Film "Ballon" von Michael Bully Herbig: Das Stasi-Drama, das der Film nicht zeigt

Die Premierengäste im Berliner Zoo-Palast waren begeistert von „Ballon“, dem neuen Film von Michael „Bully“ Herbig, der am 27. September bundesweit in den Kinos startet. Der Streifen über die  Flucht zweier DDR-Familien mit einem selbst gebastelten Heißluftballon in den Westen endet im Film glücklich. Aber in Wahrheit fing das Drama für sie dann erst richtig an.

Nach 28 Minuten hatten sie es geschafft. Die DDR-Ehepaare Wetzel und Strelzyk sind mit ihren Kindern in der Freiheit. Ihr selbst gebauter Heißluftballon trug sie in dieser Zeit dank guten Nordwindes sicher von Thüringen über Todesstreifen und Stacheldraht in den Westen. Die erschöpften Flüchtlinge sind erleichtert, liegen sich jubelnd in den Armen, als sie nach der Landung von bayerischen Polizisten entdeckt werden. Das Happy End im zweistündigen Film „Ballon“, der nun in die Kinos kommt. Alle Beteiligten scheinen laut Drehbuch den DDR-Machthabern am 16. September 1979 für immer entkommen zu sein.

Doch das wirkliche Leben schreibt ein ganz anderes Drehbuch, das der Film „Ballon“ nicht zeigt. Es beginnt ein neues Drama. Denn nach der gelungenen Flucht, die im Westen für Schlagzeilen sorgt, die DDR weltweit blamierte, bekommen nun die beiden Familien die Rache des SED-Staates zu spüren. Sie werden im Westen von der Stasi verfolgt.

Die Stasi versucht die Familie zur Rückkehr zu bewegen

Die Familie Wetzel ist als Erstes dran. Anfang 1980, nur wenige Monate nach der Flucht, bekommen sie in Bayern ungewöhnlichen Besuch. „Ein Rentner-Ehepaar aus der DDR klingelte bei uns, erzählte, dass sie auf Durchreise nach Frankfurt am Main sind“, sagt Günter Wetzel (63). „Das Ehepaar sagte, eine Freundin von uns aus der alten Heimat hätte sie geschickt. Beiläufig erzählen die Herrschaften, das es unser Haus in Thüringen noch gibt, wir jederzeit dort wieder einziehen könnten. Außerdem bekämen wir ohne Probleme wieder unsere Arbeit in der DDR.“

Für Wetzel ist klar: Die Stasi hat das Rentner-Ehepaar geschickt. Und es bleibt nicht bei dem einen Versuch. „Das Ehepaar spricht Tage später meine Frau Petra allein an, versucht, sie zur Rückkehr in die DDR zu überreden. Scheinbar weiß die Stasi bereits, dass meine Frau anfangs unter Heimweh litt“, sagt Günter Wetzel.

Die Stasi leitete den operativen Vorgang „Birne“ ein

Dass er mit seiner Vermutung richtig lag, kann Wetzel 1993 in seiner Stasi-Akte nachlesen. „Wir wurden anfangs von drei IMs im Westen beobachtet“, sagt er. „Auch die Aktion mit dem Rentner-Paar stand in der über 2.000 Seiten starken Akte. Das Ziel der Stasi war klar: „Unsere reuemütige Rückkehr hätte man in der DDR groß ausgeschlachtet. Als Zeichen dafür, dass man im Westen nicht glücklich wird, sich eine Flucht nicht lohnt.“

Laut Stasi-Akten hatte das Mielkes-Spitzelsystem sofort nach der spektakulären Ballonflucht den operativen Vorgang „Birne“ (stand für Ballon) eingeleitet, um den Ballonflüchtlingen das Leben im Westen zur Hölle zu machen. Das bekam besonders die zweite Fluchtfamilie, die Strelzyks, zu spüren. Die Stasi schleuste einen Freund von Peter Strelzyk in den Westen, der zuvor wegen „Fluchthilfe“ im Knast saß, nun als IM „Diener“ für das MfS arbeitete. Der ahnungslose Strelzyk stellte den vermeintlichen Freund 1984 in seinem Elektro-Laden ein, machte ihn zum Geschäftsführer. Quasi als Wiedergutmachung. Denn die Strelzyks glaubten, dass der Freund wegen ihrer Ballonflucht in den DDR-Knast kam.

Vom Verrat des Freundes und der Familie erfährt er erst viel später

IM „Diener“ informiert die Stasi nicht nur über das Leben der Familie im Westen. Er hat auch einen Spezial-Auftrag. 1999 berichtete der „Spiegel“ anhand der Akte, wie die Stasi plante, dass der IM „auf die Geschäftstätigkeit der Firma des Strelzyk derartig Einfluss nehmen wird, dass es spätestens im Jahre 1985 zum Konkurs mit den ungünstigsten Bedingungen für Strelzyk kommt“. Tatsächlich geht das Geschäft pleite. IM „Diener“ übernimmt es zur Freude der Stasi.

Vom Verrat des Freundes erfährt Peter Strelzyk erst, als er in den 90er-Jahren seine Stasi-Akte einsieht. Darin liest er, dass auch seine Schwester und sein Bruder als IMs auf ihn angesetzt werden. Bis zu seinem Tod vor einem Jahr leidet Peter Strelzyk darunter, wie die Stasi versuchte, das Leben seiner Familie kaputt zu machen.