Witless Bay - Es ist ein lauer Sommerabend an der Atlantikküste von Kanada. Jürgen Schau steht auf seiner Terrasse auf einer Anhöhe über dem Meer und zeigt auf ein paar Inseln in der Dämmerung. „Von dort werden die Vögel schon bald zu uns rüber fliegen“, sagt Schau und drängt zur Eile. Dann streift er sich eine rote Sicherheitsweste über, schnappt sich ein Netz und eine Taschenlampe. Fast wie im Film.

Jürgen Schau ist Berliner aus Leidenschaft und ein Promi in der Entertainmentszene. Der 68-Jährige hat lange in der Hauptstadt als Filmmanager gearbeitet, hat das US-Studio SPE Columbia Tristar vertreten, hat maßgeblich an der Berlinale mitgewirkt und den roten Teppichen Berlins einen Hollywood-Star nach dem anderen präsentiert: Julia Roberts, Tom Hanks, Anthony Hopkins und viele mehr.

An diesem Sommerabend im kanadischen Neufundland aber kümmert sich Jürgen Schau um Stars der gefiederten Art: Papageitaucher. Das sind jene Vögel mit dem auffälligen Schnabel, die weite Teile der arktischen und nordatlantischen Küsten bevölkern. In Blickweite von Schaus Terrasse, auf Gull Island, lebt eine der größten Kolonien Nordamerikas mit etwa einer halber Millionen Tiere.

Einsatz für die Papageitaucher-Polizei

Um diese Jahreszeit werden die Jungvögel flügge und verirren sich, angelockt von Straßenlaternen und Licht, immer wieder an Land. „Vor sieben Jahren sah ich mit meiner Frau Elfie während unseres Sommerurlaubs in Neufundland viele tote Vögel auf der Straße liegen und wir haben uns gefragt, warum“, berichtet Schau, setzt sich in seinen gebrauchten Honda mit dem kanadischen Nummernschild, schaltet das Fernlicht an und fährt los. „Dann haben wir uns erkundigt und uns gesagt, da müssen wir was dagegen tun.“

Also haben die Schaus in Neufundland die „Puffin Patrol“ gegründet, frei übersetzt: die Papageitaucher-Polizei. In den Sommernächten im August und September patrouilliert das Paar mit Dutzenden Jugendlichen die Küste entlang, um die possierlichen Tierchen zu retten. Denn einmal an Land schaffen es die Jungvögel wegen ihrer mäßigen Flugfähigkeiten oft nicht zurück zu den Nistplätzen.

Sein Engagement hat Jürgen Schau in Kanada den Spitznamen „Puffin-Mann“ eingebracht, den er schmunzelnd hinnimmt. „Mittlerweile ist die ganze Gemeinde stolz auf die Rettungsaktion und Sponsoren haben sogar Geld für Netze, Handschuhe und Westen zur Verfügung gestellt“, berichtet Schau, während er den Wagen über eine Schotterstraße zum Hafen von Witless Bay fährt.

Das 1200-Einwohner-Örtchen, knapp eine Autostunde südlich der neufundländischen Hauptstadt St. John's, liegt nahe eines Vogelschutzgebiets und ist seit 16 Jahren so etwas wie die zweite Heimat der Schaus. Ursprünglich war das Paar wegen der Wale nach Neufundland gekommen, die hier an Küsten vorbeiziehen. Während eines Urlaubs 1997 sahen sie ein preiswertes Haus und verliebten sich in den Ort. „Das war drei Tage vor unserem Rückflug. Der Kauf war eine emotionale Entscheidung“, erzählt Schau. „Die Neufundländer haben uns mit großer Gastfreundschaft begrüßt.“

Mittlerweile verbringen sie hier jedes Jahr ihre Sommermonate und oft auch Weihnachten. Das weiße Häuschen mit den blauen Fenstern ist der Ruhepunkt geworden in ihrem ansonsten umtriebigen Berliner Leben. Als Schau vor zehn Jahren wegen einer Umstrukturierung SPE Columbia Tristar überraschend verlassen musste, zogen sich die Eheleute für drei Monate hierher zurück. „Hier war der Ort, an dem wir durchatmen konnten“, berichtet Elfie Schau, die lange in einer Werbeagentur gearbeitet hatte.

Zurück im Geschäft

Ihr Mann ist mittlerweile zurück im Geschäft, wenn auch nicht mehr mit voller Wucht. In Berlin betreibt Schau eine Consulting-Firma, berät junge Produzenten und etablierte Schauspieler und trifft sich regelmäßig mit Branchengrößen im Café Einstein oder im Borchardt. Während der letzten Berlinale hat er einen Film des Regisseurs Justin Simms nach Berlin geholt, der zum Großteil in der Bucht von Witless Bay gedreht wurde. „Für mich war der Film wie eine Brücke von Berlin nach Neufundland“, sagt Schau.

Seine Leidenschaft aber sind die Puffins. Schau ist mittlerweile am Hafen angelangt. Er stoppt sein Auto, steigt aus und begutachtet ein paar hell angestrahlte Ecken und leuchtende Werbetafeln. „Hier hüpfen oft verirrte Jungvögel irritiert herum“, erklärt Schau. Heute sind keine da – um diese Jahreszeit eher eine Ausnahme. 700 Vögel hat seine Puffin-Patrol in den letzten drei Jahren gerettet.

Die Retter fangen die Tiere mit einem Netz ein, setzen sie in eine Kiste, deponieren diese über Nacht in Jürgen Schaus Garage und setzen sie im Morgengrauen am Strand wieder aus. Jeder Puffin bekommt vor dem Aussetzen in einer feierlichen Zeremonie einen Namen. „Die Jugendlichen sind stolz und glücklich über die Arbeit. Sie langweilen sich jetzt nicht mehr so oft vor dem Fernseher“, erzählt Jürgen Schau und lacht.

Später, zurück auf der Terrasse, streift er seine rote Weste ab und gönnt sich ein lokales Bier aus Eisbergwasser. Fühlt er sich nach all den Jahren in Kanada mehr als Berliner oder mehr als Neufundländer? „Berlin ist der Mittelpunkt unseres Lebens. Neufundland aber ist unser neues Land, wo wir viele Freunde haben.“

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und das Meer schimmert dunkelrot in der Dämmerung. Jürgen Schau blickt hinaus auf die Bucht und sagt: „Das ist jetzt mein roter Teppich.“