Sie heißen Emma, Lilo und Hanna. Sie sind Schwestern. Alle drei Mädchen wurden wenige Stunden nach ihrer Geburt ausgesetzt. Immer im Sommer, immer in der gleichen Gegend nahe dem Helios Klinikum Buch.

Emma, Lilo und Hanna kamen im Abstand von rund einem Jahr zur Welt, am 2. September 2015, am 6. August 2016 und am 27. August 2017. Bei allen Geburten wurde die Nabelschnur nicht fachgerecht durchtrennt. Jetzt fürchten die Ermittler, dass in den nächsten Wochen ein viertes Kind in Buch ausgesetzt und womöglich nicht rechtzeitig gefunden werden könnte. In ganz Deutschland hat es eine solche Serientat noch nicht gegeben.

„Es geht den drei Mädchen inzwischen gut“, sagt Kriminaloberkommissar Schwarz vom Landeskriminalamt 123 am Mittwoch im Polizeipräsidium in Tempelhof. Alle drei leben in Pflegefamilien. Später würden sie psychisch enorm belastet sein, befürchtet Schwarz.

Er und seine Kollegen gehen jetzt bewusst erneut an die Öffentlichkeit, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ein Jahr ist bald vorbei, die Frau könnte wieder ein Baby gebären“, erklärt der 40 Jahre alte Ermittler. Man könne nicht ausschließen, dass bei einem erneuten Aussetzen das Baby nicht rechtzeitig entdeckt werde und stirbt. Es gebe Indizien, dass die Sorge der Mutter um die Gesundheit der Neugeborenen nach jeder Geburt geringer wurde.

Es handelt sich vermutlich um Geschwister

Emma wurde in Babykleidung gefunden, Strampler und Jäckchen haben das Baby gewärmt. Psychologen vermuten, dass es für die Mutter das erste Kind war. Zudem wurden Blutflecken an der Babykleidung gefunden. Eine Untersuchung ergab: Die Mutter nahm das Medikament Metoprolol ein. Diese Beta-Blocker sind rezeptpflichtig und werden von Ärzten bei hohem Blutdruck sowie bei Angstzuständen verschrieben.

Beim zweiten Kind Lilo soll die Mutter keine Medikamente mehr genommen haben. Das Neugeborene war in ein blutiges Handtuch eingewickelt, auf dem DNA-Spuren der Mutter gesichert wurden. Hanna, das dritte Baby, lag auf kaltem Asphalt, eingehüllt in eine Rettungsdecke aus einem Erste-Hilfe-Kasten.

Erst als das dritte Baby gefunden wurde, stellten die Ermittler fest, dass alle drei Mädchen mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit Geschwister sind. „Wir nehmen an, dass es sich außerdem um den gleichen Vater handelt“, sagt Ermittler Schwarz. Alter und Besonderheiten der Eltern seien aus der DNA nicht ersichtlich. Die Mädchen haben ein mitteleuropäisches Aussehen.

Alle drei Säuglinge wurden sofort nach der Geburt ausgesetzt. Alle Fundorte sind zehn Minuten Autofahrt voneinander entfernt. Die Polizei geht davon aus, dass die Mutter sich im Nordosten Berlins aufhält. Der oder die Täter wollten die Babys nicht töten. Lilo und Hanna wurden vor Hauseingängen auf Privatgrundstücken abgelegt. „Das Ganze wirkte wie eine Abgabe mit der Bitte: Kümmert euch drum“, sagt Schwarz. 

Keine Details zu erkennen

Womöglich wurde die Mutter bereits einmal gefilmt. Im September 2015 ist auf Bildern aus einer Überwachungskamera des Helios Klinikums Buch eine Frau zu erkennen, die gegen 20.45 Uhr ein Baby auf dem Arm hält und es an einer Bushaltestelle ablegt. Aufgrund der Dunkelheit seien jedoch keine Details zu erkennen, heißt es.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Frau gezwungen wurde, ihre Babys auszusetzen. Nach den anstrengenden Geburten könne die Tat auch jemand anderes begangen haben. Eine religiöse Motivation sei denkbar, oder gar eine Sekte. „Alles ist möglich“, sagt der Kriminaloberkommissar. „Vielleicht hatte sich der Vater Jungen gewünscht.“ Schwarz ist zuversichtlich, die Eltern aufzuspüren. „Wir legen die Akten nicht zur Seite. Wir bleiben dran!“