Flüchtlinge auf dem Berliner Arbeitsmarkt: Zwischen unter- und überqualifiziert

Berlin - "Ich muss arbeiten“, sagt Thaer Al Ahmad entschieden. Vom Jobcenter wolle er nicht leben. Der 47-jährige Iraker kam vor dreieinhalb Jahren mit Frau und vier Kindern aus Syrien nach Berlin. Er ist gelernter Maler und hat bereits sechs Monate bei einer Brandenburger Firma gearbeitet. Zurzeit macht er seinen Führerschein, denn ohne Auto gelangt er nur schwer zu seinem Arbeitsplatz. An seiner Seite malern ein Pole, ein Kroate, ein Deutscher und ein Georgier. „Nette Leute“, sagt er, „die Arbeit ist gut.“

Die Stelle hat ihm das Social-Start-up Litus Novum vermittelt. Geschäftsführerin Liane Adler gründete das Unternehmen vor anderthalb Jahren, um Geflüchtete in interkulturellen Kursen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und sie anschließend in Arbeit zu bringen. Noch funktioniert die Vermittlung meistens „handverlesen“. Das heißt: Wenn ein Flüchtling einen Arbeitswunsch hat, kontaktiert Adler potenzielle Arbeitgeber und arrangiert Vorstellungsgespräche für die Person. Dafür ist sie mit Innungsvorsitzenden, Verbandsgeschäftsführern und großen Einzelunternehmen in Kontakt.

Der Berliner Arbeitsmarkt entdeckt das Potenzial der Geflüchteten. Ende vergangenen Jahres hatten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 13 800 Geflüchtete in Berlin eine Arbeit, fast doppelt so viele wie anderthalb Jahre zuvor. Wie viele Menschen aus der letzten Flüchtlingswelle in Berlin leben, ist nicht erfasst. Rund 87 400 Personen kamen zwischen 2015 und 2018 nach dem Erstverteilungsschlüssel in der Stadt an.

Berliner Betriebe brauchen ausländische Fachkräfte

Sicher ist, dass ihre Arbeitskraft an einigen Orten dringend gebraucht wird. „In Berlin suchen fast alle Branchen, insbesondere auch das Handwerk. Doch handwerkliche Arbeit ist unter den Geflüchteten nicht so akzeptiert“, sagt Adler. Doch höher qualifizierte Aufgaben könnten sie mangels Sprachkenntnissen häufig noch nicht übernehmen. 

Eine Firma, mit der Adler zusammenarbeitet, ist Gegenbauer, ein Serviceunternehmen für Gebäudedienstleistungen. Heike Streubel ist Integrationsbeauftragte der Unternehmensgruppe und hat in den vergangenen Jahren die Einstellung und Beschäftigung von rund 140 Geflüchteten begleitet. 

Diese werden nicht nur als Arbeitskräfte engagiert. „Auch ihre Integration wird gefördert“, sagt Streubel. So hat Gegenbauer eine eigene App zur Verbesserung der Sprachkenntnisse, die den Mitarbeitern kostenlos zur Verfügung steht. Die Personalentwicklungsabteilung unterstütze die Geflüchteten zudem bei der Weiterbildung. Streubel betont, dass die neuen Mitarbeiter nicht nur in der Gebäudereinigung tätig sind. Sie sind beispielsweise auch im Gartenbau, als Techniker in der Hausverwaltung und im Sicherheitsbereich beschäftigt. „Ich habe die Entwicklung der Menschen miterlebt“, sagt Streubel. Einige Geflüchtete hätten bereits Ausbildungen zum Beispiel als Gebäudereiniger abgeschlossen. „Da war so viel Energie dahinter – das war beeindruckend.“

Auch der Paketzustelldienst DHL hat viele Geflüchtete eingestellt „Seit Ende 2015 haben deutschlandweit über 7 600 Flüchtlinge aus den Ländern Syrien, Eritrea, Somalia, Iran und Irak einen Arbeitsvertrag mit unserem Unternehmen abgeschlossen“, erklärt Sprecher Hans-Christian Mennenga. Darüber hinaus absolvierten rund 220 Geflüchtete eine Ausbildung in verschiedenen Bereichen des Unternehmens, im Brief- oder Paketzentrum, dem Zustelldienst, als Berufskraftfahrer oder als Mechatroniker. „In Berlin beschäftigen wir derzeit knapp 280 Kolleginnen und Kollegen, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind – selbstverständlich tarifgebunden und sozialversichert“, sagt er.

DGB: "Flüchtlinge sind oft unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt"

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht die Lage der Geflüchteten nicht so positiv. „Generell erleben wir, dass Flüchtlinge oft unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt sind“, sagt Annelie Buntenbach vom Vorstand des DGB. Wissenschaftler bestätigen die Beobachtung. Ein großes Risiko sei auch die Konjunktur. „Läuft es nicht so gut, gehören viele Flüchtlinge in den Betrieben zu den Ersten, die gehen müssen.“

„Wir sehen teilweise systematische Überschreitungen des Arbeitsrechts und Missachtung des Arbeitsschutzes“, berichtet Felix Bluhm vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen. Für eine noch unveröffentlichte Studie haben Bluhm und sein Team mehr als 100 Geflüchtete befragt, die unter anderem bei Reinigungsdiensten, Schlachtbetrieben und Logistikunternehmen arbeiten. Die Befragten hätten von unzureichender Schutzkleidung, vielen Überstunden und Schmiergeld für die Vermittlung einer Arbeitsstelle berichtet.

Dafür, dass viele Geflüchtete Helferjobs annehmen, gibt es viele Gründe, sagt Litus-Novum-Chefin Adler: Geringqualifizierte schilderten häufig, zufrieden zu sein, wenn sie überhaupt einen Job fänden. Oft stehe die schnelle Aufnahme einer bezahlten Tätigkeit im Vordergrund, weil im Herkunftsland Verwandte unterstützt oder Kosten für die Flucht zurückgezahlt werden müssten. Allerdings gebe es auch Fälle, bei denen Geflüchtete gegen ihren Willen in Helfertätigkeiten geschoben wurden. Manche fühlten sich von Jobcentern zur Aufnahme einfacher Tätigkeiten gedrängt. 

Diese Kritik weist die Arbeitsagentur zurück. „Jeden Monat nehmen zurzeit mehr als 300 Geflüchtete in Berlin eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf“, sagt Bernd Becking, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Das Ergebnis spiegele die zielgerichtete Zusammenarbeit aller Beteiligten wider. 

Gute Deutschkenntnisse sind Voraussetzung

Viele Menschen mit Fluchthintergrund befänden sich noch in Sprachkursen, sagt er weiter. Gute Deutschkenntnisse seien eine elementare Voraussetzung, um Arbeit zu finden und an der Gesellschaft teilhaben zu können. Dass noch viel für die Integration geflüchteter Menschen zu tun ist, räumt Becking jedoch auch ein. „Eine lange Strecke liegt dennoch vor uns: Wir sind zuversichtlich, das Tempo hoch zu halten und Ausdauer zu beweisen.“