Heimat auf Zeit: Shirin (links) mit ihren Schwestern Sivoun (2. v. r.) und Avin (r.) und der Freundin Sidra (2.v. l.) vor dem Hostel Metropol am Mehringdamm.
Foto: Edith Siepmann

BerlinDer Mehringdamm am gleichnamigen U-Bahnhof ist ein Kreuzberger Brennpunkt und touristischer Hotspot zugleich. An der Mischung aus Currywurst, Gemüsekebap, Kabarett, Urberliner Kneipe, Techno-Club und Finanzamt zieht ein nie enden wollender Strom von Autos und Menschen vorüber. Die Kulisse könnte ein Bühnenbild für eine Berliner-Lifestyle-Werbung sein. Was wollen die vielen Leute hier? Die meisten eilen zur U-Bahn oder stehen Schlange vor dem Fast-Food-Stand.

Andere übernachten im Metropol, das sich im historischen Geschäftspalast Nummer 32 befindet. Mit „Charming – Cheap – Central“ wirbt das Hostel um Gäste. Wenig Komfort, etwas heruntergekommen, aber mit dem Kreuzberg-Erlebnis vor der Tür, so ist in den Internet-Bewertungen zu lesen. Die Rezeption besteht aus einer Lobby mit kunstledernen Sofagarnituren. Ein Junge sitzt mit dem Handy vor dem Fernseher. Weinrote Vorhänge umrahmen den Blick durch hohe Fenster auf Gründerzeitfassaden. Zwei junge Frauen trinken Kaffee und beugen sich erwartungsvoll über die Berlin-Karte.

Seit 2015 beherbergt das Hostel geflüchtete Familien

Dass es in ihrem Hostel auch Menschen gibt, die schon seit Jahren in den Mehrbett-Zimmern wohnen, wissen sie nicht. Manchmal stehen diese Dauer-Gäste vor dem Eingangstor und rauchen, sitzen auf den Bänken vor dem Finanzamt oder kommen von der Schule und öffnen mühsam die schwere Eisentür des großen grauen Hauses.

Seit 2015 beherbergt das Hostel Metropol außer Budget-Touristen auch geflüchtete Familien mit Aufenthaltsrecht. „Manche Gäste mögen es nicht, dass hier auch Flüchtlinge sind“, antwortet der Bar-Angestellte abweisend auf die Frage, wie denn das Zusammenleben funktioniere. Aus der Befürchtung heraus, dass deren Anwesenheit geschäftsschädigend wirken könne, versuche die Hostelverwaltung die Berührungspunkte zu den Touristen gering zu halten.   Andererseits bescheren die neuen Bewohner den Hoteliers einen verlässlichen Zusatzgewinn, seit Senat und Bezirksämter in Ermangelung geeigneter Unterkünfte seit fünf Jahren Asylanten in Hostels und Pensionen unterbrachten.

Gedacht war das als Not- und Übergangslösung, aber noch jetzt leben berlinweit mindestens tausend Menschen im Hostel. Die Zuständigkeiten variieren – je nach Aufenthaltsstatus – zwischen Land und Bezirk und schließlich dem Jobcenter. Die „Statusgewandelten“, so der offizielle Begriff für Asylberechtigte mit Aufenthaltsrecht, bekommen ihre Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch, also über Hartz IV. Für eine Nacht im Hostel zahlt das Jobcenter pro Person 25 Euro. Da kommen bei großen Familien hohe Summen zusammen.

Berlinweit leben mindestens 1000 Geflüchtete im Hostel

Der dreizehnjährige Arkan, dessen neunköpfige jesidische Familie vor den Terroristen des IS aus dem Irak floh, versteht das nicht: Seine Eltern suchen seit drei Jahren auf eigene Faust nach einer Wohnung und hatten sogar ein paar Zusagen. Doch die Unterkünfte waren nach dem Sozialgesetzbuch zu teuer. „Aber das Hostel kostet für uns 7000 Euro im Monat!“, rechnet Arkan. „Die Wohnung 1700 Euro. Warum bekommen wir nicht die Wohnung?“

Laut Hartz-IV-Vorgaben wäre die Miete damit um 530 Euro zu hoch. Günstigere Wohnungen aber werden sich in Berlin für Arkans Familie kaum finden lassen, denn es muss auch eine Mindestgröße von 81 Quadratmetern für die neunköpfige Familie eingehalten werden. Und für 1170 Euro Bruttokaltmiete vergibt in Berlin in der jetzigen Wohnungssituation kaum ein Vermieter seine Wohnung an so viele Menschen. Die 7000 Euro für die 30 Quadratmeter, auf denen Arkans Familie jetzt wohnt, sind jedoch rechtens. Das ist die absurde und unverständliche Situation für viele Geflüchtete in den Berliner Hostels.

Arkans große Schwestern Shilan und Jilan sind schon in der Oberstufe. Der mittlere Schulabschluss steht für Jilan an, und auch die 19-jährige Shilan muss viel lernen für die Prüfung im Oberstufenzentrum. Nach dem Abschluss will sie im Gesundheitsbereich arbeiten. Das Lernen ist sehr schwierig im engen Zimmer mit den kleinen Geschwistern. Oft geht sie in die nahegelegene Amerika-Gedenkbibliothek. „Aber nach der Schule ist dort oft schon alles besetzt“, sagt sie.

Schon sieben Jahre sind vergangen, seitdem ihre Familie in letzter Sekunde aus ihrem Dorf in die Sindschar-Berge floh, immer in Todesangst, durstend und hungernd. In einem kurdischen Flüchtlingslager überlebten sie eineinhalb Jahre im Zelt und wagten dann die Flucht über die Türkei nach Griechenland. Das überbesetzte Schlauchboot wurde kurz vor dem Kentern entdeckt und die 62 Menschen, viele Kinder mit ihren Eltern, gerade noch gerettet.

Endlich ankommen in einem Leben ohne Provisorium

Als Shilan ihre Geschichte erzählt, fällt ein Schleier über die Gesichter auch der kleinen Geschwister. Zurück in den Irak gibt es für sie als jesidische Minderheit keinen Weg mehr, Deutschland ist ihre Zukunft. Zum Glück ist die Familie gerettet und gesund, die Kinder sind auch gut in Schule und Umfeld angekommen. Nur etwas Ruhe, eine eigene Wohnung, das ist auch der Wunsch des Vaters, der schlecht bezahlt in Nachtschicht die U-Bahn-Stationen reinigt. Sie wollen endlich ankommen in einem Leben ohne Provisorium.

So geht es auch Dilan* und ihrer Familie. Die 35-Jährige ist ebenfalls Jesidin aus dem Irak und wohnt mit ihren fünf Kindern seit zwei Jahren am Mehringdamm. Ihr Mann flüchtete ein Jahr vorher und arbeitet jetzt als Lagerhelfer in Nachtschicht in Hannover. Tagsüber sucht er nach einer Wohnung für seine Familie. Dilan und ihr Mann haben wie Arkans Familie eine grauenhafte Flucht hinter sich, aber sie sind optimistisch und blicken nach vorn. „Es ist alles gut hier. Nur das Zimmer ...“, sagt Dilan. „Das Zimmer macht alt.“

Sie schläft auf dem Boden, das ist für sie bequemer. Die Kinder liegen auf Doppelstockbetten, und die freien Matratzen werden als Schrankersatz genutzt. Dort lernen und lesen sie auch, denn es ist kaum Platz im Zimmer, nur ein kleiner Schreibtisch mit Schulheften und einem Laptop, auf das alle stolz sind. „Meine Kinder mögen Berlin, aber nicht das Zimmer.“

Trotz dieser Umstände sind sie gut in der Schule, lernen viel. An der Wand hängen Zettel mit Grammatikübungen, Stundenplänen und auch eine Deutschlandfahne mit der Aufschrift: Wir lieben Deutschland. Die Familie ist dem Tod entkommen und hofft auf ihre Lebenschance. „Wir respektieren die Regeln hier. Wir wollen unsere Seite weiß behalten, damit wir in Frieden leben“, sagt Dilan in Übersetzung einer kurdischen Redewendung.

„Nicht viel nachdenken, rausgehen“

Sie möchte arbeiten. „Putzen, kochen, egal, ich bin gesund.“ Was sie am liebsten macht? „Laufen, sehen, lachen, Natur!“ Nach dem Deutschkurs trifft sie sich mit den anderen Müttern zum Einkaufen oder auf der Bank vor dem Finanzamt. „Nicht viel nachdenken, rausgehen.“ Dann nimmt sie die Töpfe und geht über Treppen und Gänge zur Gemeinschaftsküche des Hostels.

Es ist schon spät, denn von 7 bis 12 Uhr herrscht Küchenverbot. In der Zeit gehören die Kochgelegenheiten ausschließlich den Touristen. Danach treffen sich die Frauen der zwölf hier lebenden geflüchteten Familien an den wenigen Herdplatten. Auch ein Mann ist unter den Köchinnen: Ahmed, ein palästinensischer Gastarbeiter aus Saudi-Arabien. Er hat fünf Kinder im Alter von vier bis 20 Jahren. Weil er der erhöhten Geldforderung seines saudischen „Beschützer“-Prinzen nicht nachgeben wollte, musste er Hals über Kopf mit den Kindern, aber nach Landesrecht ohne deren Mutter ausreisen.

Dass er hier für seine Kinder kocht, ist ungewohnt für die anderen Frauen. Aber was soll er machen? Die Kinder brauchen Essen. Ahmed arbeitet ebenfalls in Nachtschicht. Wenn die Kinder in Schule und Kita sind, versucht er zu schlafen. „Dann einkaufen für das Mittagessen und kochen.“ So ginge das nun schon seit drei Jahren. Ahmed sagt, er fühle sich wie in einer Thunfischdose in diesem Zimmer im vierten Stock. Die Kinder springen herum, sitzen vor dem Fernseher und rufen ständig nach ihm, wenn er versucht, etwas zu schlafen.

Sonst sei alles gut, schöne Straßen, das Viertel, die Schule in der Nähe, auch der Hostelbesitzer sei ein freundlicher Mann. „Er möchte gerne, dass wir hier bleiben und bietet uns auch ein weiteres Zimmer an. Aber wir brauchen eine richtige Wohnung mit Küche.“ Ahmed versteht nicht, warum er nicht in leerstehende Container auf dem Tempelhofer Flugfeld oder an der Alten Jakobstraße einziehen durfte. Dort hätte es wenigstens eine eigene Küche und zwei Zimmer gegeben.

Landesamt für Flüchtlinge weiß nichts über das Hostel

Antworten auf Fragen wie diese sind beim Bezirksamt nicht zu bekommen. Das Landesamt für Flüchtlinge weiß nichts über das Hostel Metropol als Unterkunft für Asylberechtigte, dafür sei der Bezirk zuständig. Nach Wochen kommt eine Mail von der Bezirkspressestelle: Zahlen zu den in Hostels lebenden Geflüchteten gebe es nicht, da sie über alle Bezirke verstreut seien. Aber seit 2018 arbeite der Senat für Integration, Arbeit und Soziales an der „Gesamtstädtischen Steuerung der Unterbringung von Wohnungslosen“, über die die Quartiere zentralisiert werden sollen. Dann sollen auch Standards für die Unterbringung festgelegt werden.

Einige Zusammenhänge sind in einer aktuellen „Studie zur Situation geflüchteter Familien in Berlin“ nachzulesen. Demnach existieren bis jetzt außer baulichen Mindeststandards keine Vorgaben für den kostenintensiven Platz im Hostel, auch nicht das Recht auf Frühstück, Bettwäsche, Spiel- und Gemeinschaftsräume. Amtliche Kontrollen der Unterkünfte fänden bisher aus Personalmangel nicht statt.

Über den Hostel-Besitzer gibt es keine Klagen von den Familien. Er würde das Beste aus der Situation machen und sei hilfsbereit, sagen die Eltern von Arkan. Auch den Frühstücksraum können die Familien für Geburtstage nutzen. Und die Kinder lässt er in der Lobby spielen. „Hier ist besser als Wohnheim. Da darf kein Besuch kommen. Hier ist freier“, sagt die Mutter Nisan. Aber seit der Besitzer mit neuen Projekten und Geschäften beschäftigt und seltener da ist, würden die Kinder von einigen Angestellten öfters aus der Lobby verwiesen, dem einzigen Gemeinschaftsraum. Die Kinder seien zu laut. „Die lassen uns nie spielen“, sagt Sivoun. Also treffen sie sich in den langen, dunklen Gängen.

Auch Sidra ist dabei, eine zwölfjährige, nachdenkliche kurdische Syrerin. Sie war vorher im Hangar des Flughafen Tempelhof. In der Erinnerung gefiel es ihr dort besser, weil da noch die ganze Familie zusammen war. Im Metropol sind nur noch ihre vier Geschwister und die Eltern. Die Verwandten fehlen ihr.

Rund um die Uhr Verkehr und Partylärm

Vom Mehringdamm und aus dem Hinterhof lärmen rund um die Uhr Verkehr und Menschenstimmen. Nachts ist oft Party. Wie sollen die Kinder schlafen, lernen oder sich konzentrieren können? Sivoun und Noura, neun und elf Jahre alt, die mit ihren Geschwistern und Eltern gerade noch vor den fallenden Bomben aus ihrem syrischen Dorf an der Grenze zur Türkei fliehen konnten, gefällt es gut im Kiez und in der nahen Lenau-Schule. Sie haben Freundinnen in ihren Klassen gefunden, sie sind „angekommen“ mit ihrer munteren und intelligenten Art. Seit drei Jahren wohnen sie nun am Mehringdamm. Ihr Vater hat eine Arbeit als Hausmeister in einem Hotel gefunden. Jetzt fehlt nur noch eine Wohnung mit eigener Küche. Am liebsten aber hier „bei Kreuzberg“.

Die Familie von Dilan hat es schließlich geschafft. Sie haben jetzt eine eigene Wohnung, allerdings in Hannover. Sie sind schon umgezogen. Auch Herr Arkans Vater hat seine Wohnungssuche ausgeweitet. Für 1080 Euro hätte er auf dem Land ein Haus mieten können. Aber die Ausländerbehörde hat bis jetzt keine Zustimmung erteilt. Und die Kinder wollen viel lieber in Berlin bleiben.

*Name geändert