Henkels derb formulierter Frage an ihn erzählt hatte, sei der Rechtspolitiker Sven Rissmann. Rissmann sagte allerdings am Freitag mehreren Medien, er könne sich an die Worte Henkels nicht erinnern.

Jenna Behrends hat eine dreijährige Tochter und will sich für Familienpolitik engagieren. Im Mai 2015 trat sie in die CDU ein, bereits auf dem Kreisparteitag in Mitte im November erhielt sie auf Vorschlag ihres Ortsverbands Bernauer Straße den sicheren Listenplatz sechs für die Wahl der Bezirksverordnetenversammlung. Eine Frau kam wie gerufen, schließlich gibt es bei der CDU in der BVV fast nur Männer. Doch manchem schien der Aufstieg der Seiteneinsteigerin zu schnell zu gehen. Bei ihrer Bewerbungsrede sei sie von einem älteren Mann gefragt worden, wie viele Plakate sie in ihrem Leben schon geklebt habe. Dann hätten die Verleumdungen begonnen. Ein Abgeordneter habe besonders aktiv Gerüchte verbreitet. „Weil er mich offenbar als Konkurrent sieht und Angst um seine erneute Kandidatur hat.“

„Nur in deiner schmutzigen Fantasie“

„Liebe Partei“, schreibt sie, „die junge Frau, die bereit wäre, sich für ein kommunales Ehrenamt hochzuschlafen, gibt es nur in deiner schmutzigen Fantasie. Die junge Frau, die ständig mit den Gerüchten um ihre angeblichen Affären konfrontiert wird, die gibt es in echt.“ Und: „Kannst du dir in deiner kleinen Welt wirklich nicht vorstellen, dass ich als junge Mutter meine Freizeit lieber mit meiner Tochter und meinen Freunden verbringen würde, als in einer Männerrunde, die mir erklärt, sie seien im Gegensatz zu mir wahre Feministen, weil ich ein Komplettverbot der Burka für falsch halte?“

Auf Widerstand stieß Behrends nach eigenen Angaben auch bei Frauen. Ursprünglich sollte sie bei der Frauen-Union in Mitte Anfang 2017 die Nachfolge der Vorsitzenden Sandra Cegla antreten. Dann habe sie nicht mehr an Sitzungen des Vorstands teilnehmen dürfen. Später hörte sie, dass die Frauen ihr vorwarfen, „karrieregeil“ zu sein. Sie zog ihre Kandidatur zurück. In die BVV Mitte will sie aber einziehen. „Ich werde in der Partei weitermachen“, sagt sie. Mit ihrem Brief habe sie bewusst bis nach der Wahl gewartet, um der CDU nicht zu schaden. Ein Mitglied des Bundesvorstands habe sie gewarnt: „Wenn Du das veröffentlichst, wirst Du in der Partei nichts mehr.“ Doch sie sagt, sie wolle eine Debatte anregen. „Politik ist zu wichtig, um sie hauptsächlich alten Männern zu überlassen“, schreibt sie. An die CDU: „Behaupte nie wieder, du konntest deine eigene Frauenquote leider, leider nicht erfüllen, weil keine Frau kandidieren wollte.“

Der Senator Frank Henkel wundert sich

Henkel teilte am Freitag mit, er sei „sehr verwundert und auch ein bisschen enttäuscht über Inhalt und Stil dieses offenen Briefes“. „Die CDU Mitte und ich als Kreisvorsitzender haben immer wieder Quereinsteigern eine Chance gegeben. Dass Frau Behrends heute in der BVV sitzt, ist dafür ein gutes Beispiel.“ Solche Dinge sollten geklärt werden. „Versuche einer Kontaktaufnahme durch den Kreisverband waren bislang leider erfolglos.“ Zu den Vorwürfen gegen ihn äußert er sich allerdings nicht ausdrücklich.