Der Hauseingang ist voller Menschen, dicht gedrängt stehen etwa 50 Männer um einen Tisch herum, an dem eine Mitarbeiterin der Caritas die Personalien in eine Liste schreibt. Die Männer reden laut auf Englisch und Französisch. „Wir sind froh, endlich eine Unterkunft zu haben“ sagt Adam, ein Mann aus Nigeria.

Die ersten Flüchtlinge vom Oranienplatz in Kreuzberg sind am Sonntagnachmittag in das frühere Seniorenheim „Zum Guten Hirten“ der Caritas gezogen. Im Haus Residenzstraße 90 ist Platz für 80 Menschen. Sie wohnen auf zwei Etagen in Zimmern mit drei bis fünf Betten, die afrikanischen Flüchtlinge teilen die Zimmer nach ihrer Herkunft auf: Nigeria, Somalia, Eritrea, Mali, Gambia. Thomas Gleißner, Sprecher des Caritasverbandes, begrüßte die Bewohner am Eingang. Er sagt: „Es ist warm und die Flüchtlinge haben endlich ein Dach über dem Kopf. Wir leisten humanitäre Hilfe.“

Altenhilfe liefert täglich Essen

Das frühere Seniorenheim verfügt über den nötigen Komfort. Toiletten und Bäder funktionieren, in dieser Woche werden zwei neue Küchen eingebaut, die Altenhilfe der Caritas wird die Menschen jeden Tag mit Essen versorgen. Bei den Gerichten wollen die Köche die Essgewohnheiten berücksichtigen.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) und das Landesamt für Gesundheit und Soziales, zuständig für die Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin, hatten die katholische Kirche in der vergangenen Woche um Hilfe für die Flüchtlinge gebeten. Evangelische und katholische Kirche hatten kürzlich schon einmal schnelle Hilfe geleistet und hungerstreikenden Flüchtlingen am Brandenburger Tor ein Quartier geboten.

Die Feuerwehr hat das Haus in der Residenzstraße kurzfristig als Notübernachtung für 80 Leute freigegeben, dafür aber auch eine dauerhafte Brandwache gefordert. Ein Sicherheitsdienst beaufsichtigt das Haus nun rund um die Uhr. Die Caritas will den Flüchtlingen Dolmetscher zur Seite stellen, ebenso Mitarbeiter, die erfahren sind in der Arbeit mit Flüchtlingen. Politische Unterstützung leistet die katholische Kirche aber nicht. „Wir sind keine Sprecher für die Flüchtlinge“, sagt Gleißner. „Das ist eine selbstbestimmte Gruppe.“

Über ein Jahr lang hatten die Flüchtlinge im Camp unter freiem Himmel gegen die Asylpolitik protestiert und ein Bleiberecht gefordert. Die meisten stammen aus Afrika, sie sind über die italienische Insel Lampedusa in die EU eingereist, sie können in Deutschland kein Asyl beantragen und kriegen kein Geld vom Staat. Und so bleibt das neue Zuhause in Wedding für die Geflüchteten nur eine Notlösung für den Winter. Der Senat stellt für die Kältehilfe 136 000 Euro zur Verfügung, die Unterstützung endet im März 2014.

Wie es mit den Flüchtlingen dann weitergehen wird, ist derzeit völlig unklar. „Ich will arbeiten, als Fensterputzer oder im Hotel“, sagt ein Mann aus Gambia. Arbeiten und Geld verdienen wollen sie alle, und für immer in Deutschland bleiben. „Bis zum Frühjahr müssen das Land Berlin, der Bund und die EU eine politische Lösung finden“, sagt die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne). Der Bezirk hatte den Flüchtlingen vor einem Jahr erlaubt, das Zeltlager zu errichten. Herrmann sagte am Sonntag, es sei ein außerordentlicher Erfolg für die Flüchtlinge, dass der Senat eine Unterkunft für sie gefunden habe.

Übernachtungen sind nun auf dem Oranienplatz nicht mehr erlaubt. Nur ein Info-Zelt soll stehen bleiben. Dort können Politgruppen weiter gegen deutsche Flüchtlingspolitik protestieren. In die leeren Zelte sind allerdings am Sonntagnachmittag umgehend neue Bewohner eingezogen. Am frühen Abend begannen dann 150 Polizisten auf Bitten des Bezirkes damit, leere Zelte abzubauen. Als sich in kurzer Zeit viele Menschen versammelten und dagegen protestierten, sagte die Polizei den Zeltabbau erstmal wieder ab. Im Anschluss kam es zu einer Demonstration. 500 bis 800 Menschen versammelten sich auf der Oranienstraße. Vereinzelt flogen Pflastersteine auf Beamte. Die Polizei setzte Pfefferspray ein und nahm Randalierer fest.

Im Bezirk Mitte reagiert die CDU empört auf die Flüchtlingsunterkunft in Wedding. Von einem „Skandal“, spricht CDU-Fraktionschef Thorsten Reschke. „Der Senat hat eigenmächtig und ohne Konsultation des Bezirks Mitte und der betroffenen Anwohnerschaft entschieden“, sagt Reschke. (mit kop.)