Der Verkehr tost, der Bürgersteig ist hart, das Wetter schlecht und der Kollaps nah. Als ob ein Hunger-und-Durst-Streik nicht schon strapaziös genug wäre. Noch dazu ist es ein grauenhafter Ort, an dem die kleine Gruppe afrikanischer Männer seit dem Wochenende mit einem Hungerstreik versucht, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht zu erlangen und Veränderungen im Asylrecht zu erzwingen. Am Alexanderplatz Ecke Alexanderstraße liegen sie seit fünf Tagen rund um die Uhr auf dem Bürgersteig. In der Nacht zu Mittwoch haben sie ihren Hungerstreik noch ausgeweitet und auch das Trinken eingestellt. Seitdem kollabieren die Männer in immer kürzeren Abständen.

Von 25 hungern noch 12

Mittwoch Morgen hat sich die Zahl der Streikenden gelichtet. 13 Männer sind es noch von ehemals 25. In der Nacht wurde einer der Streikenden bereits zum zweiten Mal in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach dem ersten Mal war er zurückgekehrt. Nach Auskunft der Unterstützer haben sie ihn geweckt, um den Puls zu messen. Weil der Wert unter 60 war, hätten sie einen Krankenwagen gerufen. Ab etwa 3.30 Uhr habe die Polizei die Gruppe angehalten, aufrecht dazusitzen, um den Versammlungscharakter zu wahren.

Mittwoch Mittag sind es nur noch 12. Gerade fährt wieder ein Rettungswagen vor. Wieder haben die Unterstützer einen der Männer geweckt und einen nur noch schwachen Puls gemessen. Die Rettungssanitäter nehmen den Mann mit.
In zwei Reihen hatte die Gruppe noch am Vortag auf Matten und Decken dagesessen. Nun ist die vordere Reihe leer. Die übrigen schauen mit dämmrigen Augen vor sich hin. „Die Nacht ist echt nicht gut gewesen. Es hat geregnet. Es wird schlimmer“, sagt einer. Weitermachen will der Mann trotzdem, „bis wir unser Ziel erreicht haben“.

Am Vortag haben sie an diesem Ort eine Pressekonferenz veranstaltet, um über Forderungen zu sprechen: den Stopp aller Abschiebungen, eine dauerhafte Anerkennung des Aufenthaltes und eine Abschaffung der Dublin-Verträge, nach denen in Europa Zuständigkeiten im Umgang mit Flüchtlingen geregelt sind. Während einer der Flüchtlinge über rassistische Beleidigungen an diesem Ort sprach, brüllte ein Motorradfahrer im Vorüberfahren „Arschlöcher, verschwindet“. Eine Frau im Rentneralter rief „das soll nun eine Bereicherung für uns sein“, als sie die Straße überquerte.

Ein Mann auf seiner Matte verdreht die Augen beim Thema Rassismus. Sie würden immer wieder beschimpft, nur wenige Passanten interessierten sich für die Gründe ihrer Mahnwache, erzählt er am Mittwoch. Den Ort, an dem sie protestieren, haben sich die Männer nicht freiwillig gesucht. Sie demonstrierten am Sonnabend vom Hermannplatz in Neukölln nach Mitte und wollten eine Mahnwache an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz einrichten. Damit war die Polizei nicht einverstanden, so landeten sie an der Hauptverkehrsstraße vor dem Kongresszentrum. „Wir schlafen überhaupt nicht mehr, es geht nicht. Wir haben aber auch keine Kraft mehr, uns hinzusetzen, deshalb liegen wir“, sagt der Mann. Beschimpft und vertrieben habe sie auch das Personal von den öffentlichen Toiletten der Umgebung.

Um 13 Uhr fährt ein weiteres Mal der Notarzt vor. Mittlerweile hat sich die Lage bei den Sanitätern rumgesprochen. Am Vortag hatten die Hungerstreikenden 20 Minuten auf einen Krankenwagen warten müssen. Offenbar wurde in der Nähe noch ein Notarzt gerufen.

Um 13.40 Uhr muss ein weiterer Wagen gerufen werden. Mehrere Männer sind kollabiert. Die Polizei beobachtet die Lage, seit die Mahnwache eingerichtet wurde, mit wechselnden Teams. Anzeigen zu rassistischen Beleidigungen liegen ihr nicht vor.
Die Unterstützer organisieren sich täglich neu über abendliche Treffen. Es sind junge Leute, Studenten, Oberschüler. „Wir haben Schutzschichten eingerichtet“, sagt eine Teilnehmerin. „Wir wecken die Streikenden alle halbe Stunde, um den Puls zu messen, damit keiner stirbt. Jetzt werden wir die Abstände verkürzen“, sagt sie. Eine medizinische Ausbildung haben sie nicht, sie könnten Puls messen und im Notfall die 112 anrufen, sagt sie.

Schein-Idylle am Oranienplatz

Um 14 Uhr sind bereits fünf Männer in Kliniken eingeliefert worden, am Abend sind es sechs. Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) sagt am Abend vor Journalisten: „Die Lösung am Oranienplatz war schwierig.“ Alle Verwaltungen seien sich einig, so eine Situation nie wieder zulassen zu wollen.

Im Vergleich zum Alexanderplatz ist es auf dem Oranienplatz am Mittwoch idyllisch. Ein einsamer Mann hält eine Mahnwache gegenüber dem Platz, wo einst das Camp war. Seit drei Wochen übernachten dort Flüchtlinge. Die meisten Flüchtlinge sind nicht da – sie reden an diesem Tag mit der Staatsministerin für Migration Aydan Özoğuz über ihre Forderungen. Ende April hatten sie ihren Hungerstreik unter dieser Bedingung ausgesetzt. Ob sie ihn wieder aufnehmen, ist offen.