Berlin - Suleiman Ibrahim hat ein Foto von seiner Zukunft auf dem Smartphone gespeichert. Er ruft das Bild auf dem Display auf. Zu sehen ist er selbst mit einem weißen Helm auf dem Kopf, wie er einen gewaltigen Schlauch über ein Bewehrungsgitter festhält. Unten fließt flüssiger Beton heraus. Man sieht auf dem Foto, dass Suleiman Ibrahim ein Haus baut. Die Aufnahme wurde während eines Praktikums gemacht, das er bei einer Köpenicker Baufirma absolviert hat. Bald wird Suleiman Ibrahim jeden Tag solche Häuser bauen. Ende des Monats tritt er einen festen Job bei dieser Firma an. Der Arbeitsvertrag ist schon unterschrieben. „Es geht los“, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht.

Suleiman Ibrahim ist erst vor einem Jahr aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Er ist 24 Jahre alt. Geboren wurde er in Mossul. Dort ist er auch aufgewachsen. Suleiman Ibrahim hat wuscheliges dunkles Haar und er kann mit den Augen lächeln. Er strahlt jedenfalls so viel Optimismus aus, dass man sich wundert, weil an seiner Zukunft noch so vieles ungewiss ist. Sein Asylverfahren läuft noch. Er wohnt in einem Flüchtlingsheim in Köpenick. Dort sitzt er an einem Tisch in einem winzigen Zimmer, das er mit einem anderen Mann teilt, ein Schlauch, die Betten hintereinander. Und trotzdem zeigt er glücklich seine Arbeitsfotos vor.

Arbeit und Wohnung

Ibrahims äußere Umstände werden sich vermutlich in den nächsten Wochen drastisch verändern. Seiner Bitte um Asyl wird mit hoher Wahrscheinlichkeit entsprochen werden. Sein Job bei der Köpenicker Baufirma wird ihn nicht nur unabhängig von der Sozialfürsorge machen, sein künftiger Chef will ihm auch eine Wohnung besorgen. Ibrahim spricht bereits leidlich gut Deutsch. Ein Jahr Warten wird demnächst hinter ihm liegen. „Super“, sagt Suleiman Ibrahim. Er hat das Gefühl, endlich angekommen zu sein in einem neuen Leben in Deutschland.

Der Weg bis zu diesem Punkt war steinig, und Ibrahim hat keine Alternative zu einem Leben in Köpenick. „Ich kann nicht zurück nach Mossul“, sagt er. In der kaputten Stadt wäre sein Leben bedroht. Ibrahims Familie gehört zur Glaubensgemeinschaft der Schabak, einer schiitischen Minderheit im Irak, die Gefahr läuft, von der Terrororganisation IS ausgelöscht zu werden, ähnlich wie die Jesiden. „Ich habe in Mossul ein Studium als Bauingenieur begonnen, aber Schabak sind nicht erwünscht in Mossul. Eine Gruppe junger Männer hat mich bedroht. Die wollten mich töten“, sagt Ibrahim.

Er ging in die Türkei, in Istanbul schloss er sein Studium ab. Suleiman Ibrahim ist jetzt diplomierter Bau-Ingenieur. Auch vom Diplom hat er ein Foto auf seinem Mobiltelefon gespeichert. Dort sammelt er alle seine Schätze. Mit dem Studienabschluss erlosch allerdings die Aufenthaltsgenehmigung für die Türkei. Ibrahim bestieg ein Boot nach Europa. „Die Türkei und die arabischen Staaten wollen uns Flüchtlinge nicht“, sagt er.

Die Türöffner vom 1. FC Union

Suleiman Ibrahim ist wie Tausende andere Flüchtlinge mangels Alternative einfach nach Norden gereist. Dann erreichte er München. Von dort wurde er nach Berlin verteilt. Seit einem halben Jahr wohnt er in einem Heim des Internationalen Bundes im Köpenicker Wohnviertel Allende II.

Dort ist er zufällig an einen Heimleiter geraten, der sich über das übliche Maß hinaus für seine Bewohner einsetzt. Peter Hermanns hat über eine Kooperation mit dem örtlichen Wohnungsunternehmen Degewo schon vielen seiner Bewohner zu einer eigenen Wohnung verholfen. Im Sommer vor einem Jahr besuchte der Köpenicker Bauunternehmer Joachim Gericke das Heim. „Er erzählte, wie schwierig es sei, Fachkräfte zu finden. Und unsere Bewohner haben keine Jobs. So entstand die Idee, ein Jobnetzwerk zu schaffen“, sagt Hermanns.

Mittlerweile ist aus der Idee ein real existierender Verein von Köpenicker Unternehmen mit dem Namen Türöffner geworden. Er agiert unter dem Dach des Fußballvereins 1. FC Union, der in der Flüchtlingsfrage ein außergewöhnliches soziales Engagement an den Tag legt. Union und Internationaler Bund haben vorher schon zusammen das Fanhaus des Clubs in eine Notunterkunft für Flüchtlinge verwandelt. „Der Vorteil dieses Netzwerks ist, dass es lokal ist. Alle Akteure kennen sich“, sagt Hermanns.