Spurensicherung am 3. November 2008 am Spree-Seitenarm 
Foto: Thomas Schröder

BerlinIm Fall des sogenannten Fischerinsel-Mordes prüft die Justiz nun, ob eine Wiederaufnahme des Verfahrens notwendig ist. Bei diesem Fall war am Abend des 3. November 2008 der Immobilienmakler Friedhelm Sodenkamp auf einem Uferweg an der Fischerinsel erschossen worden. Den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens sei beim Landgericht eingegangen und werde von der zuständigen Kammer geprüft, bestätigte eine Gerichtssprecherin. Gestellt hat den Antrag der 42-jährige frühere Bauunternehmer Benjamin Lutzen (Name von der Redaktion geändert), der 2009 wegen Anstiftung zu diesem Mord zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

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Er bestreitet bis heute jede Beteiligung an der Tat und begründet seinen Antrag nun damit, dass dem Gericht seinerzeit wichtige Beweismittel vorenthalten worden seien und dass er in den Akten – wie bereits berichtet – eine Spur zu möglichen anderen Tätern gefunden hat.

Dubiose Rolle zweier Zeugen aus dem Rotlichtmilieu

Als mutmaßlicher Schütze wurde ein ehemaliger Fremdenlegionär aus Polen überführt. Lutzen und einem ehemaligen Geschäftspartner wurde zur Last gelegt, den Polen zur Tat angestiftet und bezahlt zu haben. Alle drei bestritten bei Gericht eine Beteiligung. Trotzdem verurteilte das Gericht sie zu lebenslanger Haft.

Im Wiederaufnahmeantrag wird auf die dubiose Rolle zweier Zeugen aus dem Rotlichtmilieu eingegangen, die im Prozess eine wesentliche Rolle spielten, weil sie die Ermittler erst auf die Spur zum mutmaßlichen Schützen und zu dessen angeblichen Auftraggebern brachten. Lutzen ist sich sicher, dass mindestens einer der beiden ein Polizeiinformant gewesen war. Dies sei aber von den Ermittlern vertuscht worden.

Auf den Verdacht kam Lutzen durch die aufwendige Auswertung von Telefondaten, die die Ermittler nach dem Mord von den Verdächtigen und Zeugen erhoben hatten, aber dem Gericht nur auszugsweise vorlegten. Lutzen fand diese Daten, als er während seiner Haft die Ermittlungsakten las.

In den Akten würden auch mehr als 60 Kommunikationsverbindungen von 13. Oktober bis 7. Dezember 2008 auftauchen, sie beträfen Telefonate   zwischen einem der beiden Hauptbelastungszeugen und einer Person namens Peter K. Als Adresse des Telefoninhabers K. ist in den Daten ein Gebäude am Erkelenzdamm registriert. „Dort sitzt ein großes Immobilienunternehmen, und als ich dort nach K. fragte, sagte man mir, ein solcher Name sei ihnen unbekannt“, sagt Benjamin Lutzen. „Es ist zudem auffällig, dass bei den meisten Telefonaten mit dem Zeugen die Standortkoordinaten von Peter K. auf ein Gebäude in unmittelbarer Nähe des Landeskriminalamtes am Columbiadamm passen.“ Lutzen vermutet, dass dieser K. ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes ist, der einen informellen Kontakt zum Zeugen unterhielt.

Widersprüche in den Aussagen

Unklar ist, ob die Polizei in ihren damaligen Ermittlungen überhaupt alle vorliegenden Telefondaten ausgewertet hatte. Denn wäre dies der Fall, hätten den Ermittlern Widersprüche in den Aussagen der beiden Belastungszeugen auffallen müssen. So behaupteten diese gegenüber der Polizei Anfang Dezember 2008, sich bis dahin nur flüchtig gekannt zu haben. Tatsächlich aber sind in den Telefondaten 1800 Telefonate und SMS zwischen beiden in den Monaten rund um den Mord registriert.

Laut den Telefondaten telefonierte außerdem einer der beiden Hauptzeugen knapp vier Wochen nach dem Mord mit dem Inhaber einer tschechischen Telefonnummer. Das Besondere daran:   Die Nummer war am Abend nach dem Mord von einer anderen tschechischen Nummer angewählt worden, die zur Tatzeit am Tatort an der Fischerinsel eingeloggt war. „Wären all diese Tatsachen im Prozess bekannt geworden, wäre das Gericht ganz anders mit den Zeugen umgegangen und hätte ihre Aussagen vermutlich auch kritischer bewertet“, sagt Lutzen.