Inselbrücke über den Spreekanal zur Fischerinsel.
Foto: imago/Günter Schneider

BerlinDer sogenannte Fischerinsel-Mord von 2008 wird vorerst nicht noch einmal vor Gericht aufgerollt. Das Berliner Landgericht hat den Wiederaufnahmeantrag des als Mittäter verurteilten Benjamin Lutzen* abgewiesen. Lutzen hatte seinen Antrag unter anderem damit begründet, dass dem Gericht im ersten Prozess wichtige Beweismittel von der Polizei vorenthalten worden seien.

Am Abend des 3. November 2008 war der Immobilienmakler Friedhelm Sodenkamp auf einem Uferweg an der Berliner Fischerinsel erschossen worden. Als mutmaßlicher Schütze wurde ein ehemaliger Fremdenlegionär aus Polen überführt. Lutzen und seinem ehemaligen Geschäftspartner Torsten L. wurde zur Last gelegt, den Polen zu der Tat angestiftet und dafür bezahlt zu haben. Alle drei Angeklagten, die eine Verwicklung in den Mord bestritten, verurteilte das Berliner Landgericht zu lebenslangen Haftstrafen. Eine wesentliche Rolle in dem Prozess spielten die Aussagen zweier Zeugen aus dem Rotlichtmilieu, die die Ermittler erst auf die Spur zu den später verurteilten Tätern gebracht hatten.

Während seiner Haftzeit hatte Lutzen die Ermittlungsakten zu dem Fall akribisch analysiert. Insbesondere wertete er Kommunikationsdaten aus, die Ermittler nach dem Mord von den Tatverdächtigen und Zeugen erhoben hatten. Diese Daten hatte die Polizei jedoch nur zum Teil ausgewertet, sie lagen auch dem Gericht nur auszugsweise vor. Bei seiner Analyse war Lutzen auf Widersprüche und Spuren gestoßen, die auf andere Tatbeteiligte hinzuweisen scheinen.

So zeigte sich etwa, dass keine der von dem als Mörder verurteilten Polen genutzten Handynummern am Tattag und zur Tatzeit in der Nähe der Fischerinsel eingeloggt waren. Dafür fand Lutzen in den Telefondaten zwei tschechische Handynummern, die zur Tatzeit am 3. November 2008 an der Fischerinsel eingeloggt waren. Unmittelbar nach den tödlichen Schüssen telefonierten beide Nutzer miteinander. Eine Viertelstunde später wurde von einer der beiden Nummern eine dritte tschechische Handynummer angewählt. Und von dieser dritten Nummer ging knapp vier Wochen später ein Anruf auf das Handy eines der beiden Hauptbelastungszeugen ein, dessen Aussage wesentlich war für die Verurteilung der Angeklagten. Die Düsseldorfer Rechtsanwältin Viktoria Reeb hatte für Lutzen einen 73 Seiten umfassenden Schriftsatz erarbeitet, mit dem der Wiederaufnahmeantrag akribisch begründet wurde. Die Polizei habe entscheidende, die Angeklagten möglicherweise sogar entlastende Beweismittel dem Gericht vorenthalten, erklärte Anwältin Reeb und sprach von „neuen objektiven Beweismitteln, welche die Beweisführung des erkennenden Gerichts grundlegend erschüttern“.

Das sieht das Landgericht jetzt anders. In seinem Beschluss vom 7. Mai zur Ablehnung des Wiederaufnahmeantrags heißt es, dass es sich bei den ins Feld geführten Kommunikationsdaten nicht um neue Beweismittel handele, da sie ja im alten Verfahren bereits vorlagen. Dass nicht alle Einzelheiten dieser Daten in den schriftlichen Urteilsgründen dargestellt und abgehandelt werden, sei kein Beleg dafür, „dass die Kammer die sich aus den Telekommunikationsdaten ergebenden Umstände seinerzeit nicht zur Kenntnis genommen hat“, argumentieren die Richter.

Auch die Behauptung, die Polizei habe die Daten nur „rudimentär“ ausgewertet, „liefern keinen Beweis, dass die Kammer Tatsachen übersehen und nicht lediglich anders gewürdigt hat“. Der Umstand, dass zur Tatzeit am Tatort zwar nicht das Handy des verurteilten Täters, wohl aber unbekannte tschechische Handynummern eingeloggt waren, sei zudem „völlig ungeeignet, den ‚wahren‘ Täter zu überführen und dadurch den Antragsteller zu entlasten“, halten die Richter fest und fügen süffisant hinzu: „Es gibt keinen Erfahrungssatz, dass Personen stets bei der Begehung von Straftaten ihr eingeschaltetes Mobiltelefon bei sich tragen und dadurch die Erstellung eines zutreffenden und lückenlosen Bewegungsprofils ermöglichen.“

Lutzens Anwältin Viktoria Reeb überzeugt die Begründung des Landgerichts nicht. Sie hat bereits Beschwerde gegen den Beschluss eingelegt. „Mit der Ablehnung des Wiederaufnahmeantrags hat die Kammer meinem Mandanten die Möglichkeit genommen, nachzuweisen, dass sich ein anderer als der verurteilte Mörder zur Tatzeit am Tatort befand“, sagt sie. „Ich muss das so deuten, dass die Kammer an dieser Wahrheit kein Interesse zu haben scheint.“

*Name von der Redaktion geändert