Oberschöneweide liegt bekanntermaßen zwar nicht in Nevada, aber ohne das Wirtschaftsgebiet im Südosten Berlins wäre Las Vegas zumindest derzeit etwas weniger spektakulär. Denn während der dort seit Donnerstag stattfindenden Consumer Electronics Show, kurz CES, steht auch das Auto der Zukunft im Fokus. Es geht um die autonome Mobilität, bei der Automobilhersteller inzwischen nur noch schwer an dem Berliner Unternehmen First Sensor vorbeikommen. Der Sensorik-Spezialist von der Spree ist Marktführer bei jenen optoelektronischen Sensoren, dank derer Autos sehend gemacht werden können.

„Unsere Avalanche Fotodioden erkennen unsichtbare Lichtblitze, mit denen ein Lidar-Scanner seine Umgebung abtastet und einen 360-Grad-Überblick gibt“, sagt First-Sensor-Chef Dirk Rothweiler. Im Zusammenspiel mit Radar und Kameras werde autonomes Fahren in Zukunft möglich, so Rothweiler. Gerade erst habe sich sein Unternehmen im Global APD Avalanche Photodiode Market Research Report 2016 an die Spitze der Sensorikproduzenten gesetzt.

Sogenannte Lidar-Sensoren gelten längst als Schlüsselelemente der autonomen Fortbewegung. Es sind automatisierte Sinnesorgane, die Autos in die Lage versetzen, ihre Umgebung nahtlos und auf eine Entfernung von bis zu 200 Meter zu erkennen und zu bewerten. Ein solches Sensorsystem besteht aus einem Pulslaser, der im Mikrosekundentakt Lichtblitze in sein Umfeld schickt. Aus den Reflexionen wird dann rund 30 Mal pro Sekunde ein komplettes Umgebungsbild bei Tag, Nacht, Sonne, Nebel oder Schnee errechnet.

Hauptquartier samt Reinraumproduktion

Die Chips für seine sogenannten Avalanche Fotodioden fertigt First Sensor an seinem Stammsitz in Oberschöneweide. Zwischen ehemaligem Werk für Fernsehelektronik und der Hochschule für Technik und Wirtschaft an der Wilhelminenhofstraße hat das Unternehmen vor einigen Jahren sein neues Hauptquartier samt Reinraumproduktion errichtet. Seit mehr als 25 Jahren besteht das Unternehmen, entwickelt und fertigt Sensoren für die Industrie, für die Medizinbranche und seit einigen Jahren auch für die Fahrzeugindustrie. Es sind Chips, mit denen sich Entfernungen, Geschwindigkeiten, Verkehrsschilder und Spurbegrenzungen erkennen lassen und die beim Einparken und Rückwärtsfahren helfen können. International machte sich das 1990 von ehemaligen Mitarbeitern des VEB Werk für Fernsehelektronik gegründete Technologie-Unternehmen einen Namen, als es Sensorik für Googles erstes eiförmiges Roboterauto lieferte. Inzwischen macht der Bereich Mobilität ein Drittel des Gesamtumsatzes aus und ist zudem der am schnellsten wachsende Sektor des Unternehmens. Allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres ging es um 26 Prozent nach oben.

In welchen Exponaten der Technikmesse CES in Las Vegas die Chips aus Oberschöneweide zum Einsatz kommen, wird jedoch nicht verraten. Darüber hätten Lieferanten und Hersteller Stillschweigen vereinbart, heißt es. Denn natürlich will sich stets eine Automarke selbst mit der jeweiligen Innovation schmücken. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass das Berliner Unternehmen bei Ford zum Einsatz kommt. Der US-Hersteller zeigt auf der CES eine selbstfahrende Version seines hier als Mondeo bekannten Ford Fusion und erklärte dafür die Zusammenarbeit mit dem Zulieferer Velodyne, der wiederum bereits das erste Google-Auto ausstattete – samt Augen aus Oberschöneweide.

Autonome Fahrtechnologie und intelligente Vernetzung

An der Wilhelminenhofstraße verspricht man sich von dem Auftritt somit einiges. „Aktuell erkennen wir eine stark wachsende Nachfrage nach unseren Dioden – auch auf dem amerikanischen Markt, sagt der First-Sensor-CEO. Aus seiner Sicht sei Lidar eindeutig die Trendtechnologie der kommenden Jahre und ein klarer Wachstumsmarkt. „Unsere Aufgabe ist es nun, unsere Technologie und Infrastruktur systematisch weiterzuentwickeln, sodass wir uns über erste Testfahrzeuge hinaus auch für geplante Serienautomobile erfolgreich qualifizieren“ , so Rothweiler.

Tatsächlich steckt in dem Geschäft ein beträchtliches Potenzial. Zwar sind selbstfahrende Autos bislang noch nur Pilotprojekte, doch Prognosen zufolge werden bereits in weniger als 20 Jahren 54 Millionen solcher Fahrzeuge unterwegs sein. Doch so weit muss man gar nicht gehen. Analysten der Boston Consulting Group erwarten für Systeme mit Autopilotfunktionen bereits bis 2025 ein weltweites Marktvolumen von etwa 42 Milliarden Dollar. Zehn Jahre später sollen es 77 Milliarden Dollar sein. „Autohersteller, die heute in innovative Fahrerassistenzsysteme, autonome Fahrtechnologie und intelligente Vernetzung von Fahrzeugen investieren, werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen entscheidenden Wettbewerbsvorsprung haben“, heißt es dort. Gute Aussichten also für First Sensor und auch für Oberschöneweide, wo übrigens schon vor 100 Jahren ebenfalls Autos gebaut wurden.