Tassenklirren statt Straßenlärm: Ein Teil der Friedrichstraße in Mitte ist bis Ende Januar 2021 für Autos gesperrt.
Foto: Imago Images/ Bernd Friedel

BerlinEines fällt sofort auf: die Ruhe. Seitdem auf einem Teil der Friedrichstraße keine Autos mehr fahren, ist der Lärm verschwunden. Wer die Augen schließt, vernimmt allenfalls das Klappern des Geschirrs in den Cafés, das Geräusch von Schuhsohlen auf dem Trottoir und das Sirren, das Fahrradreifen bei hohem Tempo erzeugen. Abgesehen von einigen Kraftfahrzeugen, die trotz des Verbots unterwegs sind, ist kein Auto zu hören. Der Abschnitt zwischen der Kronen- und der Französischen Straße, an dem sich auch die Galeries Lafayette befinden, ist seit knapp einer Woche Schauplatz des Verkehrsversuchs „Friedrich the Flâneur“. Mitten in Mitte ist eine Oase der Ruhe entstanden. Das finden manche schlecht, manche aber auch gut.

„Die Diskussion, ob hier nicht doch wieder Autos fahren sollten, ist lächerlich. Natürlich ist es richtig, die Straße zu sperren“, sagt Helmut Adam. Der Treptower, der mit Ehefrau Caroline und seinem Söhnchen auf der Sonnenseite der Friedrichstraße spaziert, outet sich gleich als Befürworter. Er war schon lange nicht mehr hier, erzählt er. Hier wurden immer schon eher teure Waren angeboten, da gab es kaum Anlässe zu kommen. Aber jetzt war er neugierig. „Es ist ruhiger geworden, entspannter“, stellt Adam fest.

Etikettenschwindel oder nicht?

„Die Friedrichstraße ist wieder im Gespräch. Das ist doch schon mal gut“, meint Roland Stimpel. Dem Sprecher des Fachverbands Fußverkehr Deutschland, der am Donnerstag ebenfalls dort unterwegs ist, geht es nicht um Fundamentalkritik. Dass Autolärm und Abgase verschwunden sind, sei nicht hoch genug einzuschätzen, sagt er. „Ich halte es aber nicht für angemessen, die Friedrichstraße als Flaniermeile zu bezeichnen.“ Von einem Etikettenschwindel will er nicht sprechen. Doch für die Fußgänger, um die es laut Senat und Bezirk eigentlich gehen soll, habe sich nicht viel verändert. Weiterhin konzentrieren sich die Passanten auf die für Berliner Verhältnisse schmalen Gehwege, auf denen elektrische Tretroller, Cafétische und Baumaterial den Platz einengen – ebenfalls wie früher.

Sicher, die Fahrbahn ist nun autofrei. Viel Raum zum Flanieren ist allerdings nicht entstanden. In der Mitte wurde ein rund vier Meter breiter Radweg markiert. Links und rechts davon versperren rot-weiße Barrieren den Weg. Mehr als 60 in Kübeln gepflanzte Bäume, die zum Teil einen durstigen Eindruck machen, stehen ebenfalls auf dem Asphalt. Fünf Glasvitrinen mit Geschirr, einem Ledersessel, einem Kräutergarten und anderen Dingen, von Anrainern gestaltet, belegen weiteren Platz. Sechs Parklets, hölzerne Sitzlandschaften, von denen einige ihren Dienst auf der Bergmannstraße in Kreuzberg begannen, bilden weitere Hindernisse.

„Ästhetisch hat das Ganze kein Niveau. Die Friedrichstraße erinnert jetzt an einen Gemischtwarenladen“, sagt Conrad Rausch. Er ist Sprecher des Vereins „Die Mitte e. V.“, in dem sich 170 Akteure aus Einzelhandel, Immobilien und anderen Bereichen zusammengeschlossen haben. Ihre Hauptkritik an dem „Verkehrsfluch“ lautet: „Die Straße ist kein Fußgängerbereich, sondern eine Fahrradstraße geworden. Nicht nur wir, auch die Medien wurden getäuscht.“ Die Bäume machten einen traurigen Eindruck, es gebe keine Blumen. In den Parklets hat sich Abfall angesammelt.

Vor knapp vier Jahren schlug ausgerechnet der ADAC vor, einen Teil der Friedrichstraße autofrei zu machen – als Alternative zu der Idee, Unter den Linden umzugestalten. Das Bündnis Stadt für Menschen organisierte eine erste Probesperrung. Der Verein Changing Cities, dessen zuständiger Sprecher Stefan Lehmkühler über dem U-Bahnhof Stadtmitte wohnt, erarbeitete das Konzept. Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel und Verkehrssenatorin Regine Günther (beide von den Grünen) trieben die Umsetzung des Versuchs voran, der bis zum 31. Januar 2021 dauern soll. Finanziert wird er mit einem sechsstelligen Betrag aus dem bezirklichen Wirtschaftsförderungsetat. Schließlich wird der Test auch damit begründet, dass er dem darbenden Einzelhandel helfen soll.

Doch die Wortführer im Verein „Die Mitte“ wollen sich nicht helfen lassen, zumindest nicht so. Und sie verspüren wenig Lust, bei dem Versuch mitzumachen, um ihn zum Erfolg zu bringen. Viele seien verschnupft darüber, dass ihnen die Sperrung „aufgepfropft“ wurde, sagt Rausch. Mit einzelnen Aktionen wäre es ohnehin nicht getan: „Wenn Sie ein Auto, das nur drei Räder hat, bunt anmalen, fährt es trotzdem nicht gut.“ Wenn der Verkehrsversuch dazu beiträgt, dass weitere Geschäfte aufgeben, müsse er umgehend beendet werden. Auf jeden Fall sei zu verhindern, dass die Straße gesperrt bleibt: „Wir befürchten, dass der jetzige Zustand dauerhaft etabliert wird“ – was der Senat in der Tat nicht ausschließt.

Doch nicht alle Anrainer denken so. „In unserem Haus wird der Verkehrsversuch von den meisten sehr positiv gesehen“, sagt David Goertz, Sprecher der Rechtsanwaltskanzlei Leinemann Partner. „Gelobt wurde vor allem, dass Restaurants und Cafés mehr Außenplätze anbieten können und die Straße insgesamt entspannter wirkt. Für die zahlreichen Fahrradfahrer ist die Situation auch von Vorteil. Bislang musste man sich an Lkw und Bussen vorbei quälen, was auch leider immer wieder zu Unfällen geführt hat.“

Anfangs gibt es fast immer Kritik – später dann Lob

„Immer, wenn Straßen grundlegend verändert werden, gibt es Panik“, sagt Roland Stimpel. Wenn die einstigen Verkehrsschneisen dann mehr Einkaufsbummler anziehen, beruhigten sich die Kritiker aber meist wieder. In der Friedrichstraße waren die meisten Autos nur im Durchgangsverkehr unterwegs. Kaum ein Fahrer hatte einen Blick für die Geschäfte. Selbst wenn jemand den Wunsch verspürt hätte, spontan einzukaufen: Parkplätze gab es auf der Straße nur wenige. Erfahrungen im In- und Ausland zeigten, dass der Einzelhandel von Neugestaltungen profitiert, so Stimpel. „Wer langsam unterwegs ist, beobachtet genauer“ – und entscheidet sich zum Kauf.

Ob sich die Friedrichstraße mit Bäumen und Sitzgelegenheiten retten lässt, wissen Helmut und Caroline Adam aus Treptow nicht. Sie vermissen Gastronomie, einen Kinderspielplatz. „Doch dies ist ein Anfang“, sagen sie und hoffen auf weitere Versuche dieser Art. Der nächste ist schon in Sicht. Wie berichtet wird am 10. Oktober auch die Tauentzienstraße in der City West autofrei – für drei Stunden.

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