Potsdam - Im Schreibtisch der Familie Schindler in Montevideo liegt ein gelber Bleistift. Man findet ihn in einer Schublade, in der auch andere Stifte, Kugelschreiber und Füller liegen. Er ist angespitzt, jederzeit kann man ihn greifen für eine schnelle Notiz oder ein kleine Skizze. Das hat aber offenbar kaum jemals ein Familienmitglied getan.

Denn der Bleistift ist mehr als 80 Jahre alt, und hätte man ihn in der Vergangenheit fürs Schreiben oder Zeichnen benutzt, dann wäre heute wohl nur noch ein Stummel davon übrig. Aber so ist es nicht – der Bleistift sieht aus wie neu.

Elke-Vera Kotowski erzählt die Geschichte, während sie auf dem Laptop in ihrem Büro ein Foto sucht. Die Expertin für deutsch-jüdische Geschichte hat die Schindlers in Uruguay besucht. Vor einigen Monaten war sie dort, saß in der Wohnung der Familie und sprach mit Werner Schindler. Als kleiner Junge ist er 1938 mit seinen Eltern aus dem damals deutschen Breslau nach Südamerika emigriert.

„Da ist es“, ruft sie plötzlich und dreht den Laptop. Ein Farbfoto zeigt den Bleistift, auf dessen hölzernem Schaft Worte in silberner Farbe eingeprägt sind. „Ferdinand Schindler“ steht auf dem Stift und auf seiner Rückseite: Futterstoffe, Partiewaren, Schneidereiartikel, Breslau 13, Moritzstraße 14/I.

Dutzende Geschichten kann Elke-Vera Kotowski erzählen

„Herr Schindler ist mit mir in sein Arbeitszimmer gegangen, hat den Bleistift aus seinem Schreibtisch genommen und ihn mir gegeben“, erinnert sich Elke-Vera Kotowski. „Der Stift, hat er gesagt, sei das Einzige, was ihm von seinem Vater und dessen Fabrik in Breslau erhalten geblieben sei.“

Dutzende ähnlicher Geschichten kann Elke-Vera Kotowski, eine lebhafte Frau von Mitte fünfzig, erzählen. Im Auftrag des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam dokumentiert sie Haushalts- und Alltagsgegenstände, die jüdische Emigranten aus Europa in den Dreißigerjahren mit ins Ausland genommen haben, auf der Flucht vor den Nazis.

Zu diesem Zweck hat Elke-Vera Kotowski in den vergangenen Monaten zehn süd- und mittelamerikanische Länder bereist und dort rund 50 jüdische Emigrantenfamilien besucht. Sie fotografierte Möbel, Küchengeräte, Spielzeug oder eben auch Bleistifte – Erinnerungsstücke aus einer verlorenen Heimat, die nicht nur einen materiellen Wert haben, sondern auch eine kulturelle Identität ausdrücken, die die Familien nach der Flucht an ihrem neuen Lebensort bewahren wollten.

„Wer seinen Hausstand mitnehmen konnte in die Emigration, der hat seine Wohnung in Mexiko City, Montevideo oder Santiago de Chile wieder aufgebaut“, sagt Elke-Vera Kotowski. Die NS-Gesetze hätten es den Juden meist nicht erlaubt, Wertgegenstände bei ihrer Ausreise aus Deutschland mitzunehmen.

Hirschmanns Großvater hatte die Berliner Kabelwerke in Friedrichshain gegründet

„Umso größeren ideellen Wert hatten für die Menschen daher Möbel und einfache Alltagsgegenstände, auch wenn sie an ihrem neuen Zufluchtsort, in einer anderen kulturellen Umgebung, oft deplatziert wirkten. Aber diese Dinge, die man mitbrachte ins Exil, standen eben auch für die verlorene Heimat, für das bisherige Leben, das die Nazis ihnen genommen hatten.“

Bei der Familie von Tomas Hirschmann in Antigua etwa, einer Kleinstadt im Hochland von Guatemala, habe sie viele wertvolle Möbel gesehen, die auch schon in der alten Berliner Wohnung in der Corneliusstraße standen, erzählt Elke-Vera Kotowski. Das zeigten die Fotos aus dem Familienalbum.

Hirschmanns Großvater hatte die Berliner Kabelwerke an der Boxhagener Straße in Friedrichshain gegründet. Sein Enkel Tomas ist 1938 in Guatemala geboren worden, wohin seine Eltern zwei Jahre zuvor emigriert waren.

Mitgebracht hatten sie auch eine wertvolle Zimmertür mit Intarsien, die die Familie 1820 anfertigen ließ. Da die Tür in der neuen Wohnung nicht passte, ließen sie die Hirschmanns kurzerhand zu einem Couchtisch umarbeiten, der noch heute in ihrem Wohnzimmer steht.

"Diesen kulturgeschichtlichen Wert zu dokumentieren, ist uns wichtig"

Auch bei anderen Familien, so erzählt es Elke-Vera Kotowski, habe sie ähnliche Geschichten gehört: Wenn die mitgebrachten Möbel in die meist kleineren Wohnungen nicht passten, wurden sie kurzerhand umgearbeitet.

„Mit diesen Schränken, Kommoden und Sofas, aber auch dem Geschirr und den Tischdecken ist in Südamerika noch eine Wohn- und Alltagskultur der Weimarer Republik zu finden, die es hierzulande heute kaum noch gibt“, schwärmt sie.

„Diesen kulturgeschichtlichen Wert zu dokumentieren, ist uns wichtig. Wir wollen die jüdische Geschichte nicht von ihrem Ende her erzählen, von Vertreibung und Holocaust. Wir wollen vielmehr zeigen, dass die jüdische Kultur seit jeher ein integraler Bestandteil der deutschen war.“

Zu diesem Zweck hat das Moses Mendelssohn Zentrum das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte „Projekt Di_OdE“ gestartet. Die Abkürzung steht für „Digitale Objekte des Exils“. Das Ziel ist, die von jüdischen Emigranten ins Exil mitgenommenen Gegenstände digital zu erfassen und in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zu speichern.

Im Fokus des Projekts stehen die Exilländer in Süd- und Mittelamerika

Dabei arbeitet das MMZ mit dem Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik zusammen. Das Institut entwickelt dazu einen transportablen Scanner, mit dem sich vor Ort die betreffenden Gegenstände dreidimensional erfassen lassen.

„Wir wollen die Möbel und Alltagsgegenstände nicht in irgendwelche Ausstellungen holen, sondern sie im Internet in einer Art digitalem Museum zeigen“, erläutert Elke-Vera Kotowski. „Dort soll man dann von jedem Punkt der Welt aus das jeweilige Objekt aufrufen und es am Computer von allen Seiten betrachten können. Zusätzlich werden wir die Biografien dieser Stücke erzählen, die natürlich eng verbunden sind mit dem jeweiligen Schicksal ihrer Besitzer.“

Im Fokus des Projekts stehen dabei die Exilländer in Süd- und Mittelamerika. „Dafür haben wir uns bewusst entschieden, weil das Leben der jüdischen Emigranten dort – anders als etwa in den USA oder Israel – noch recht wenig erforscht ist“, sagt Elke-Vera Kotowski.

„Wir wollen wissen, was haben die Menschen in ihren Köpfen, in ihren Koffern mitgenommen?“ Ansprechpartner sei dort vor allem die zweite Generation der Emigranten. Also die Menschen, die als kleine Kinder mit ihren Eltern ins Exil gingen oder kurz nach der Flucht geboren wurden. Sie leben heute oft noch in dem Stück Heimat, das ihre Eltern mitgebracht haben.

Der Zusammenhalt der jüdischen Emigrantenfamilien ist groß

Zwischen Mai und September dieses Jahres ist Elke-Vera Kotowski dreimal nach Südamerika gereist. Sie besuchte insgesamt 50 jüdische Auswandererfamilien in Brasilien, Bolivien, Peru, Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Mexiko, Chile, Argentinien und Uruguay. Die meisten von ihnen sind in den Dreißigerjahren aus Berlin, Hamburg und Breslau emigriert.

„Ich habe immer wieder gestaunt, wie eng in diesen Ländern nach wie vor der Zusammenhalt der jüdischen Emigrantenfamilien ist“, erzählt die Forscherin. Man kenne einander, treffe sich regelmäßig zum gemeinsamen Musikhören oder zu Skatabenden oder gehe zusammen ins Theater und in die Oper.

Diese Verbindungen würden auch über Ländergrenzen hinausreichen. „Als ich beispielsweise in Costa Rica und Guatemala über die deutsche Botschaft und die jüdische Gemeinde meine Anreise ankündigte, meldeten sich die Familien vorab für meinen Besuch an. Sie hatten von Bekannten und Freunden aus Brasilien oder Peru, wo ich ein paar Wochen vorher war, schon von mir und unserem Projekt erfahren. Ich hatte das Gefühl, die Leute warten auf mich. Weil sie die Sorge umtreibt, dass mit den Dingen, die ihre Eltern einst ins Exil mitbrachten, auch die Erinnerung verloren gehen könnte.“

Es sind keine materiell wertvollen Dinge, sondern – wie der Bleistift aus Breslau – ganz profane Gegenstände, die Elke-Vera Kotowski interessieren. Bei Hans Rosenbaum in Lima etwa sah sie einen hölzernen Nussknacker in Form eines Affen. Wenn der heute 86-Jährige zu besonderen Anlässen den Nusskuchen nach altem Familienrezept backt, dann knackt er die Nüsse dafür mit dem Affen, so wie es sein Vater schon tat, damals in Berlin.

Die Puppe trägt noch immer das Kleid von damals

James Hirsch aus Hamburg, der als Kind mit seiner Familie nach San José in Costa Rica kam, holte für seine Besucherin aus Deutschland eine alte Küchenwaage aus dem Schrank. Als Baby sei er darauf gewogen worden, erzählte er. Heute wiegt er darauf Zucker und Orangen ab für die Orangenmarmelade, die er nach altem Familienrezept kocht.

Lothar Berger aus Lima zeigte Elke-Vera Kotowski einen hölzernen Beißring für Babys mit einem silbernen Glöckchen daran. Auf dem Glöckchen ist auf der einen Seite sein Geburtsdatum, der 13.7.1924, eingeprägt, auf der Rückseite das seines im peruanischen Exil geborenen Sohnes.

Bei anderen Familien hängen gestickte Landschaftsbilder aus der deutschen Heimat an der Wand und Kleiderbügel vom Breslauer „Konfektionshaus Dyckerhoff“ im Schrank.

Sie holen sonntags oder zu Feiertagen das – natürlich noch vollständige – Porzellanservice von Hutschenreuther und KPM aus dem Schrank und legen nach dem Sonntagskaffee den silbernen Tortenheber wieder zurück in die Kiste mit der Aufschrift „Julius Eispart Silberwarenfabrik, Breslau 10, Schiesswerderstraße 13, Fernsprecher 45970“.

Und da ist die Käthe-Kruse-Puppe, die Marianne Wittkowsky aus Guatemala Stadt als kleines Mädchen vor 80 Jahren mitgenommen hat, als sie mit den Eltern das Schiff nach Südamerika bestieg. Die Puppe trägt noch immer das Kleid von damals, heute darf die Enkelin mit ihr spielen, wenn sie die Großmutter besucht.

Das Potsdamer Projekt kann diese Objekte zumindest digital erhalten

„Wenn die Menschen, die Zeitzeugen nicht mehr da sind, dann brauchen wir als Stellvertreter Dinge, die uns ihre Geschichte erzählen“, sagt Elke-Vera Kotowski. „Dinge, die uns zeigen, dass Juden auch als Kulturträger und Kulturpräger wirkten. Dafür geeignet sind nicht nur Bücher und Kunstwerke, sondern eben auch Alltagsgegenstände.“

Doch die Zeit dränge, sagt sie, denn die dritte Auswanderergeneration, die in den Sechzigerjahren geboren wurde, habe längst nicht mehr die emotionale Verbindung zu Europa, zur Heimat ihrer Vorfahren und damit auch zu den Dingen, die ihre Großeltern von dort mitbrachten. „Sie sehen die alten, unmodernen Möbel, die heute meist unpraktischen Küchengeräte – und da wandert dann vieles in den Müll oder in den Keller, wo es verrottet.“

Das Potsdamer Projekt kann diese Objekte zumindest digital erhalten. Und es wird die Geschichten bewahren, die hinter einem hölzernen Affen und einem gelben Bleistift stecken.