Marzahn - Haitham Mstou stellt dampfendes Essen auf den Tisch. „Huhn, ihr mögt doch Huhn?“, sagt er. Es sieht lecker aus. Reis, Kartoffeln, Aubergine, Hühnchen: Die Familie hat gekocht. Syrisch, denn deutsches Essen gefällt Haitham Mstou nicht. Er verzieht das Gesicht. „Wie kann man so etwas freiwillig essen?“, fragt er. Seine Erfahrungen hat Haitham Mstou in deutschen Flüchtlingsheimen gemacht. Er kommt aus Damaskus in Syrien. Vier Jahre ist er jetzt in Deutschland, aber ans Essen will er sich nicht gewöhnen.

Es geht ihm an diesem Tag darum, vorzuführen, was die syrische Küche Tolles hervorgebracht hat. Und Haitham Mstou und seine Frau Mariam Al-Muhammed finden auch, dass man Gäste ordentlich bewirten sollte. Sie haben beim ersten Treffen schallend gelacht, als die Reporterin Wasser trinken wollten. „Deutsche trinken immer nur Wasser. Aber Wasser zählt nicht. Bei uns gibt es Verschiedenes, wenn Besuch kommt“, sagte er. Es ist einer der Bräuche, die sie aus ihrem Heimatland mitgebracht haben. Bei syrischer Gastfreundschaft wollen sie bleiben. Anderes haben sie schon aussortiert.

Aus den Containern in eine Drei-Zimmer-Wohnung

Mariam und Haitham haben es fast geschafft. Sie sind raus aus den Containern in Köpenick. Sie wohnen jetzt in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Sie sprechen leidlich Deutsch, auch wenn sie sich ständig entschuldigen, dass es noch nicht gut genug sei. Ihre Kinder gehören zu den Besten in der Schule. Was noch fehlt, ist eine Arbeit, damit sie ihre Miete selbst bezahlen können, und ein richtiges Eintauchen in die deutsche Gesellschaft, um sich nicht mehr fremd zu fühlen. Es wird noch ein paar Jahre dauern, ein Heimatgefühl zu entwickeln. Aber immerhin.

Die neue Heimat dieser Familie in Deutschland liegt in Berlin-Marzahn. Haitham und Mariam wollten es so. „Wir wollten genau hierher und nicht an die Sonnenallee“, sagt er. Die Familie hätte durchaus eine Wohnung in Neukölln bekommen können, wo viele Migranten leben, auch viele aus Syrien und anderen arabischen Ländern. Sie hätten dann mehr Kontakt zu Menschen aus ihrem eigenen Kulturkreis gehabt. „Für unsere Zukunft ist es aber in Marzahn viel besser“, sagt Haitham. „Meine Kinder haben mehr Kontakt mit Deutschen. Ich will nicht so leben wie die Türken früher. Sie sind unter sich geblieben, haben zehn oder fünfzehn Jahre nur Türkisch gesprochen.“ Tendenzen zur Abgrenzung sind ihm fremd. Bei anderen Syrern sind Haitham und Mariam damit schon auf Unverständnis gestoßen.

Kinder besuchen Schule mit vielen Deutschen

Es ist rührend, die beiden in ihrer Küche zu beobachten. Haitham ist 42 Jahre alt und Mariam 39. Sie haben vier Kinder. Aland, der 13-Jährige, ist der Älteste, Lora ist 11, Alan 10, und Haiv 7. Haitham hat die Kinder gebeten, leise zu sein, denn die Eltern hatten Sorge, dass zu viel Familienleben das Gespräch chaotisieren könnte. Aber eigentlich findet er den Überschwang seiner Kinder toll. „Nur dumme Kinder machen alles ganz regelmäßig. Die Schlauen, die mit Talent und Intelligenz, machen alles durcheinander“, sagt Haitham. Ihm gefällt das. Die Kinder besuchen eine Schule in der Nähe. Haiv, die Jüngste, zählt die Namen ihrer Freunde in der Schule auf. Es sind deutsche Namen.

Auf dem Klingelschild vor dem Haus fallen die Mstous zwischen all den deutschen Namen auf. Ist das kein Problem? Haitham schüttelt den Kopf. „Wir haben deutsche Freunde genau wie unsere Kinder. Wir machen richtige Integration“, sagt er. Sie wollen mit ihrer Herkunft und ihrer Religion nicht in einer syrischen Nische steckenbleiben.

Eigene Kultur wird weiter gepflegt

Sie haben ihre Wurzeln und das, was sie kulturell prägt, trotzdem nicht über Bord geworfen. Haitham und Mariam sind kurdische Syrer. Sie sprechen mit ihren Kindern kurdisch und arabisch. Die Muttersprache sollen die Kinder nicht vergessen. Sie sprechen mit ihnen über die eigene Religion. Und sie versuchen auch, den Kindern ebenfalls die christliche und die jüdische Weltsicht nahezubringen. „Alle haben den gleichen Gott“, sagt Haitham. Das ist sein Blick auf die Welt. Er ist dafür von Muslimen manchmal kritisiert worden. Aber das hat ihn nicht irritiert. Sie seien als Muslime geboren worden, sie hätten sich das nicht ausgesucht, sagt er. Dieselbe Haltung vertritt er, wenn es um seine kurdische Herkunft geht. Er will das Kurdische nicht als Abgrenzung zu arabischen Syrern sehen. Dass in seiner Heimat verschiedene Volksgruppen gegeneinander kämpfen, findet er schlimm.

Haitham und Mariam wollen die kurdisch-syrische Herkunft mit ihren neuen Erfahrungen in Deutschland verbinden. Ihr Weg führt über Kleinigkeiten. Es hat sie zum Beispiel verwundert, dass es hier als höflich gilt, alles aufzuessen, was sich auf einem Teller befindet. In Syrien wäre das schlechtes Benehmen. „Aber so wird viel weniger weggeworfen. Das ist eine sehr, sehr gute Sache in Deutschland“, sagt Mariam.

Meinungsfreiheit wirkt befreiend

Mariam gefällt auch, dass man hier frei seine Meinung zu allem sagen darf. Die kurdisch-arabische Kultur sei von Traditionen bestimmt. Immer müsse man aufpassen, nichts Falsches zu sagen, damit keiner beleidigt ist. Und dann staunt sie, als sie hört, dass auch in Deutschland manchmal nicht alles ausgesprochen wird. Die Schwiegermutter, die lieber der Enkelin erzählt, was die Schwiegertochter falsch gemacht hat, als es ihr selbst zu sagen, etwa. „Jede Kultur hat wohl ihre Schwiegermutter“, sagt Haitham.

Man spürt förmlich, wie die beiden neue Informationen über das rätselhafte Wesen der Deutschen in sich aufsaugen, als wollten sie diese in einem imaginären Ordner ablegen. Beim ersten Besuch haben sie gelacht, als sich die Besucherin für eine kleine Verspätung entschuldigte. Der Deutsche ist pünktlich, das Klischee findet so oft seine Bestätigung. Mariam und Haitham registrieren jede Abweichung wie bei einer Abenteuerreise durch die Fremde.

Sie finden das deutsche Namensrecht toll. Mariam hat zwar ihren Nachnamen behalten, aber die Kinder heißen automatisch nach dem Vater. Haitham findet das diskriminierend. Sein Familienname Mstou wurde bei der Ausländerbehörde zu Msto verändert. Ein Schreibfehler. Der Buchstabe fehlt auf allen Dokumenten. Haitham hat versucht, die Behörden zu einer Korrektur zu bewegen. Bisher ohne Erfolg.

Flucht vor Verhaftung

Haitham und Mariam haben ihre Heimat 2011 verlassen. Haitham fürchtete damals, verhaftet zu werden, weil kurdische Freunde in Damaskus inhaftiert worden waren. „Die Kinder und ich konnten auch nicht dableiben, weil sie sonst statt Haitham mich verhaftet hätten“, sagt Mariam. Sie zogen in den Norden des Irak in ein Camp. Mariam ist Laborantin, sie fand eine Beschäftigung bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Dann kam der IS.

Haitham machte sich auf die Reise nach Europa. Mariam, schwanger mit der jüngsten Tochter, und die anderen Kinder blieben zurück. Irgendwann hat sie sich mit ihren Kindern zu Fuß in die Türkei aufgemacht. Drei Monate haben sie in der Türkei auf das Visum gewartet. Dann durften sie Heitham nach Deutschland folgen. „Als ich in dem Heim in Köpenick ankam, habe ich geweint vor Freude, wir hatten fünf, sechs Jahre draußen gelebt. Plötzlich waren da drei Räume für uns allein – mit einer Tür zum Abschließen. Das war wie ein Traum“, sagt sie.

Das Containerdorf im Allende-Viertel, in dem sie unterkamen, war das erste, das Ende 2014 in Deutschland öffnete. Mariam erzählt nur gute Dinge über das Heim und die Sozialarbeiter, die sich um alle nötigen Papiere gekümmert haben für die Schule, für die Ausländerbehörde, das Jobcenter.

Erstes Jahr nach Ankunft in stinkender Turnhalle

Haitham hat sein erstes Jahr in einer Turnhalle verbracht mit 250 anderen Männern. „Jeder hat zwei Paar Schuhe, das sind 1 000 Schuhe in derselben Halle. Kannst du dir vorstellen, wie das gerochen hat?“, sagt er. Heute kann er nicht mehr verstehen, wie er so lange so viel Geduld aufbringen konnte.

Haitham hat gerade eine Weiterbildung in Spandau zum pädagogischen Assistenten, eine Art Ersatzlehrer an Grundschulen, absolviert. Nun will er einen weiteren Sprachkurs machen und sich einen Job suchen.

In Damaskus war Haitham Kameramann und Fußballtrainer. Jetzt spielt er beim 1. FC Union und trainiert Kinder. Es seien fast immer die kleinen Dinge, die Unterschiede ausmachen, hat er festgestellt. Beim Duschen zum Beispiel genierte er sich anfangs, sich nackt vor den anderen Männern zu zeigen und behielt Boxershorts an. Aber die Mannschaftskameraden lachten ihn aus. „Sie sagten: ‚Haitham, warum? Du bist doch ein Mann. Wir sind alle Männer.‘ Und da dachte ich: ,Ja, stimmt, ist okay.‘“ Mittlerweile duscht er nackt. Wie ein Deutscher. Und fast ohne sich zu schämen.

Bewunderung für selbstständige deutsche Frauen

Für andere Situationen hat er eine eigene Lösung gefunden. Biertrinken zum Beispiel. Wenn alle nach dem Spiel Bier trinken, nimmt er ein alkoholfreies. Mariam und er wollen sich auch nicht überwinden, Schweinefleisch zu essen. „Es ist für uns wie Katze zu essen oder Hund“, sagt Mariam.

Mariam bewundert die Selbstständigkeit deutscher Frauen. „Deutsche Frauen sind großartig“, sagt sie. Sie will sich davon etwas abgucken – sie will Fahrrad fahren und schwimmen lernen, später wieder arbeiten, auch um Steuern zu zahlen und etwas an Deutschland zurückzugeben.

Staunend haben die beiden die Rituale rund ums Oktoberfest betrachtet, wie viel Bier Menschen trinken können, auch die Frauen, und wie viele Bierkrüge Kellner durch die Menge tragen. Sie freuen sich schon auf den Karneval, noch so eine merkwürdige deutsche Tradition.

Trotz Marzahner Klischees: „Es gibt hier keine bösen Leute“

Mit den Marzahnern kommen Mariam und Haitham gut aus. „Ich habe gelesen, dass Marzahner nicht so gerne fremde Leute in ihrer Nachbarschaft mögen. Aber wir haben nur nette Leute getroffen. Im Haus wohnt eine Lehrerin. Sie hat den Kindern Hilfe angeboten. Hier wohnen auch eine Oma und ein Opa, die den Kindern Geschenke machen. Es gibt hier keine bösen Leute“, sagt sie. Mariam kennt das Wort Vorurteil noch nicht. Sie überlegt, dass es vielleicht gar nicht stimmt, dass die Marzahner keine Fremden mögen. Vielleicht, so sagt sie, liege es auch daran, dass sie kein Kopftuch trägt. Noch ein Vorurteil, nur umgekehrt. Dass Ausländer schwierig sind und sich abgrenzen, wenn sie Kopftuch tragen. Vielleicht lässt auch die zugewandte Art der beiden Grenzen fallen.

Dann klingelt es. Haitham öffnet. Ein Mann und eine Frau wollen ihn dazu bewegen, den Zeugen Jehovas beizutreten. Haitham hört ihnen zu – zehn Minuten lang. Erst dann schließt er die Tür. „Sie wollen, dass ich Christ werde“, sagt er und sieht sehr hilflos aus. Er hätte einfach sagen können, dass sie genug Religion in ihrem Leben hatten und schlechte Erfahrungen mit radikalen Religionsvertretern. Aber Haitham will nicht unhöflich sein. „Es tut weh, ein Nein zu hören“, sagt er. Er beruhigt sich erst als wir ihn fragen, was er in Damaskus gemacht hätte. Nein sagen und die Tür schließen, gibt er zu. Dann soll er es hier genauso machen, sagen wir. Er muss nicht höflicher sein als zu Hause. Das leuchtet ihm ein. Aber auch das muss man lernen. Es ist eben ein weiter Weg, in einem fremden Land anzukommen.