Das Geschäft des Exilanten ist Hoffen. So formulierte es Bertolt Brecht einmal. Und so steht es auf einem Bild mit dem Gesicht des Dichters im Eingangsbereich der Flüchtlingsunterkunft im Askanierring in Spandau. Hier leben etwa 170 Menschen, 120 von ihnen sind vor gut drei Wochen aus der Gerhart-Hauptmann-Schule in den ockerfarbenen Backsteinbau gezogen. Viele von ihnen hoffen nun. Sie hoffen, dass die Stadt ihre Fälle wohlwollend prüft, wie im Einigungspapier von Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) versprochen. Sie hoffen darauf, am Ende in Deutschland bleiben zu dürfen.

Ein junger Ghanaer, der sich „Innocent“ nennt, quält sich mit der Frage, was nach Ablauf des Verfahrens auf ihn wartet. „Alles hängt an Gott“, sagt der 22-Jährige mit leiser Stimme auf Englisch. Er sitzt am Ecktisch seines Dreibettzimmers, den schmalen Körper so weit wie möglich nach hinten in den Stuhl gedrückt, der Blick gen Boden, dann zur Seite aus dem Fenster. In dem geräumigen Zimmer liegen ein paar lose Kleidungsstücke auf dem Boden, zerwühlte Decken hängen von den Betten.

Innocent hat gerade geschlafen. Er schläft viel, seitdem er hier lebt. Aus dem Haus geht er fast nie. Dennoch mag er die Umgebung in Spandau, wie er betont. Manchmal sitzt er mit anderen Bewohnern zusammen, man trifft sich in den Zimmern oder auf dem Flur. „Ich bin froh, aus der Schule weg zu sein. Dort habe ich mich nie sicher gefühlt. Wäre mir etwas passiert oder ich wäre krank geworden ? da wäre niemand gewesen, der einem hilft.“ Dass der Berliner Senat den insgesamt 553 Flüchtlingen von Oranienplatz und aus der Gerhart-Hauptmann-Schule die medizinische Versorgung auch aktuell nur in Notfällen bezahlt, weiß Innocent nicht.

Viele haben italienische Papiere

Er würde gern einen Sprachkurs beginnen, erzählt der Ghanaer und knipst an seinem Fingernagel. „Ein Freund hat mir erzählt, dass demnächst ein neuer Kurs beginnt.“ So läuft das im Haus: Informationen wandern von Bewohner zu Bewohner, mal in dieser, mal in jener Version. Die vom Senat im Einigungspapier zugesagten Deutschkurse starten für die ehemaligen Schulbewohner nur langsam, die wenigsten hier in Spandau erhalten schon Unterricht.

Auch haben sich bisher nur rund 30 Flüchtlinge aus der gesamten Gruppe vom Oranienplatz und aus der Schule bei der Ausländerbehörde vorgestellt, um die Prüfung ihrer Fälle in Anspruch zu nehmen. Nach Aussage von Berlins Integrationsbeauftragter Monika Lüke haben mindestens zehn der Geprüften eine Ablehnung ihrer Anträge erhalten. Gut die Hälfte der Geprüften verfügte bereits über ein Aufenthaltsrecht in Italien oder Spanien.

So auch Innocent.Vor sieben Jahren überquerte er in einer viertägigen Bootsfahrt das Mittelmeer, landete auf Lampedusa und zog irgendwann nach Neapel. „Dort gab es keine Arbeit, kein Geld, nichts“, sagt er. Innocent wollte besser leben, reiste erst nach Paris, von dort aus im April dieses Jahres weiter nach Berlin. Sechs Wochen lebte der schmächtige Mann in der Gerhart-Hauptmann-Schule.

„Besetzungen sind unsinnig“

Kreuzbergs Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) schilderte kürzlich, die Schule sei in ganz Europa als ein Traumziel gehandelt worden, wo man ohne Papiere, ohne Kontrolle und ohne Kosten schlafen kann. Innocent schüttelt den Kopf. „Ich wusste nicht von der Schule“, sagt er. „Als ich in Berlin ankam, irrte ich umher, sprach einen Mann auf der Straße an. Der zeigte mir den Weg nach Kreuzberg.“ In Deutschland hat der Ghanaer den Status eines Touristen. Alle drei Monate muss er für einige Zeit zurückreisen nach Italien, damit er in Deutschland nicht zum Illegalen wird.

Der Berliner Flüchtlingsrat schätzt, dass es dem größten Teil der 553 Menschen aus der Schule und vom Oranienplatz so geht. „Sie sind über Lampedusa eingereist und haben einen italienischen Aufenthaltstitel bekommen. Manche haben in Deutschland einen zweiten Asylantrag gestellt, andere nicht. Wieder andere haben nichts mit Lampedusa zu tun, sie sind über Spanien, Portugal oder ein anderes EU-Land gekommen“, sagt Sprecherin Martina Mauer.

553 Menschen, 553 Wege nach Europa, 553 Namen auf einer Liste, 553 Schicksale und 553 Arten, damit umzugehen: Die Gruppe der Flüchtlinge ist heterogen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt von einem Flüchtling, der in Kreuzberg bekannt ist wie ein bunter Hund.