Berlin - Schon auf den ersten Blick stimmte bei dieser Premiere am Mittwochabend im Kino Cinestar im Sony-Center etwas nicht. Der rote Teppich war zu breit und zu lang, es hingen zu viele Scheinwerfer herum und die riesige Plakatwand passte nicht recht zu einem kleinen Filmexperiment.

Diese offensichtliche Unstimmigkeit war schnell erklärt: Christian Ulmen durfte am Mittwochabend für die Premiere seines Films „Jonas“ die teuren Premierenaufbauten mitbenutzen, die bereits für die Deutschlandpremiere von „Verblendung“ mit Daniel Craig am Donnerstagabend aufgefahren worden waren. Darauf angesprochen, scherzte er über Craig: „Er hat ein Auge für den passenden Teppich. Rot war die richtige Entscheidung.“

Anfang 2011 war der Schauspieler und Komödiant Christian Ulmen („Mein neuer Freund“) für mehrere Wochen von der Bildfläche verschwunden. In dieser Zeit drehte er „Jonas“ (Untertitel: „Stell Dir vor, es ist Schule und Du musst wieder hin“). Christian Ulmen war der einzige Schauspieler im Film, alle anderen Mitwirkenden sind echte Schüler und Lehrer der musikbetonten Gesamtschule „Paul Dessau“ in Zeuthen, südöstlich von Berlin.

Bei „Jonas“ handelt es sich um „Doku-Fiction“. Ulmen hat sich jeden Tag vor Schulbeginn aufwendig von 36 Jahren auf einigermaßen glaubwürdige 18 schminken lassen und mit einer scheußlichen Perücke maximal von seinem Normalbild entfremdet. Als Jonas spielte er einen Mehrfachsitzenbleiber, der an der Schule eine Probezeit absolviert, nach der entschieden werden soll, ob er noch einmal versuchen darf, sein Abitur zu machen.

Ohne Zustimmung von Schulleitung, Lehrern, Schülern und Eltern hätte es diesen Film nicht gegeben. Wahrscheinlich war es hilfreich, dass die Schule einen ziemlich jungen Leiter hat. Der 43-jährige Thomas Drescher hatte Ulmen in anderen Rollen zuvor gesehen: „Ich kannte ihn als Schauspieler.“ Auch in den albernen Rollen. Dennoch durfte das Filmteam das Projekt allen Gremien der Schule vorstellen. Der Direktor fasst zusammen: „Es gab dann ziemlich schnell große Zustimmung.“ Drescher wollte keinesfalls, dass Schüler oder Lehrer in dem Film zum Gespött gemacht werden: „Wir haben klargemacht, dass wir es nicht dulden würden, wenn man Lehrer oder Schüler in unschöner Weise präsentiert.“

Wer nicht Teil des Films werden wollte, konnte sich raushalten. Einige Lehrer lehnten Dreharbeiten während ihres Unterrichts ab. Es gab in der Schule kamerafreie Zonen. Der Hauptteil des Drehs konzentrierte sich auf ein mit Kameras ausstaffiertes Klassenzimmer.

Mathe-Trauma aufgearbeitet

Die Klasse von Jonas und seine Lehrer kamen zur Premiere am Potsdamer Platz. Für alle anderen Schüler der Zeuthener Gesamtschule soll es am Donnerstag eine weitere Premiere in Königs Wusterhausen geben.

Werbung hatte Direktor Drescher übrigens nicht im Sinn, als er die Dreharbeiten genehmigte. Die hat seine Schule nämlich gar nicht nötig: Jedes Jahr bewerben sich mehr Schüler, als dort Plätze zur Verfügung stehen. Die Idee des Schulleiters war eine andere: „Mein Hauptgrund war, dass es für die Schüler eine tolle Erfahrung ist, wenn an ihrer Schule ein Kinofilm gedreht wird.“

Nebenbei hat Christian Ulmen ein Trauma aufgearbeitet: „Seit den Dreharbeiten hatte ich keine Alpträume mehr von der Schule.“