Die Bomber kamen in mehreren Wellen. Bei jeder Detonation in der Nähe zuckten die Menschen zusammen. Dicht gedrängt saßen die Einwohner von Alt-Stralau auf den Parkbänken, die man hastig hierher in den muffigen Tunnel geräumt hatte. Während der Bombenalarme vertrieben sich die alten Männer, die nicht beim Volkssturm waren, die Frauen und Kinder die Zeit mit Kartenspielen oder versuchten zu schlafen. Aus einem Behälter mit dem Kürzel RLM (Reichsluftfahrtsministerium) der auf einem Klappstuhl stand, gab es Wasser oder Tee. Die Luft war stickig, wie eine alte Frau später berichtete.

Vor 70 Jahren brachten alliierte Flugzeugverbände den Krieg, der von der Deutschen Hauptstadt ausging, nach Berlin zurück. Die Richtschützen in den Flugzeugen nahmen anfangs noch Gebiete ins Visier, die zur Kriegsinfrastruktur gehörten: Fabriken, Schienenwege – das Ostkreuz. Die Halbinsel Alt-Stralau lag mitten drin. Gegen Kriegsende warfen sie ihre tödliche Last vor allem über den Wohngebieten ab.

Alles Mögliche wurde als Unterschlupf vor den Angriffen hergerichtet: Keller von Mietshäusern, der fertige Fundamentblock für ein nie begonnenes Hochhaus am Alexanderplatz und U-Bahn-Schächte.

Von der Inselspitze zum Zenner

Auch ein Tunnel, der einst von Alt-Stralau unter der Spree hindurch nach Treptow führte, wurde zum Schutzraum. Von dem 582 Meter langen Tunnel wissen heute nur noch Wenige. Die Eingänge lagen an der Spitze der Halbinsel beziehungsweise westlich der Gaststätte Zenner.

Erbaut hat den Tunnel zwischen 1895 und 1899 die Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen. Teilhaber waren AEG, die Deutsche Bank und Philipp Holzmann & Co. Dieser erste Unterwassertunnel Deutschlands war auch der erste, der im Schildvortriebverfahren gebaut wurde. Er diente als Probetunnel für den späteren Berliner U-Bahn-Bau. Durch diese Röhre fuhr einspurig die erste öffentliche Untergrundbahn hin und her. Immer wieder gab es jedoch Probleme mit Spreewasser, das in die 3,76 Meter breite Betonröhre einsickerte. Deshalb wurde 1932 der Straßenbahnverkehr eingestellt. Fußgänger durften den Tunnel aber weiter nutzen.

Anfang 1945, als die Luftangriffe zunahmen, wurde der Abschnitt auf der Stralauer Seite als Luftschutzraum hergerichtet. Arbeiter bauten in die Röhre eine Trennmauer ein. Sie sollte den Schutzraum im Falle eines Bombentreffers vor den Wasserfluten der Spree schützen. Ab Februar mussten die Menschen nicht mehr nur Nachts sondern auch am Tag Schutz suchen. So warfen am Mittag des 18. März , als etwa 1200 US-Bomber mehr als 3000 Tonnen Bomben ab. Der letzte große Tagesangriff der US Airforce begann dann am Nachmittag des 10. April.

Eine Zeitkapsel

Nach Kriegsende wurde der Eingang zum Luftschutzraum verschlossen. Der Tunnel lief langsam mit Wasser zu.

Mit den Jahren geriet er in Vergessenheit. 1996 begann die Entwicklungsgesellschaft Rummelsburger Bucht mit Untersuchungen für die geplante Neubebauung der Halbinsel, auf der in den kommenden Jahrzehnten hunderte neue Wohnungen entstanden. Die Entwicklungsgesellschaft legte damals den Alt-Stralauer Eingang zum Tunnel für kurze Zeit frei. Sie trug sich mit dem Gedanken, den Tunnel wieder zu eröffnen, gab das Projekt aber schnell wieder auf.

Die Feuerwehr pumpte das Wasser im Luftschutzraum ab. Der Luftschutzraum kam zum Vorschein, wie die Menschen ihn verlassen hatten. In dieser Zeitkapsel standen vom Schlamm überzogene Schuhe noch genau so, wie sie abgestellt wurden. Teller, Bestecke stapelten sich auf den Bänken, ein Kamm, ein Kartenspiel lag daneben. Die Chefs der Entwicklungsgesellschaft luden damals Journalisten zur Besichtigung ein. Es entstanden einige Fotos. Die Negative der hier gezeigten Bilder schlummerten viele Jahre im privaten Fotoarchiv des Autoren.

Nach dem Fototermin wurde das Loch wieder verschlossen und man überließ den Luftschutzraum wieder der Zeit. Heute wächst an dieser Stelle Gras.

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