Die erste Kostprobe geht an Rockfans. Am 4. Juni treten in der Zitadelle Spandau die Hollywood Vampires auf, eine gealterte, aber nicht minder schillernde Combo bestehend aus Alice Cooper, Johnny Depp und Joe Perry. Es ist das erste von 20 Sommerkonzerten in der Festung und auch das erste Mal, dass Klaus Hidde mit seinem Fischstand ausrückt. Er wird hinter der Menge stehen und – wenn alles klappt – echte „Tiefwerder Tiergarten-Brötchen“ mit Krebsfleisch anbieten.

Diesen Namen für sein neues Produkt hat er schon festgelegt. „Tiefwerder, das Fischerdorf in Spandau, da komme ich her. Und Tiergarten, na, da kommen eben die Krebse her“, sagt der 63-Jährige. Als einziger Fischer darf Klaus Hidde in Gewässern im Tiergarten und im Britzer Garten Reusen auslegen. Im Auftrag der Stadt soll er die Invasion der Roten Amerikanischen Sumpfkrebse stoppen.

Über die milden Winter der vergangenen Jahre hatten sich einzelne, wohl aus Aquarien ausgebüxte oder von Haltern freigesetzte Krebse im Tiergarten explosionsartig vermehrt. Der viele Regen trieb sie vor einem Jahr erstmals aus ihren Verstecken. Spaziergänger staunten sehr, als plötzlich Schalentiere die asphaltierten Parkwege bevölkerten. Schon im vorigen Herbst gingen bei einer Fangaktion etwa 4000 Tiere in die Netze – allerdings waren sie noch nicht für den Verzehr freigegeben. 

Schmackhafte Krebse zu fangen obliegt nun Klaus Hidde. Vor einer Woche hat er seine Reusen ausgelegt, zehn im Tiergarten, zwölf in Britz. Seitdem hat er in Mitte etwa 1000 Tiere aus dem Wasser gezogen, im Süden Neuköllns etwa doppelt so viele. Zweimal pro Woche kontrolliert der Fischer die Beute. Gerade steht er in Wathose knietief in einem Ausläufer des Neuen Sees und hantiert mit einer Hakenstange.

Einziger Berufsfischer in Spandau

„Wollen wir wetten, wie viele heute im Netz sind?“, fragt er und schaut verschmitzt in die Runde der Reporter. Die Neugier auf die Ausbeute in der Reuse, „der Jagdinstinkt“, wie er sagt – das ist es, was das Fischen für Klaus Hidde ausmacht. „Der Geschmack ist es jedenfalls nicht. Ich mag keinen Fisch.“ 

32 Jahre lang arbeitete Hidde in einer Bank als Kreditsachbearbeiter, prüfte Anträge und Zahlungsrückstände. Nebenbei half er seinem Sohn, der sich mit einem Fischereibetrieb selbstständig gemacht hatte. Das war kein Zufall: Seit dem 15. Jahrhundert halten die Familien in Tiefwerder das Fischereirecht auf der Unterhavel. Hiddes Sohn ist heute jedoch der einzige Berufsfischer in Spandau, ungefähr zehn arbeiten noch in ganz Berlin.

Problem für das Ökosystem

Jetzt zieht Klaus Hidde mit der Hakenstange an der Reuse, deren Maschen langsam über Wasser geraten. „Alles über fünf Krebse wäre viel“, wettet Klaus Hidde noch schnell gegen sich selbst – und gewinnt. Es sind nur drei. Dazu ein zappelnder Aal. „Den Tiergarten haben wir schon ziemlich abgefischt. Im Britzer Garten ist noch mehr Musik drin“, glaubt der Fischer.
Doch auch Klaus Hidde kann nicht hundertprozentig wissen, was sich auf dem Grund des Tümpels noch befindet.

Denn die Tiere pflanzen sich rasant fort. Sie gelten als anspruchslos und gefräßig, vertilgen sowohl Fischlaich, Lurche und Kaulquappen als auch Pflanzenreste. Zudem können die aus dem Süden der USA eingewanderten Kneifer die Krebspest übertragen, die heimischen Arten den Garaus macht. Obwohl in Berlin keine solchen Ureinwohner mehr leben, sind Rote Amerikanische Sumpfkrebse ein Problem für das Ökosystem. Sie stehen auf der EU-Liste der invasiven Arten, deren Ausbreitung es zu verhindern gilt.

12 bis 16 Euro pro Kilo

Nachdem Klaus Hidde alle zehn Reusen im Tiergarten geleert hat, krabbeln insgesamt 28 Scherentiere durch einen Bottich. „Ich nehme sie mit nach Hause, da werden sie gehältert“, sagt der Fischer. Das heißt, er bewahrt die Krebse in großen Becken zunächst lebend auf. Siebe verhindern, dass daumengroße Jungtiere entwischen und etwa ins Abwasser gelangen.

Will er die Delikatessen lebend verkaufen, muss der Abnehmer ein gastronomischer Betrieb sein. Die Fischzüchter vom Projekt 25 Teiche, die in der Markthalle Neun in Kreuzberg einen Stand betreiben, haben Interesse angemeldet. „Schätzungsweise 12 bis 16 Euro pro Kilo kann ich verlangen“, sagt Klaus Hidde.

„Tiefwerder Tiergarten-Brötchen“

Doch er will die Delikatessen auch direkt den Hungrigen anbieten, auf Konzerten, oder auch bei den Marktfesten in der Domäne Dahlem. Dafür tötet er die Krebse, indem er sie Zuhause am Herd in kochendes Wasser wirft. Die Schweiz hat diese Methode, Hummer und andere Krustentiere zuzubereiten, gerade verboten. Dort müssen die Tiere zuvor betäubt werden, damit sie keine Qualen ausstehen. In Deutschland ist das Kochen aber noch legal. 

Anschließend könnte man die Krebse in Öl einlegen oder räuchern, aufs Brot legen oder zu Krebspfanne verarbeiten: Klaus Hidde hat viele Ideen. Er will in den kommenden Wochen experimentieren. Spätestens zum 4. Juni soll das Rezept für das „Tiefwerder Tiergarten-Brötchen“ stehen. Bleibt nur zu hoffen, dass Rockfans gern Krebs essen.