Am Info-Desk der Freiwilligen herrscht fröhliche Stimmung. Es ist 22 Uhr, ungefähr ein Dutzend Helfende sind da, in der Halle über den Gleisen 3 und 4 im Hauptbahnhof. Sie drängen sich um eine Kiste mit fast 100 Donuts, die gerade von einem Backstand im Hauptbahnhof gespendet wurde. Im Bahnhof werden die Fensterläden geschlossen, die Souvenirverkäufer und Baristas machen Feierabend.

Für die Freiwilligen geht die Arbeit los. Seit drei Monaten sind sie stets die ersten, die sich um die Menschen kümmern, die vor dem Krieg aus der Ukraine nach Berlin geflohen sind. Tag und Nacht sind sie da.

Jetzt beginnt die Nachtschicht. Mit dabei ist Lu, 29.  Ihren Nachnamen will sie, wie alle, die hier helfen, nicht veröffentlicht sehen, aus Angst vor Anfeindungen. Auch fotografieren lassen will sie sich nicht.

Sie weiß nicht, was die Schicht mit sich bringen wird, sagt Lu. Wie viele Menschen kommen, welche besonderen Bedürfnisse sie haben, ob es unangekündigte Busse aus Polen oder der Ukraine geben wird. Sie wirkt dennoch gut gelaunt.

Am Hauptbahnhof beginnt in diesen Tagen eine neue Phase. Im März kamen bis zu 10.000 Menschen aus der Ukraine täglich hier an. Jetzt kommen pro Tag ein paar Hundert, maximal tausend. Die Freiwilligen müssen nicht mehr so viele Menschen betreuen. Gleichzeitig ist die Spendenbereitschaft der Berliner gesunken und auch die Zahl derjenigen, die hier Schichten übernehmen. Nach drei Monaten Krieg geraten viele freiwillige Helfer an ihre Grenzen. Hinzu kommt nach wie vor Ärger über die Zusammenarbeit mit der Bahn oder den Behörden.

Aber gerade nachts, vor allem in den frühen Morgenstunden ist immer noch fast niemand außer den Freiwilligen für die Geflüchteten am Hauptbahnhof da. Lu und die anderen Helfenden sagen, sie haben das Gefühl, eine Lücke zu füllen. Auch nach drei Monaten noch. Wir haben sie eine Nacht dabei begleitet.

22.05 Uhr

Lu macht im Moment fast ausschließlich Nachtschichten. Sie ist arbeitssuchend, es passt zu ihrem Zeitplan. Es gibt andere, die neben dem Studium oder einem Tagesjob nachts mitmachen. Jetzt wartet sie – um 22.28 Uhr soll der letzte Zug aus Warschau da sein. Heute hat er eine halbe Stunde Verspätung, was nicht selten ist.

Viele Dinge sind besser geworden. Viele aber nur noch schlimmer.

Lu, Helferin am Hauptbahnhof

Zum Anfang einer Schicht macht Lu einen Rundgang durch den Hauptbahnhof: Sie ist Koordinatorin der Schicht und muss den Überblick behalten. An ihrer grauen Warnweste hängt ein neon-pinkes Armbändchen, auf dem das Datum steht – so können die Freiwilligen erkennen, wer ein echter Helfer ist. Eine Reaktion darauf, dass sich mehrere Männer (und gelegentlich auch Frauen) mit Warnwesten als Helfer ausgegeben haben, um Zugang zu geflüchteten Frauen zu bekommen. Ein Zettel hinter dem Infodesk führt Tipps auf, wie man einen solchen „creepy guy“ erkennt und bei der Polizei meldet.

Nicht nur die Unvorhersehbarkeit einer Nacht sei schwierig, sondern auch das Tempo, mit dem sich alles ändern kann. „Manchmal wird’s am Abend hier ganz entspannt – aber dann kommt ein Zug mit 300 Menschen, und zack, wird’s lustig“, sagt Lu. Ab und zu kommen mehrere Züge mit Verspätung gleichzeitig an. Deswegen bittet die Organisation Berlin Arrival Support die Berliner immer noch darum, sich dem Team anzuschließen.

Lu war an Corona erkrankt, als Russland am 24. Februar in die Ukraine einmarschierte. „Ich wusste sofort, in ein paar Tagen wird es Geflüchtete in Berlin geben“, erinnert sie sich. Seit zehn Jahren engagiert sie sich für Geflüchtete. Nach ihrer Quarantäne war sie seit dem 2. März fast jeden Tag am Hauptbahnhof, baute eine Essensstation mit auf, kümmerte sich um die „Spendenberge“, die anfangs anfielen.

Sie erinnert sich an Tage, an denen bis zu 1000 Menschen pro Zug ankamen. Jetzt gilt ein Zug mit etwa 350 Geflüchteten als große Ankunft. Was allerdings nicht heißt, dass die Probleme und Herausforderungen genauso rückläufig sind. „Viele Dinge sind besser geworden“, sagt Lu. „Viele sind aber nur noch schlimmer geworden.“

22.42 Uhr

Das Walkie-Talkie, das Lu bei sich trägt, knackt laut. Ein Freiwilliger im Eingangsbereich des Bahnhofs kündigt an: In vier Minuten kommt der Zug aus Warschau.

Lu eilt zu Gleis 14. Ziel sei, dass immer, wenn ein Zug ankommt, die Freiwilligen gleichmäßig über dessen gesamte Länge verteilt sind, um beim Aussteigen zu helfen, sicherzustellen, dass niemand an Bord bleibt, und die Menschen zum Willkommenszelt des Senats auf dem Washingtonplatz zu leiten.

Vier Minuten später steigen etwa 100 Menschen aus. Zehn Freiwillige säumen die Plattform, eine gute Besetzung. Sie sollen nach Menschen Ausschau halten, die Hilfe benötigen könnten, einen Kinderwagen oder Rollstuhl brauchen. Neben Lu spricht ein Freiwilliger mit einem älteren Paar, das zwei große Koffer und zwei Tiertransporter aus dem Zug lädt. In den Transportern kläffen zwei Spitze wie wild.

Drei Frauen in roten Westen vom Kinderschutz-Team des Bezirksamtes Mitte reden mit zwei Mädchen, 16 oder 17 Jahre alt. Für eine Nachtschicht sei typisch, dass im Zug ein oder zwei Minderjährige sitzen, die allein aus der Ukraine kommen, sagt Lu. Tagsüber seien es mehr.

imago/Jürgen Held
Hauptbahnhof im März: Bis zu 10.000 Menschen kamen pro Tag in Berlin an.

Am Infostand der Deutschen Bahn, in derselben Halle wie das Infodesk der Freiwilligen, sammelt sich etwa die Hälfte der Angekommenen, um kostenlose Tickets für die Weiterreise abzuholen. Dieser Stand sei nicht immer besetzt. Lu sagt, dass das Reisezentrum im ersten Stock in der letzten Zeit ab 20 Uhr – eine Stunde vor Geschäftsschluss – keine Geflüchteten mehr bedient habe. „Begründung ist offenbar, dass die Geflüchteten nicht bezahlen“, sagt Lu, „obwohl die Bahn für die kostenlosen Reisen entschädigt wird.“

In der Nachtschicht helfen die Freiwilligen den Geflüchteten, mit einem „E-Ticket“ der DB ihre Weiterfahrt zu sichern. Das Ticket enthält einen QR-Code und eine Anleitung mit Bildern und Anweisungen in deutscher, englischer, ukrainischer und russischer Sprache. Wenn man dem QR-Code folgt, landet man auf einer Buchungsseite der Bahn, die nur auf Deutsch oder Englisch zu lesen ist.

Eine von vielen Sachen, die einfach sein könnten, aber leider ein Riesenproblem sind, findet Lu.

23.20 Uhr

Ein Mitglied des Sicherheitspersonals klingelt bei Lu an: Die Helfenden sollen die Ankunftshalle räumen. Die Menschen aus der Ukraine, die dort noch sitzen, müssen zum Willkommenszelt. Um 24 Uhr schließt die Halle seit neuestem. Lu seufzt. „Wer Probleme hat, kommt immer einfach zu uns“, sagt sie.

Sie hält einen großen Umschlag in der Hand, der viele goldene Münzen enthält. Jetons für die WC-Anlage im Bahnhof. Seit dem 2. Mai wird die Anlage wieder kostenpflichtig betrieben, zuvor war die Benutzung für alle im Hauptbahnhof umsonst. Die Geflüchteten sollen die Jetons nutzen. Tagsüber werden sie am DB-Infodesk ausgegeben – doch das funktioniere selten reibungslos, sagt Lu.

Die Menschen müssen erst zum Infodesk, dann zum WC auf der anderen Seite des Bahnhofs. „Sogar die einfachsten Grundbedürfnisse der Geflüchteten werden hier schwierig gemacht.“ Es sei auch mehrfach passiert, dass das Personal am DB-Infodesk die Jetons nur nach Vorlage eines ukrainischen Reisepasses austeilte.

Warum sind die WCs nicht einfach weiter kostenfrei? Lu sagt, sie habe gehört, die DB wolle den Gebrauch der Anlage besser kontrollieren, um das Wasser genauer berechnen zu können. Eine Sprecherin für Rail & Fresh – die Firma, die die WC-Anlage betreibt – sagt: „Wir haben lediglich den alten Regelbetrieb wieder aufgenommen.“

Viele Menschen fragen gleich nach ihrer Ankunft, wie sie zurück nach Polen oder in die Ukraine fahren könnten. Diese Frage werde jetzt generell am häufigsten gestellt, sagt Lu.

Etwa 300 Menschen fahren am Tag vom Hauptbahnhof zurück nach Osten, schätzen die Freiwilligen. Sie helfen ihnen nun auch dabei, diese Rückreisen zu organisieren. „Die DB gibt keine Auskunft mehr, was die Reisemöglichkeiten nach Polen sind“, sagt Lu.

Sie beugt sich hinter den Infodesk und legt einen großen roten Ordner auf den Tisch. „Das ist der Polen-Ordner“, sagt sie. Darin sind alle mögliche Reiseziele in Polen aufgeführt, mit allen möglichen Umsteigekombinationen. Nur Reisen mit Umstiegen sind kostenfrei. Niemand versteht, warum. Die Deutsche Bahn hat auf eine Anfrage der Berliner Zeitung bisher keine Erklärung gegeben.

„Ganz oft macht das Team am Infodesk nichts anderes als zu erklären, wie man zurück nach Polen kommt“, sagt Lu. Das sei doch eigentlich der Job der Bahn.

1.00 Uhr

In einem Container neben dem weißen Willkommenszelt freut sich die 25-jährige Helferin Lena, dass sie mit nur einem Anruf eine Unterkunft für einen älteren Mann, der am Abend aus Polen kam, sichern konnte. So schnell kriege man das nicht immer hin. Sie ist Gründungsmitglied des „Housing-Teams“ und organisiert seit dem 28. Februar temporäre Unterkünfte für Menschen aus der Ukraine. Seitdem hat sie nur eine Pause gemacht – vor zwei Wochen, Wanderurlaub.

Inzwischen will der Senat alle neu angekommenen Geflüchteten direkt zum Ankunftszentrum im Tegeler Flughafen schicken. „In der Realität warten die meisten Menschen, die im Willkommenszelt sitzen, auf ihren nächsten Zug“, sagt Lena. Für sie sei die Busfahrt nach Tegel sinnlos. Andere wollen sich ausruhen, bevor sie in Tegel stundenlang Schlange stehen, um sich zu registrieren.

Das Housing-Team sucht für sie Schlafplätze. Und Unterkünfte für jene Geflüchteten, deren Verwandte in einem Berliner Krankenhaus behandelt werden.

Manchmal haben die Menschen die deutsche Bürokratie einfach satt.

Lena, Helferin am Hauptbahnhof

Lenas Handy klingelt. Zwei Frauen mit acht Kindern, zwei bis elf Jahre alt, wollen zurück nach Warschau. Ihr Zug fährt erst um sechs. Ein klassischer Fall, sagt Lena. Heute hat sie Glück, sie kann Schlafplätze bei der Bahnmission anbieten.

Warum wollen so viele Ukrainer zurück nach Polen? „Manchmal haben die Menschen die deutsche Bürokratie einfach satt, oder sie sind mit ihren Flüchtlingsunterkünften nicht zufrieden, weil diese oft in ganz abgelegenen Gebieten liegen“, sagt Lena. „Oder einfach, weil sie die Menschen in Polen als freundlicher empfunden haben.“

In fünf von sieben Nächten müsse Lena und ihr Team jemanden ablehnen, der einen Schlafplatz sucht. Am häufigsten allein reisende Männer; es sei schwieriger, für sie eine private Unterkunft zu finden. „Manchmal müssen wir den Menschen einfach sagen: Tut mir leid, aber dein Fall ist nicht wichtig genug“, sagt Lena.

Also bleiben diese Menschen im Willkommenszelt. Im Moment sitzen ungefähr 30 auf den Sitzbänken – einige starren müde auf das Handy in der einen Hand, einen Pappbecher Kaffee in der anderen, andere legen ihren Kopf auf die wackeligen Holztische. In der Ecke spielt ein Kind in einem Katzenklo, als wäre es ein Sandkasten.

Die Zeiten, in denen Berliner am Hauptbahnhof mit Schildern ankamen, um eine Unterkunft anzubieten, sind längst vorbei. Zum Schutz der Geflüchteten überprüft das Housing-Team jedes Angebot einer privaten Unterkunft. „Öfter melden sich einzelne Männer, die nur Frauen annehmen wollen“, sagt Lena. „Einige reagieren zugänglich, wenn wir zu ihnen mit irgendeinem anderen Angebot kommen, andere weigern sich aber schlichtweg.“ Unter zwanzig Angeboten seien ein bis zwei, die sie misstrauisch machen.

1.53 Uhr

„Für die meisten Menschen ist Tegel ganz in Ordnung für einen kurzen Stopp“, sagt Lena. „Aber das Zentrum ist für viele Menschen einfach nicht zu Ende gedacht worden.“ Der Boden bestehe aus Brettern und sei für ältere Personen oder Menschen, die einen Stock oder einen Rollstuhl benutzen, schwer begehbar.

Es sei auch nicht selten passiert, dass geflüchtete Roma-Familien – selbst mit ukrainischen Reisepässen – aus Tegel zum Hauptbahnhof zurückgeschickt worden seien, sagt Lena.

Nach Angaben von Mingru Jipen e.V., einem Berliner Verein für Sinti und Roma, kehren jeden Tag bis zu 30 Roma aus Tegel zurück zum Hauptbahnhof. In Tegel würden sie nicht ausreichend über ihre Rechte als Kriegsgeflüchtete informiert, oft fühlen sie sich in Berlin so unwillkommen, dass sie in die Ukraine zurückkehren wollen.

Sie fragen: Wie geht es zurück nach Polen? Oder: Wie kann ich meine Katze impfen lassen?

Lena, Helferin am Hauptbahnhof

Diese Schilderung sei „nicht nachvollziehbar“, so ein Sprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, die für das Tegeler Zentrum zuständig ist. „Grundsätzlich werden keine Geflüchteten aus dem Ukraine-Ankunftszentrum zum Hauptbahnhof zurückgeschickt.“

Was die Roma-Familien betrifft, die Ankunft von „Großfamilien“ sei für Mitarbeitende im Hauptbahnhof und in Tegel „eine hohe Herausforderung“. Mit Unterstützung von Berliner Roma-Organisationen seien für Mitarbeitende, Sicherheitspersonal und Freiwillige im Hauptbahnhof Sensibilisierungstrainings zu Antiziganismus organisiert worden.

Eine Einladung zur Teilnahme an so einem Training hat Lena aber bisher nicht erhalten. Für sie sind solche Geschichten nur ein Beispiel dafür, warum sie und ihr Team am Hauptbahnhof noch gebraucht werden. Ihrer Meinung nach unterschätzen die Berliner Behörden massiv, was für eine Menge Arbeit die Helfenden übernehmen.

„Die Geflüchteten fragen immer, wie geht’s zurück nach Polen, oder wie kann ich meine Katze impfen lassen, man sucht einfach diesen menschlichen Kontakt“, sagt Lena. „Manchmal gibt es das Gefühl, wir sind die Einzigen, die sich darum kümmern.“

epd
In BVG-Bussen werden die Geflüchteten zum Ankunftszentrum im Tegeler Flughafen gebracht.

2.30 Uhr

In der unteren Bahnhofshalle ist es still und leer. Vor dem Infodesk versammelt sich eine kleine Taubenschar, die nach Donut-Krümeln stöbert. Bis 4.30 Uhr kommen keine Züge. Es könne aber ein unangekündigter Privatbus eintreffen, sagt Nacht-Koordinatorin Lu.

Die Ruhe lässt ihr Zeit zum Nachdenken. Lu glaubt, dass die anderen Freiwilligen und sie darauf vorbereitet sein müssen, noch lange Zeit Geflüchtete aufzunehmen. „Die Frage ist, was leisten wir auf Dauer noch selber, und welche Aufgaben geben wir ab“, sagt sie. Man wolle sich wieder auf den „Kernjob“ konzentrieren – die Geflüchteten willkommen zu heißen.

Man muss psychisch ziemlich fit sein, um hier zu sein.

Lu, Helferin am Hauptbahnhof

Nach drei Monaten seien viele Freiwillige müde und frustriert, sagt Lu. Am Anfang haben sie versucht, Lösungen aus dem Nichts zu finden, etwa warmes Essen anzubieten, obwohl es gerade mal eine Steckdose gab. Aber auch seit der Senat das Catering übernommen hat, sind nicht alle zufrieden. Auf die Empfehlung der Freiwilligen, eine warme Suppe oder auch Halal-Sandwiches anzubieten, habe der Senat langsam oder gar nicht reagiert.

Gleichzeitig haben sie mit psychologischen Belastungen zu kämpfen. „Man muss psychisch ziemlich fit sein, um hier zu sein“, sagt Lu. Täglich gebe es Szenen, die sie nur als „heftig“ beschreiben kann: Sie müsse oft die Polizei anrufen, weil vor dem Hauptbahnhof Männer versuchen, geflüchtete Frauen in ihre Autos zu drängen. Einmal ging sie ins WC und sah, wie ein sechsjähriges Mädchen in Unterwäsche dort stand und seine Kleidung wusch.

Was gibt es für psychologische Unterstützung? Es gibt eine Telefonnummer für eine Betreuung von der DB, manchmal sind zwei Mitarbeiterinnen vor Ort, sie tragen lila Westen. Ansonsten „schiebt man alles einfach weg und macht weiter“, sagt Lu.

Drei Monate nach Kriegsbeginn kommen immer noch hauptsächlich Familien aus der Ukraine. Lu hat verschiedene Phasen beobachtet. „In den ersten Wochen sahen wir die wohlhabenderen ukrainischen Familien, die sich die Flucht sofort leisten konnten, oder einzelne Frauen mit vielen Kindern.“ Es kamen auch Geflüchtete mit anderen Pässen, darunter Menschen, für die die Ukraine bereits ein Ort der Zuflucht war. Lu kann Farsi, sie hat mit Familien aus Afghanistan geredet.

Dann kamen Menschen, die länger auf der Flucht waren, die deutlich mehr vom Krieg gesehen hatten. „Ab Woche sechs kamen eine Woche lang unfassbar viele Frauen, die vergewaltigt worden waren“, sagt Lu.

Die Frauen haben den Freiwilligen erzählt, wie russische Soldaten durch ihre Dörfer liefen, bei jedem Haus klingelten und die Männer erschossen. Lu starrt auf den Boden. „Es hat mich irgendwie froh gemacht, dass ich kein Russisch oder Ukrainisch kann.“

3.19 Uhr

Der 27-jährige Freiwillige David setzt sich auf einen Campingstuhl hinter dem Infodesk. Er ist Student, arbeitet im Nebenjob als „Mobilitätsunterstützungskraft“ für die Bahn. Er war zufällig am Bahnhof, als die ersten Geflüchteten aus der Ukraine Berlin erreichten.

Mit den Wochen übernahm er immer mehr Verantwortung. Er fuhr nach Frankfurt (Oder), stieg dort in die Züge aus Polen, erklärte den Menschen, was sie in Berlin erwartet. „Ich dachte, ich könnte so ein bisschen Ruhe reinbringen“, sagt er.

Mit seinen Kontakten zu Bahnmitarbeitern habe David dem Freiwilligenteam „ein paar Mal den Hintern gerettet“, sagt Lu. Als die Mülleimer in der Ankunftshalle alle 30 Minuten überliefen, kannte David den richtigen Ansprechpartner, um eine zusätzliche Abholung zu organisieren.

Lu und David würden gern einiges verändern. Ihre Hauptanliegen: „Die Rückreisen nach Polen müssen erleichtert werden, das Reisezentrum sollte seinen Job machen, und es muss eine medizinische Versorgung rund um die Uhr am Hauptbahnhof geben“, sagt Lu.

Zwischen 9 und 3 Uhr morgens seien Krankenschwestern vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) vor Ort, Ärzte seien für die Geflüchteten bis normalerweise 21 Uhr erreichbar. „Wenn jemand aber außerhalb dieser Zeiten mit einer Verletzung ankommt, dann müssen wir uns darum kümmern“, sagt Lu. Manchmal sind zufällig Medizinstudenten im Team.

Ein junges Paar schlendert in die Halle, gekleidet in weiße und schwarze PVC-Couture, als kämen sie aus einem Club. Sie würdigen Lu und David keines Blickes, sondern gehen um die Ecke, um einen Blick in die Ankunftshalle zu werfen.

Als sie sehen, dass sie leer ist, drehen sie sich um und gehen wieder. Sind solche Leute, die nur auftauchen, um einen Blick auf die Geflüchteten zu werfen, häufig anzutreffen? Lu gluckst. „Wir haben hier schon alles gesehen.“

dpa/Monika Skolimowska
Im Berliner Hauptbahnhof führt ein Plakat Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine auf.

4.30 Uhr

Pünktlich fährt der erste Zug des Tages, der ICE nach Köln, von Gleis 3, direkt unter dem Infodesk. Man hört, wie nun Zug um Zug den Bahnhof verlässt. Nur daran bemerkt man den Morgen. Vom Infodesk kann man den Himmel nicht sehen, man fühlt sich wie in einer Kapsel, ohne Zeitgefühl. „In den ersten Wochen, die ich hier war, habe ich die Sonne gar nicht mehr gesehen“, sagt Lu.

Eine Mutter und Tochter wollen Jetons für die Toilette, eine Frau im mittleren Alter möchte wissen, wie sie nach Kiew kommt. David holt den Polen-Ordner. Ein 17-jähriger Junge aus der Ukraine hat seine Tasche verloren, David geht mit ihm auf die Suche. Ein Mann und sein älterer Vater kommen. Ihr Zug nach München ist ausgefallen.

Obdachlose, die auf den Bänken neben der Spielecke für geflüchtete Kinder geschlafen haben, bitten um eine Flasche Wasser, die Lu ihnen ohne zu zögern gibt. In der Zwischenzeit hat David für alle Kaffee geholt.

Lu und David sagen, dass dies die ruhigste Nachtschicht war, die sie je erlebt haben. Aber morgen könnte alles wieder anders sein.

5.44 Uhr

Lu hat Feierabend. Ein Freiwilliger, mit dem sie in den ersten Tagen am Hauptbahnhof den Essensstand betrieben hat und der zu einem guten Freund geworden ist, übernimmt. Sie läuft in die Eingangshalle, um einen weiteren Kaffee zu holen.

Am Europaplatz sieht sie den Himmel, zum ersten Mal seit acht Stunden. Draußen ist es grau, es nieselt, der Hauptbahnhof riecht muffig wie ein nasser Hund. Lu verabschiedet sich und verschwindet in der Menge der Fernpendler. Um 22 Uhr wird sie wieder da sein, für die nächste Schicht.