Yaser Al Agha* hat es geschafft, noch nicht ganz, aber fast. Seit der 29-Jährige vor einem Jahr nach Deutschland kam, lief es gut für ihn. Sofern man das behaupten kann für einen jungen Mann, der alles zurückgelassen hat, was ihm lieb und teuer ist: seine Familie, Eltern und neun Geschwistern, seine Möglichkeit, in seiner Heimat eine Existenz aufzubauen und eine Familie zu gründen.

Al Agha hat Syrien vor einem Jahr verlassen, seine Heimatstadt Deir ez-Zor, ein paar hundert Kilometer von Palmyra entfernt, der berühmten antiken Oasenstadt, ist umzingelt von den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates. Al Agha sah in Deir ez-Zor keine Perspektive für sich. „Ich wollte nicht in die syrische Armee eingezogen werden, ich wollte nicht in den Krieg ziehen und mein Leben verlieren. Es gab für mich nur die Möglichkeit zur Flucht. Ich hasse den Krieg!“, erzählt er.

Yaser Al Agha sitzt in einem Besprechungsraum der Sozdia in der Lichtenberger Pfarrstraße, einer Stiftung, die aus dem Verein Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg e.V. hervorgegangen ist und die Notunterkunft für Flüchtlinge in der Treskowallee betreut hat, in der auch Al Agha am Ende seiner Odyssee angelangt war. Er wirkt müde beim sprechen, erschöpft von der Erzählung über seine Flucht, die im September 2015 begann und im November desselben Jahren endete.

Einen Monat in der Türkei

Al Agha spricht schon gutes Deutsch, es ist ihm wichtig, dass er selbst spricht und keinen Dolmetscher benötigt. Er hat Deutsch gelernt, seit er in einer Notunterkunft in München ankam. Davor verlief seine Route wie die vieler seiner Landsleute. Von Syrien aus geht Al Agha, der in Deir ez-Zor Agrar-Ingenieurswissenschaften studierte, in die Türkei. „Ich habe den IS-Kämpfern erzählt, ich müsste in die Türkei, um zu arbeiten, ich bräuchte das Geld, um meine Familie zu ernähren und würde danach zurückkommen nach Deir ez-Zor. Ich konnte auch nicht glauben, dass sie mir das abgenommen haben. Ich hatte Angst, dass sie mir den Kopf abschlagen, oder auch nur meine Hände, aber ich musste es einfach probieren“.

Al Agha braucht drei Anläufe, um die türkische Grenze zu passieren, es fehlt an Geld, am Ende gelingt es ihm doch und er bleibt einen Monat in der Türkei um in einer Kofferfabrik bis zu 14 Stunden am Tag für ein paar Euro Kofferschalen zu nieten. Eine harte und schlecht bezahlte Arbeit. Nach einem Monat zieht er weiter und gelangt über die griechische Inseln, den Balkan und Österreich nach Deutschland. Es folgen Notunterkünfte in München, Hamburg, Kiel, Neumünster und schlussendlich dann in Berlin.

„Ich hatte wirklich gute Sterne, ich war nur einmal ein paar Tage krank, als ich in München war“, sagt Al Agha, in dessen Heimatstadt es am Montag dieser Woche 28 Grad warm war. Er trägt einen roten Pullover und einen dicken Wollschal. Er lacht viel beim Sprechen und so locker er auch über seine Flucht aus Syrien spricht, so merkt man ihm doch seine Anstrengung an, es ist eine Art Kurzatmigkeit beim Erzählen, als ob der Mann sich anstrengen muss, diese zwei Monate seines Lebens immer wieder Revue passieren zu lassen, auch wenn er betont, wie glücklich er sei, in Deutschland zu sein.

Eine Art Schwebezustand

Ein Jahr hat er nun auf die Anhörung gewartet, die seinen Status klären soll. Al Agha hat Asyl in Deutschland beantragt, er will vorerst nicht zurück nach Syrien und sieht die Lage dort realistisch: „Nach fünf Jahren Krieg wird es noch viele, viele Jahre dauern, bis meine Heimat wieder eine Möglichkeit für mich bietet. Es reicht ja nicht, dass der Bürgerkrieg vorüber ist, dann kommt ja auch noch der Wiederaufbau“.

Al Agha befindet sich seit einem Jahr nun also in Deutschland in einer Art Schwebezustand, er darf nicht arbeiten, da sein Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Ein Zustand, der bei vielen Flüchtlingen zu Resignation und Frustration führt, die sprichwörtliche Decke, die einem auf den Kopf fällt, wenn man zum Nichtstun verdammt ist. Doch die Sozdia hat Yaser Al Agha auch dabei geholfen um der lähmenden Untätigkeit zu entgehen, bis das Asylverfahren vorangekommen ist; ein Jahr Wartezeit ist durchaus die Regel.

Al Aghas Bruder hatte er mehr Glück, er wurde als Asylsuchender schon anerkannt, da er einer der ersten Flüchtlinge aus Syrien war, bevor der Strom der Zuwanderer begann, die Behörden in Berlin und das Lageso zu überfordern. Al Agha bekam im Frühjahr diesen Jahres eine sogenannte Arbeitsgelegenheit innerhalb der Stiftung vermittelt, die auch die mittlerweile aufgelöste Notunterkunft in der Treskowallee 8 betrieben hat.

Im interkulturellen Garten Lichtenberg kümmert er sich seitdem um die Grünanlage und spielt mit den Kindern, die den Garten besuchen. 80 Stunden im Monat darf er das tun, bei einer Bezahlung, die ungefähr einem ein Euro-Job gleichkommt. Doch nicht nur das Geld ist hier von Bedeutung für den 29-Jährigen, es sind in erster Linie die sozialen Kontakte, die die Integration des Muslims aus Syrien fördern, denn es sind die zwischenmenschlichen Kontakte, die seiner Einsamkeit entgegenwirken und das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun zu haben, tausende Kilometer von der Heimat entfernt.

Doch ohnehin ist Yaser Al Agha nicht der Typ, der die Dinge einfach auf sich zukommen lässt. Wie er auf eigene Faust seine Heimat verlassen hat, so hat er sich hier gemeinsam mit seinem Bruder eine Wohnung gesucht, um dem Leben in den Notunterkünften zu entkommen. Zwei kleine Zimmer haben die Brüder nun in Karlshorst und wenn sein Antrag auf Asyl in Deutschland bewilligt wird, dann ist das für Yaser Al Agha der Start in ein neues Leben. Er will dann hier seinen Master als Agrar-Ingenieur machen, seinen Bachelor hat er ja schon.

*Name der Redaktion bekannt.