Haben die Berliner ihre Eltern gegessen? Gibt es in Berlin Kieze? Wer hat die Fischerinsel erfunden? Ein Gespräch mit Prof. Felix Escher, der an der TU Mittelaltergeschichte lehrt, über den Wahrheitsgehalt von Berliner Mythen.

Herr Escher, fangen wir mit Friedrich Engels an. Der schrieb in der „Dialektik der Natur“: „Die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert.“ Wie kam er denn darauf?

Er wollte zum Ausdruck bringen, dass er die Berliner für ein kulturloses Volk hielt und spottete aus der Ferne gegen die politischen Entwicklungen. In Preußen und Österreich gab es ja im 19. Jahrhundert große slawische Minderheiten, denen man einen minderwertigen Zustand andichtete. Man versuchte, die Dominanz des Germanischen in die Geschichte zurückprojizieren. Engels bringt in diese Debatten eine ironische Lesefrucht ein – auch um das Berliner Gerede zu diskreditieren. Auch Marx hat sich mit den Slawen beschäftigt: Er war der Meinung, dass es bei ihnen kein Privateigentum gegeben hätte.

Wie kam diese Engels-Glosse in der DDR an?

Es gab in der Humboldt-Universität in den 1960er-Jahren einen kurzen Kampf über die Anfänge des Feudalismus, wobei auch die Slawen eine Rolle spielten. Der führende DDR-Mediävist Eckhard Müller-Mertens versuchte, die Historizität der Erkenntnisse von Marx und Engels zu hinterfragen, also auf ihren geschichtlichen Gehalt hin zu prüfen. Doch in der Philosophischen Fakultät stieß er auf ganz starke Gegenströmungen von Leuten die fanden: Engels konnte nicht irren.

Die Insel, auf der die Stadt Cölln gegründet wurde, nennt sich heute Fischerinsel. Der eigentliche Name ist fast vergessen. Gab es dort je eine Fischerinsel?

Nein, nie. Es gab eine kleine Insel an der Fischerstraße, aber das war nie eine Fischerinsel. Darauf ist ein Speicher erbaut worden, weshalb sie Speicherinsel hieß.

Wie kam es zur Fischerinsel?

Die DDR hatte folgendes Problem mit ihrer Hauptstadt: Berlin und Cölln waren Handelsstädte gewesen, mit lauter Kaufleuten. Wo blieben da die Produktivkräfte? Fischer waren die einzigen Quasi-Frühproletarier, die es zahlreich gegeben hat – zumal die Fischer keine eigene Zunft hatten. Die Fischereirechte hafteten an den Häusern, so dass zum Beispiel ein Handwerker, der ein solches Haus kaufte, zugleich Fischer wurde.

Hat jemand den Namen erfunden?

Es ist wohl einfach das Projekt der Neubebauung so benannt worden. Zuvor war gelegentlich die Fischerstraße fälschlich als Fischerkiez bezeichnet worden, was sie nicht war, denn ein Kiez ist ja etwas sehr Spezielles.

Da sind wir beim nächsten Märchen, das lautet: Wo Berlin steht, existierte ein wendisches Dorf. Wer hat das erfunden und warum?

In Berlin und Cölln sind umfangreiche und intensive archäologischen Untersuchungen angestellt worden. Sie erbrachten auch Siedlungsfunde. Auf den Spreeinseln bestand zeitweise um das Jahr 1000 eine mittelslawische Siedlung, aber die hört irgendwann auf. Es ist keine Kontinuität nachweisbar. Im 12./13. Jahrhundert entstand also etwas Neues – und das war keine Wendensiedlung. Da waren Kaufleute am Werk, die aus dem Westen kamen. Daher auch der Name Cölln für die Stadtgründung. Kurz gesagt: Im Kernraum Berlins existierte keine slawische Vorläufersiedlung.

Und anderswo?

Ja, in Treptow, Köpenick, Spandau, Biesdorf. Es gab auch eine Siedlung Lietzow, später Charlottenburg. In der Umgebung Berlins ist auch slawisch gesprochen worden, aber nicht in der Stadt – genauer: nicht von den Bewohnern der Stadt.

Nazi-Bürgermeister Julius Lippert behauptete: Berlin steht auf urgermanischem Boden…

Das ist Unsinn. Historiker versuchten in jener Zeit tatsächlich zu belegen, dass es Urgermanen gab. In der Nazizeit kam deshalb auch der Begriff Urgermanenzeit auf anstelle von Bronze- oder Hallstattzeit. Die Eisenzeit und frühdeutsche Zeit bis 1000 hieß dann Großgermanenzeit. So wurde Leuten, die nicht zwischen den Zeilen zu lesen verstanden, eine mehrtausendjährige Kontinuität vorgespiegelt, die keineswegs nachzuweisen ist.

Aber germanische Leute haben hier doch auch gewohnt ...

Ja, die waren hier ansässig, dann aber weg. Germanen, Slawen, frühe Deutsche unterschieden sich kulturell recht wenig. Die einen gingen in den anderen auf, und sicherlich hielten sich lange germanische Einflüsse, was man zum Beispiel aus Gewässernamen lesen kann.

Zum Beispiel?

Die Havel, der Name wird mit Haff in Verbindung gebracht, also einer seenartigen Erweiterung. Doch oft sind die Gewässernamen eben auch noch älter, also vorgermanisch, was man heute alteuropäisch nennt. Vieles kommt aus dem Dunkel der Geschichte.

Kiez ist ein vielbenutztes Modewort. Gab es in Berlin jemals einen echten Kiez?

Nein, in Berlin selbst nicht. Ein Kiez (auch Kietz) ist eine Dienstsiedlung, die mit einer Burg verbunden ist. In Berlin gab es nie eine Burg. Wohl aber in Spandau, Köpenick und anderen Städten.

Warum aber nennt nun jede Nase in Berlin seine Straße und ein bisschen Drumherum Kiez?

Die Dienstsiedlungen haben als Fischergemeinschaften überlebt. Ihre Verpflichtungen wurden durch Abgaben ersetzt, ihre Fischereirechte verteidigten die Kiezer jedoch über die Jahrhunderte mit Klauen und Zähnen. Schon allein wegen ihrer Sonderrechte galten sie als speziell und wendisch, obwohl sie das durchaus nicht (mehr) waren. Offenbar ist eine ursprünglich slawische Einrichtung in deutscher Zeit vollständig umgestaltet und nutzbar gemacht worden.

Was hat es mit jenen alten Siedlungen zu tun, wenn ein Kreuzberger sagt, er wohne im Graefe- oder Wrangel-Kiez?

Im 18./19. Jahrhundert hieß es abwertend: Im Kiez leben arme Leute, in Hütten, eng beieinander. Die halten fest zusammen. Das mussten sie, wenn sie ihre Lebensgrundlage, die Fischereirechte, verteidigen wollten. Der Begriff Kiez hatte einen sehr negativen Klang: Man verstand darunter einen abgeschlossenen und sich von der Umwelt abschließenden Ort, der von außen als minderwertig gesehen wurde. Davon zeugen Redensarten wie: „Du bist wohl vom Kiez“ oder „Der wohnt aufm Kiez“. Das Wort Kiezer galt als Schimpfwort. Interessanterweise spricht man in Hamburg von „Kiezgrößen“ und meint Kriminelle. Der negative Begriff hat sich allerdings in den vergangenen 30 bis 40 Jahren ins Positive verwandelt.

Man hält im Kiez zusammen – heute gegen einströmende, fremde Gentrifizierer?

Man sucht Heimat, Enge und Geborgenheit. Das ist eine anthropologische Grundkonstante. Das wird jetzt mit dem Begriff Kiez ausgedrückt. Und der Berliner hatte ja eine Vorstellung von Kiezen, er kannte welche aus dem Umland – Kleinsiedlungen mit undefinierbarer Bevölkerung.

Welcher Mythos ist neuerdings im Schwange?

Der von der Tempelhofer Freiheit auf dem Tempelhofer Feld – da wird ein völlig unhistorischer Begriff angeführt als Argument gegen eine Bebauung. Demnach soll es früher einmal einen Kaufvertrag gegeben haben, der die Freihaltung des Tempelhofer Feldes beinhaltete. Da wird etwas in die Geschichte hineinprojiziert, was es nicht gab.

Wahr ist, dass im 18. Jahrhundert die Äcker dort in Dreifelderwirtschaft bebaut wurden – also in einer bestimmten Fruchtfolge. Dabei lagen immer große Flächen brach, auf denen das preußische Militär in Tempelhof auf der Feldmark seine Paraden und Manöver abhielt. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert verschwanden dann diese Brachen. Deshalb kaufte der Militärfiskus den Tempelhofer Bauern einen Teil der Ackerflächen ab – so viel wie vorher die Brachfläche umfasst hatte – und nutzte das Terrain weiter für militärische Zwecke. Wenn das Land gerade nicht gebraucht wurde, verpachtete man es zu rück an die Bauern. Das ist das Tempelhofer Feld. Das ging bis 1918, dann kam der Flugplatz.