Kerzenmacherin Christin Zander verziert eine der Kerzen.
Foto: Berliner Zeitung/Bernd Friedel

Wiesenburg/MarkDas Wachs ist ein bisschen zu warm. Der Wachszieher-Meister lässt den endlosen weißen Strang, der wie eine vielfach gespannte Wäscheleine in einer ungetümen Trommelmaschine rotiert, durch die Hände gleiten. „Ich muss kühlen“, sagt er, „sonst bildet sich kein gleichmäßiger Kern. Und das wäre nicht gut für die Qualität der gesamten Kerze.“

Der 39-jährige Junior-Chef der Buchal-Kerzenfabrik in Reetzerhütten, einem Ortsteil von Wiesenburg/Mark, knipst eine in der Mitte der halb automatischen Wachs-Zugmaschine platzierte Lüftung an. Die ohnehin paraffingetränkte Luft riecht gleich noch viel intensiver.

In der Kerzenfabrik wächst die Kerze Ring für Ring

In der Kerzenfabrik im Fläming wird das Handwerk des Wachsziehens noch auf ganz klassische Art und Weise betrieben. „Hier wird jede Kerze gezogen, aus diesem Haus kommt kein gepresstes oder gar wie Schlagsahne aufgeschäumtes Wachsprodukt“, sagt der Seniorchef Klaus-Peter Klenke. Er und sein Sohn schwören darauf, jede Kerze wie einen Baum Ring für Ring wachsen zu lassen, weil sie nur so eine lange, gleichmäßige Brenndauer entwickelt.

In der Manufaktur ist alles Handarbeit.
Foto:  Berliner Zeitung/Bernd Friedel

Das in der Zugmaschine rotierende weiße Band ist der Kerzendocht, den die Maschine unentwegt durch ein Wannenbad mit flüssiger Tinktur zieht. Die erhitzte spezielle Mischung aus Paraffin, Stearin und Bienenwachs, die die beiden Traditionalisten zuvor in einem großem gusseisernen Feuerkessel angesetzt haben und nun Eimer für Eimer nachfüllen, legt sich geschmeidig um den Docht.

„Wir machen hier die Kerzenrohlinge für Altarkerzen. Das dauert bei dem eingestellten Durchmesser von 45 Millimetern so um die viereinhalb Stunden“, sagt Christian Buchal. „Damit sind wir aber immer noch längst nicht fertig.“

So bekommen die Kerzen ihren harten Mantel

In einem weiteren Produktionsraum hängen die am Vortag produzierten Kerzenkerne über weiteren wachsgefüllten Bottichen. „Hier bekommen die Rohlinge ihren harten und bruchfesten Mantel. Dafür brauchen wir wieder ganz andere Mischungen. Und je nach gewünschter Länge tauchen oder gießen wir sie“, erklärt der Senior.

Von der Handzugbank zur Vollautomatik

Das Wachsziehen ist eines der ältesten Herstellungsverfahren: Gezogene Kerzen gelten noch immer als die mit der besten Qualität. Industriell werden sie heute in vollautomatischen Zugmaschinen hergestellt. Bis ins letzte Jahrhundert hinein wurde der Docht mit Muskelkraft über Handzugbänke durch das Wachs gezogen.

Eine derartige voll funktionsfähige Maschine steht noch in der Buchal-Kerzenfabrik von Reetzerhütten zu Demonstrationszwecken. Die Kerzen-Fabrik lädt in loser Folge zu Betriebsführungen ein. Die Manufaktur befindet sich in 14827 Reetzerhütten, Am Sägewerk 1, Telefon 033849/50366.

Es gibt sowohl den Beruf des Wachsziehers als auch des Wachsbildners. Die Theorie wird in einer Berufsschule in München gelehrt. Im südlichen Bundesland gibt es auch eine bayerische Wachszieher-Innung. Im Fläminger Betrieb wurden nach der Wende wieder über ein Dutzend Fachkräfte praktisch ausgebildet.

Das Tauchen ist die einfachere Variante. Das Karussell-Gerüst mit den Kerzen muss „nur“ wieder und wieder ins tiefe Wachsfass gedrückt und dabei gedreht werden, bis der endgültige Umfang erreicht ist. „Die extralangen Sorten müssen wir aber gießen, weil das mit den Behältern nicht mehr funktioniert“, sagt der 63-jährige Firmeninhaber.

Herstellung der Kerzen ist "Knochenarbeit"

Dafür greift er sich einen Stieltopf, in dem man zuhause sein Gemüse garen würde, und steigt auf eine Leiter. Vor der hängt das nächste, über Kopfhöhe gezogene Kerzenkarussell. Darunter steht wieder ein dünstender Wachstrog. Daraus schöpft der Fabrikant ohne Unterlass die heiße Flüssigkeit und schüttet sie über die baumelnden Stangen.

Schöpfen, gießen, drehen, schöpfen, gießen, drehen – die Paraffinmischung erkaltet am Kerzenkern und so wächst dieser allmählich in die Breite und nach unten in die Länge. „Das geht auf die Knochen und kann je nach gefordertem Maß bis zu drei Tage dauern“, sagt Klaus-Peter Klenke, „aber so kriegen wir auch Sonderlängen in hoher Qualität hin.“

Die Kerzen werden dekoriert.
Foto: Bernd Friedel

Und die sind vor allem in den Gotteshäusern gefragt. In der DDR war der Fläminger Betrieb der einzige, der für die Kirchen produziert hat. Daneben schwören auch Filmgesellschaften seit der Firmengründung vor knapp 100 Jahren bis heute auf die hochwertigen Sonderanfertigungen.

„Der Großvater hat zum Beispiel schon für die UFA gearbeitet, die Mutter für die DEFA und wir sind nun mit dem Filmstudio Babelsberg im Geschäft“, beschreibt der studierte Chemie-Ingenieur Klenke die Zeitenwechsel, die das Familienunternehmen alle überlebt hat.

Nach der körperlichen Arbeit kommt die Verzierung

Ob spitz oder kugelförmig, ob weiß oder farbig, ob als Bild oder Figur – in den Ecken der Arbeitsräume stehen Apparaturen, die jedes erdenkliche Wachsgebilde drechseln, schneiden oder schleifen können. Und es gibt ja auch noch die Hände der beiden Wachsbildnerinnen in der insgesamt vierköpfigen Belegschaft.

Während sich Vater und Sohn um die körperlich schweren Arbeiten des Ziehens, Tauchens und Gießens kümmern, sorgen die Frauen für die individuelle Gestaltung der Jubiläums-, Schmuck- und Zierkerzen jeder Art. Sie hantieren an ihrem Modelliertischen mit Farbtöpfen, mit Pinseln, Messerchen und Pinzetten.

Sie tragen Muster auf, formen plastische Effekte, heften in Formen gegossene Figuren und Gesichter an die Kerzenkörper. Ob Tannengrün oder Engel, ob runde Geburtstagszahl, buntes Schleifchen oder goldener Ring – es versteht sich, das alles nichts weiter ist als Wachs aus der Rezeptküche dieser altehrwürdigen Familienmanufaktur.