Berlin - Die tödlichen Schüsse auf einen Asylbewerber bleiben für die Beamten wahrscheinlich ohne strafrechtliche Konsequenzen. „Es spricht einiges dafür, dass hier Nothilfe vorliegt“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, der Berliner Zeitung. „Abschließend rechtlich bewerten können wir den Fall aber noch nicht.“

Derzeit ermittelt das Landeskriminalamt die Umstände, unter denen der 29-jährige Iraker Hussam H. am Dienstagabend vor einer Flüchtlingsunterkunft an der Kruppstraße in Moabit von Polizeibeamten erschossen wurde.

Rache für Kindesmissbrauch

Gegen 20.30 Uhr war die Polizei zu der Notunterkunft, die aus zwei Traglufthallen besteht, alarmiert worden. Der 29-jährige Tayyeb M. aus Pakistan soll ein sechsjähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Zeugen zufolge saß der Festgenommene im Transporter und wartete mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf den Abtransport. In diesem Augenblick soll Hussam H. mit einem Messer in der Hand aus der Unterkunft auf den Mann im Fahrzeug zugestürmt sein. „Das überlebst du nicht!“, soll er gebrüllt haben. Er hatte die Tür des Mannschaftstransporters erreicht und wollte zu dem Festgenommenen hinaufsteigen. „Er ignorierte mehrmalige Aufforderungen stehen zu bleiben, woraufhin mehrere Polizisten auf den Angreifer schossen, um zu verhindern, dass der Festgenommene verletzt wird“, sagt ein Polizeisprecher. Mehrere Projektile trafen Hussam H.

Gegen Mitternacht starb Hussam H. im Krankenhaus. Seine 25-jährige Ehefrau Saman kam mit einem Schock ins Krankenhaus. Die beiden Töchter im Alter von zehn und sechs Jahren sowie der dreijährige Sohn wurden in eine andere Unterkunft umquartiert. Sie werden psychologisch betreut.

Hassam H. soll selbst Polizist gewesen sein

Derweil versuchen die Bewohner der Moabiter Unterkunft zu begreifen, wie es zu dem tödlichen Vorfall kommen konnte. Der gelernte Elektroinstallateur Hussam H. aus Bagdad hatte laut Freunden im Irak als Polizist gearbeitet und war als Schiit. Auf seiner Facebook-Seite hat er im vergangenen Herbst, bevor er nach Deutschland kam, Bundeskanzlerin Angela Merkel als „Heilige Jungfrau“ gepriesen. Wie die Fotos auf der Seite zeigen, war er ein Verehrer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Auf den in Deutschland aufgenommenen Bildern posiert er stolz: - „Ich habe es geschafft.“ Seit vier Monaten lebten er und seine Familie in den Traglufthallen an der Kruppstraße.

Der 29-jährige Tayyeb M. aus Pakistan, der auf seiner Facebook-Seite ebenso stolz für seine Freunde daheim auf Berliner Plätzen posiert,  war schon länger in der Kruppstraße untergebracht. Im Herbst 2015 kam er nach Deutschland. Er arbeitete im Heim in der Küche. „Oft war er aggressiv“, sagt ein Bewohner.

Am Dienstagabend wollen mehrere Bewohner gesehen haben, wie Tayyeb M. der sechsjährigen Asiye – der Tochter von Hussam H. – ein Mobiltelefon zeigte und sie in ein Gebüsch lockte. „Das kam uns komisch vor“, sagt der 18-jährige Syrer Eyhab, der einer der ganz wenigen ist, die nach acht Monaten in Deutschland schon Deutsch sprechen. Er übersetzt für diejenigen, die auch nicht Englisch sprechen. Der zwei Meter große Mann habe seinen Arm auf die Schulter des Kindes gelegt, sagt er. Eyhab und ein weiterer Freund schildern dann, wie der Mann das Kind ausgezogen und versucht haben soll, es zu vergewaltigen. Beide hätten ihn von dem Mädchen weggezogen und dann die Security-Leute informiert.

Mordkommission ermittelt

Über das, was dann passierte, haben die Bewohner viel zu erzählen. Hussam H. habe vorher Bier getrunken, sagt der 39-jährige Taha aus Syrien.„Er war aber nicht betrunken.“ Der 20-jährige Tarek behauptet: „Es ist nicht wahr, dass er den Mann mit einem Messer angriff. Er hatte nichts in der Hand! Und trotzdem haben die Polizisten ihn getötet. Und es waren eine Menge unbeteiligter Leute hinter ihm, auch Kinder. Die Polizisten haben trotzdem geschossen.“ Ein anderer behauptet, dass die Beamten noch auf ihn eingeschlagen hätten, als er am Boden lag.

Die Staatsanwaltschaft weist das alles zurück. Es gebe eindeutige Zeugenaussagen, die etwas anderes belegen, sagt deren Sprecher Steltner am Mittwoch. Zudem sei die Tatwaffe sichergestellt worden. Wie viele Schüsse genau fielen, ist noch unklar. Es sollen drei Polizisten gewesen sein, die schossen und deren Waffen sichergestellt wurden. Die Ermittlungen übernahm die 2. Mordkommission des LKA. Und gegen Tayyeb M. ermittelt ein Fachkommissariat für Sexualdelikte.