Der Film, den türkische Medien verbreiten, hat eine klare Botschaft: Hier wohnt der Mann, der den Putschversuch vom 15. Juli 2016 angezettelt hat.

In dem Video ist ein türkischer Journalist zu sehen, der vor dem großen Klingel-Tableau eines Neuköllner Mietshauses steht. Jeder einzelne Name ist deutlich zu erkennen, Persönlichkeitsrechte zählen für die Filmemacher nicht. Die Kamerafahrt geht dann durch den Flur des Vorderhauses, über den Hinterhof und schließlich in den Seitenflügel. Dann klingelt der Journalist an einer Wohnung im ersten Stock. An der Tür steht ein Name.

Es ist nicht der von Adil Ö., nach dem die Türkei fahndet. Von dem die türkischen Medien jetzt sagen, dass dieser in Deutschland untergetaucht sei – und den der türkische Geheimdienst nun offenbar aufgespürt hat.

„Diese Veröffentlichung kommt einem Mordaufruf gleich“

Gegenüber dem Haus des angeblichen Ober-Putschisten packt gerade ein türkisches Fernsehteam ein; es hat seine Bilder. In der Wohnung im Seitenhaus ist niemand zu Hause, die Klingel ist abgestellt.

Mit den türkischen Fahndungsfotos, die Adil Ö. zeigen sollen, können die befragten Bewohner nichts anfangen. „Kenne ich nicht“, sagt eine Frau. „Wohnt hier nicht“, behauptet ein Nachbar. Der Hausmeister, der hier jede Woche den Flur wischt, hat den Mann auf dem Fahndungsfoto auch noch nie gesehen.

Ein Mann, der in einem Büro gegenüber arbeitet, ist sich sicher, dass der Gesuchte nicht in dem Haus wohnt: „Ich habe meinen Schreibtisch am Fenster. Den hätte ich sicher schon gesehen.“ Dann wird er nachdenklich. „Diese Veröffentlichung kommt einem Mordaufruf gleich“, sagt er.

Sicherheitsbehörden äußern sich nicht

Zwei andere Bewohner sind bestürzt darüber, dass türkische Medien die Klingelschilder ihres Hauses im Film unverpixelt veröffentlichen. „Nicht nur der gesuchte Mann ist gefährdet, sondern alle Bewohner“, sagen sie.

Jetzt, wo die Adresse des Hauses bekannt ist, klingeln einige Journalisten an den Wohnungen. Einem Bewohner reicht es. Er ruft die Polizei. Vier Streifenwagen und ein Mannschaftstransporter kommen mit Blaulicht angerast. Warum so ein Großaufgebot wegen zwei lästigen Reportern? „Wir können nicht wissen, ob es Journalisten sind oder der türkische Geheimdienst“, begründet ein Beamter.

Die Sicherheitsbehörden äußern sich zu dem Fall nicht. Unter der Hand bestätigt ein Ermittler gegenüber der Berliner Zeitung, dass Ö. tatsächlich in dem Haus wohnte. Ein Nachbar aus dem Hinterhof sagt, dass er hinter dem Fenster der Wohnung oft einen Grauhaarigen gesehen habe, der stets telefonierte. Nachdem seine Identität öffentlich wurde, brachte ihn die Polizei eilig in Sicherheit. Das geschah so hektisch, dass Ö. sogar vergaß, ein Fenster seiner Wohnung zu schließen. (mit eri.)