Florian Schroeder im Interview: „Man lebt ja nicht nur von den Knallchargen“

In seinen Programmen ist Florian Schroeder scharfzüngig, schlagfertig und erfreulich respektlos. Der 34-jährige Wahlberliner gehört inzwischen zu den bekanntesten Gesichtern der jungen Kabarettszene. Besonders beliebt sind seine Parodien, immer wieder meldet er sich als Merkel, Schäuble oder Künast zu Wort. Am Sonntag sorgt der Kabarettist bei der Veranstaltung „Talk im Tipi“ für die satirische Unterhaltung.

Herr Schroeder, am Sonntag soll es ja auch um die aktuelle Lage der Nation gehen. Wie ist die Lage denn so?

Gespalten, denke ich. Leute, die der SPD nah stehen, sind sicher sehr aufgeregt und den meisten anderen ist das Politische über weite Strecken gleichgültig. Das Wahlergebnis ist doch Ausdruck einer sehr unpolitischen Gegenwart. Eine Kanzlerin wie Merkel bekommt fast die absolute Mehrheit, gerade weil sie nicht einmal den Versuch unternimmt, die Menschen für politische Fragen zu begeistern. Im Gegenteil: Sie vermittelt das Gefühl, dass es ohne Menschen doch besser läuft. Das empfinde ich schon als Ausdruck einer demokratiemüden Zeit.

Eine Herausforderung für Sie?

Auf jeden Fall. Man lebt ja als Satiriker nicht nur von Knallchargen. Es ist nicht alles Stoiber und Oettinger, und das ist gut so. Man wächst in der Auseinandersetzung mit den Grautönen oft mehr, als bei den grellen Farben.

Sie sind nicht traurig, dass dankbare Figuren wie Philipp Rösler von der Bildfläche verschwinden werden?

Einerseits schon, andererseits – was soll’s. Bisher sind immer wieder neue Figuren nachgekommen, über die ich mich gefreut habe.

Klingt, als hätten Sie bereits jemanden mit Potenzial entdeckt.

Wenn ich schon sehe, dass Christian Lindner, kaum dass er Parteichef ist, mehr Haare auf dem Kopf hat, dann sage ich: Wenn das das einzige Wachstum der FDP bleibt, dann herzlichen Glückwunsch.

Waren Sie enttäuscht, dass es die FDP nicht mehr in den Bundestag geschafft hat? Ihre Prognose war ja eine andere.

Da habe ich mich getäuscht, ich hatte ganz klar auf sechs, sieben Prozent getippt. Diesen Absturz hätte ich nicht erwartet. Aber verdient war’s. Insbesondere nach der Zweitstimmen-Kampagne. Eine ordentliche liberale Partei leiht sich keine Stimmen – sie kauft sie.

Nun steuern wir auf eine Große Koalition zu. Bedeutet das für einen Kabarettisten nicht pure Langeweile?

Aus rein kabarettistischen Gründen hätte ich mir Schwarz-Grün gewünscht. Die Kanzlerin mit Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg als Vizekanzler, das wäre toll gewesen. Kretschmann ist ja eine schwarz-grüne Koalition in einer Person. Lehrer für Bio und Ethik, also Körner und Nachhaltigkeit, auf der anderen Seite gläubiger Katholik und Mitglied im Schützenverein. Wenn er sich jetzt noch als vegetarischer Metzger outet, ist er am Ziel. Da liegt jedenfalls ein neues, bürgerlich-lauschiges Beisammensein am Politkamin, und diese Konstellation wird auch kommen – früher oder später.

Bis es so weit ist, haben Sie Wunschkandidaten fürs neue Kabinett?

Ich würde mir Mut wünschen: einen außerparteilichen Minister. Hans-Christian Ströbele wird als Superminister für Außenpolitik und Internet eingekauft, die Grünen haben ja mit ihm den größten Internetexperten zu Edward Snowden geschickt, den sie je hatten. Einen Digital Native, der mit dem Internet groß geworden ist. Der andere Superminister wird Sigmar Gabriel, der macht dann Wirtschaft, Finanzen und alles, was sonst noch mit Zahlen zu tun hat. Den Rest übernimmt Merkel, und das reicht doch dann auch, bevor man wieder irgendwelche Niebels bezahlt, die keiner braucht.

Angela Merkel parodieren Sie ja am liebsten. Mögen Sie sie?

Ich glaube, dass der Begriff mögen für meine Arbeit sehr hinderlich wäre. Figuren sind oft nicht mehr satirisch darstellbar, wenn man sich ihnen zu sehr nähert.

Wie lange dauert es, bis Sie eine Parodie beherrschen?

Man muss natürlich sehr genau beobachten, Zeitung lesen, fernsehen. Und irgendwann spürt man die Person einfach. Bei Merkel ging das relativ schnell, weil sie sehr charakteristisch ist.

Üben Sie zu Hause vor dem Spiegel?

Gar nicht, Spiegel ist verboten. Das zerstört alles und macht die Illusion kaputt. Nein, es gibt Leute im Umfeld, die ich damit terrorisiere.

Freunde?

Eher Kollegen. Den privaten Freundeskreis will ich damit nicht nerven. Das sollte spätestens nach der zwölften Klasse vorbei sein.

Womit wir bei der Jugend wären: Sie haben früher mit Ihrer Oma „Wetten, dass..?“ nachgespielt. Wie muss ich mir das vorstellen?

Ich war Gottschalk und meine Oma hat alle Wettkandidaten übernommen. Die Musik kam von Kassette, die hatte ich im Radio aufgenommen. Ich habe standardmäßig eine halbe Stunde überzogen. Damals wurde mir klar, dass ich zum Fernsehen will.

Das haben Sie schnell geschafft. Mit 14 hatten Sie Ihren ersten Auftritt bei „Schmidteinander“.

Genau, ich war damals ein dicker Mops und habe Kohl, Blüm und Lindenberg parodiert. Die Klassiker.

Später sind Sie dann erstmal in Möbel- und Autohäusern aufgetreten.

Als Moderator. Ikea in Freiburg hat dreimal neu eröffnet und ich war jedes Mal dabei. Samstage lang, sieben Stunden im Regen. Eine Hammer-Schule, weil man lernt, mit jedem Publikum umzugehen. Die Leute wollten ja nur Regale kaufen, mussten dann aber an mir vorbei. Mein Ziel war, dass nach einer Viertelstunde 50 Leute blieben.

Was hat Sie 2006 von Freiburg nach Berlin verschlagen?

Mein erstes Engagement im Quatsch-Comedy-Club. Außerdem war ich damals sehr frustriert von Freiburg. Ich hatte das Gefühl, diese Stadt ist wie eine Puppenstube, in der das Leben an dir vorbeizieht. Wenn du mit Mitte 20 da wohnst, wo andere ihren Lebensabend verbringen, dann hast du was falsch gemacht.

Berlin ist inzwischen auch Thema Ihrer Programme geworden. Wie erleben Sie die Stadt?

Als sehr schnell, so profan das klingen mag. Da kann kein Hamburg, kein München, kein Köln mithalten, auch was die Heterogenität der Stadt, der Menschen und der Bezirke angeht. Ich mag diesen Speed, er entspricht meiner inneren Geschwindigkeit. Die Stadt hat aber auch eine gewisse Härte, mit der man umgehen muss. Gerade wenn man aus Süddeutschland kommt, wo alle Leute wahnsinnig freundlich sind und wo jeder Satz mit einem gefühlten Fragezeichen endet.

Interview: Anne Vorbringer