Das Buch steht mit dem Umschlag nach vorn im Regal, ein leerer Bahnsteig ist darauf gemalt und ein Mädchen mit einem großen Koffer. Es ist wohl gerade mit dem Zug angekommen, aber niemand ist da, um es abzuholen. „Die lange lange Reise“ heißt das Kinderbuch, Ahmad Al Hajali hat es noch nicht gelesen, aber er weiß, worum es geht: Ein Kind muss vor dem Krieg in ein anderes Land fliehen und sich dort allein durchschlagen, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, in Estland und Schweden. Ahmad Al Hajali weiß auch, dass der Nachbar, der ihm das Buch zum Deutschlernen geschenkt hat, es bewusst ausgewählt hat: weil die Geschichte des Mädchens auch seine, Ahmads, Geschichte ist.

Vielleicht gibt es noch einen zweiten Grund, nämlich den, dass sich an den Menschen, die nun in dieser prächtigen alten Villa in Lichterfelde zusammenleben und von denen Ahmad Al Hajali einer ist, etwas zeigt: Schreckliches wiederholt sich zwar, immer noch werden Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Aber es passiert auch Gutes zwischen den Menschen; und vielleicht ist es sogar aus dem Furchtbaren erwachsen.

Ahmad Al Hajali blickt auf das Buch, er lächelt sein feines hintergründiges Lächeln, das sich in den nächsten Stunden oft in seine Gesicht stehlen wird, wie ein leiser Kommentar. Er ist ja kein Kind mehr, könnte dieses Lächeln jetzt heißen, mit 26 Jahren ist es schon in Ordnung, eine Weile allein durch die Welt zu gehen. Die Umstände könnten nur angenehmer sein.

Vom Wohnheim in die Villa

Außer dem Buch stehen nicht viele Dinge in dem Regal an der Wand des großzügigen Zimmers, in dem Ahmad Al Hajali jetzt wohnt. Ein syrischer Roman, ein Buch mit dem Titel „Deutschland in 60 Tagen“ und ein Gipsabguss eines Gebisses. Es sind Ahmad Al Hajalis Zähne, er hat den Abguss an der Universität in Syrien machen lassen, wo er Zahnmedizin studiert hat. Es ist fast der einzige persönliche Gegenstand, den er mitgenommen hat, als er auf die lange Reise ging, die ihn im vergangenen Jahr von seiner Heimatstadt Daraa in Syrien erst nach Ägypten führte, dann in ein Wohnheim in Spandau und vor gut vier Monaten in den Süden Berlins, in dieses Haus mit den vielen Zimmern, von dem er nun eins bewohnt. Nizar Al Mahamed, sein Freund aus Schultagen, Flüchtling wie er, ist in dem gegenüber.

„Ich weiß, dass ich großes Glück gehabt habe“ sagt Ahmad Al Hajali und erzählt von dem Tag, als eine Frau von einer Beratungsorganisation in das Wohnheim kam und zu ihm und seinem Freund sagte, es gebe da jemanden, der zwei Zimmer vermiete. Wenige Tage später waren sie nicht mehr nur zwei von 41.100 Syrern, die vergangenes Jahr in Deutschland Asyl beantragt und es, wie 77 Prozent ihrer Landsleute, bewilligt bekommen haben. Sie waren Teil einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft.

„Ich hatte gleich das Gefühl, dass das mit den beiden wunderbar passt“, sagt Hilde Schramm in ihrem Zimmer mit den wandhohen Buchregalen, das an das von Ahmad Al Hajali grenzt. Wobei spontane Sympathie für sie kein Kriterium war: „Ich wollte niemanden abweisen, das hätte ich schlimm gefunden.“ In der E-Mail an eine vermittelnde Organisation, in der sie ihre Zimmer anbot, standen darum zwei Bitten: Die Menschen, die bei ihr einziehen würden, sollten etwas Deutsch sprechen und nicht unvertraut sein mit dem Leben in einer Stadt. Sich um Flüchtlinge zu kümmern, die viel Betreuung brauchen, „das würde ich nicht schaffen, ich arbeite so viel.“

Hilde Schramm ist 79 und nicht nur in ihrer ungebrochenen Arbeitsdisziplin eine ungewöhnliche Frau. In dem Haus, das ihr gehört, hat sie drei Zimmer für sich reserviert. In den anderen Räumen leben Mieter, die alle auch Freunde sind. Im Prinzip hat sich nichts geändert seit den späten Sechzigerjahren, als Hilde Schramm und ihr Mann gemeinsam mit einem befreundeten Paar das Haus in der herrschaftlichen Lichterfelder Villenkolonie sehr günstig kauften, weil im politisch unsicheren West-Berlin niemand so große Immobilien wollte. Die vier jungen Leute schon, sie hatten einen Plan, einen „Lebensplan“, sagt Hilde Schramm: gemeinsam leben statt in der Kleinfamilie, die Kinder zusammen groß ziehen, zusammen älter werden.

"Weil es das Richtige ist"

Bald wohnten 16 Menschen in der Villa, darunter sechs Kleinkinder, die tagsüber im selbst gegründeten Kinderladen im früheren Kutscherhaus im Garten betreut wurden. Das bedeutete Freiraum, Hilde Schramm wurde Erziehungswissenschaftlerin und Mitglied der Alternativen Liste, für die sie später im Abgeordnetenhaus saß. Der runde Kinderladen-Tisch mit der widerstandsfähigen blassgrünen Oberfläche steht jetzt in ihrem Arbeitszimmer, sie sitzt sehr aufrecht daran, während sie erzählt, eine präzise formulierende Frau, die eine energische Wärme ausstrahlt.

Der Lebensplan ist aufgegangen, auch wenn das Leben ihn zuweilen durchkreuzte. Von den vier, die das Haus kauften, lebt nur noch Hilde Schramm, ihr Mann starb 1999. Bewohner zogen aus und neue ein. Zwei Paare sind seit 1977 im Haus, die anderen Mieter haben immer wieder mal gewechselt. Als vor kurzem zwei Zimmer frei wurden, beschloss Hilde Schramm, Flüchtlinge einziehen zu lassen, „weil es jetzt das Richtige ist, das zu tun.“

Weil es das Richtige ist – ein solcher Satz klingt aus dem Mund von Hilde Schramm bedeutungsvoller als bei anderen Menschen, auch wenn er gar nicht so gemeint ist. Sie hat dem Besuch bei ihr zugestimmt, weil es ihr ein Anliegen ist, dass mehr Menschen Flüchtlinge aufnehmen. Sie weiß aber auch, dass, wird über sie geschrieben, ein Aspekt ihres Lebens wohl mal wieder nicht unerwähnt bleiben wird: dass ihr Vater ein Mann war, der über viele Jahre hinweg eben nicht das Richtige getan, der sein Tun und sein Talent in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt hat.

Hilde Schramm kam als Hilde Speer zur Welt, ihr Vater war Albert Speer, Adolf Hitlers Chefarchitekt, Rüstungsminister, Vertrauter. „Schreiben Sie wenigstens nicht, ich sei ‚die Tochter von‘“, sagt Hilde Schramm. „Das ist doch albern bei einer Frau von fast 80 Jahren. Das ist mein Vater. So ist es mehr von mir aus gedacht.“

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