Hier ist es passiert. Wo der Tunnel der U-Bahn-Linie U8 unter der Spree in einer sanften Kurve verläuft, wo ein Signal grün leuchtet und wo es an einer Weiche etwas Platz zum Stehen gibt, ist es geschehen. Ein Mann aus der DDR hält einen U-Bahn-Zug an, um mit seinem Cousin, dessen Frau und dem zweijährigen Kind in den Westteil Berlins zu fliehen. Per Anhalter mit der U-Bahn in den Westen: Das hört sich unglaublich an. Doch es hat sich so zugetragen, am Abend des 8. März 1980 im Tunnel der U8 in Mitte.

Mehr als 34 Jahre später steht Joachim Gorell in dem Tunnel unter der chinesischen Botschaft, in dem sich die Flucht abgespielt hat. Er erzählt, dass die Grenze zwischen West-Berlin und Berlin, Hauptstadt der DDR, nicht nur an der Oberfläche markiert war. „Es gab auch eine unterirdische Grenze“, sagt der U-Bahner, der am Mittwoch, dem Jahrestag des Mauerbaus, Journalisten durch den Untergrund führt.

Ein Grenzabschnitt verlief unter der Spree. Dort befand sich zu DDR-Zeiten die einzige Verbindung zwischen dem Ost- und West-Netz der U-Bahn. An dieser Stelle mündet ein nur für Betriebsfahrten genutzter Tunnel, der unter dem Alexanderplatz beginnt, in die Strecke der U8 zwischen Wedding und Kreuzberg. Sie war eine der drei Transitlinien im Ost-Berliner Untergrund, auf denen West-Züge durch die DDR fuhren – vorbei an geschlossenen „Geisterbahnhöfen“, wo Soldaten auf leeren Bahnsteigen Wache schoben.

„Rein und hinlegen“

Unter der Spree versperrte eine herunter geklappte Stahlplatte den Durchgang – Teil der Wehrkammeranlage, die bei Havarien das Flusswasser aufhalten sollte. Die Barriere schien unüberwindlich zu sein.

Doch Dieter Wendt, Stellwerksmechaniker bei den Ost-Berliner Verkehrsbetrieben BVB, wusste es besser. Der U-Bahner kannte das Tunnelgeflecht in Mitte. Schon seit Langem hatte der 28-Jährige an einem Plan gefeilt, an der Grenzsperre die DDR zu verlassen. Er wollte nur noch weg. „Das Schlimmste war: Man hat eine andere Meinung, darf sie aber nicht aussprechen. Man steht im Regen und muss sagen: Die Sonne scheint“, erzählte er 2004.

Kurz vor Schluss lädt Wendt seine Kollegen ins „Budapest“ an der Karl-Marx-Allee ein, dann in eine Bar. „Was ist denn los?“, fragen sie. Die Antwort: „Ihr werdet es erfahren.“

Am 8. März 1980, einem Sonnabend, ist es so weit. Draußen ist es kalt, als Wendt und seine Verwandten im fast leeren U-Bahnhof Klosterstraße aussteigen. Keiner sieht, wie die Vier von der Bahnsteigkante springen. Dann biegen sie rechts in den Tunnel zur U8 ein. Die 865 Meter lange Röhre heißt Waisentunnel – die Waisenstraße verläuft parallel. Züge mit Fahrgästen sind dort nie unterwegs, nur sehr selten Arbeitszüge und Überführungen.