Schulpflichtige Flüchtlinge sollen aus Platzgründen künftig verstärkt in ihren Unterkünften unterrichtet werden. Darauf haben sich die Schulstadträte der zwölf Bezirke auf ihrer routinemäßigen Sitzung am Freitag verständigt. Demnach sollen in den neu zu bauenden, modularen Unterkünften für Flüchtlinge jeweils auch vier Unterrichtsräume eingeplant werden.

Das bedeutet eine klare Abkehr von der bisherigen Politik: Derzeit werden Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien in eigenen Willkommensklassen an normalen Regelschulen unterrichtet. Das soll die schnelle Integration dieser Schüler, die aus Kriegs- und Krisengebieten kommen, befördern. In diesen Klassen werden sie auf den Besuch einer normalen Regelschulklasse vorbereitet. Berlin hatte sich bewusst dafür entschieden, die Flüchtlingskinder nicht getrennt von der Berliner Schülerschaft zu unterrichten. So wollte man die Integrationsfehler der Vergangenheit vermeiden, hieß es. Die Bildungsverwaltung gab vor, dass Schüler maximal ein Jahr eine Willkommensklasse besuchen sollen. In der Realität brauchen einige Schüler aber auch länger, um die deutsche Sprache zu erlernen. Derzeit lernen bereits mehr als 8 500 Kinder und Jugendliche in mehr als 720 Willkommensklassen. Ursprünglich sollten maximal zwölf Schüler in einer Willkommensklasse sein. Aus Platzmangel haben mehrere Bezirke diese Obergrenze aber längst angehoben.

Marzahn-Hellersdorf wird nun an den zwei Container-Standorten im Bezirk fünf Unterrichtsräume für Flüchtlinge einrichten, bestätigte Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) am Freitag auf Anfrage. Einen solchen Vorschlag hatte er schon vor einer Woche unterbreitet. „Gegebenenfalls kann man diese Räume auch in einem Zwei-Schicht-System nutzen“, sagte Komoß. Er geht davon aus, dass an diesen Standorten jeder vierte bis fünfte Flüchtling schulpflichtig ist. „Derzeit kommen verstärkt Familien zu uns“, hieß es auch aus der Senatsfinanzverwaltung.

In der Bildungsverwaltung gibt es sogar Berechnungen, wonach zwei Drittel aller schulpflichtigen Flüchtlinge, die derzeit in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind, keinen Schulplatz in einem herkömmlichen Schulgebäude finden werden. Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) kündigte deshalb an, dass am ehemaligen Flughafen Tempelhof ebenfalls ein Schulcontainer aufgestellt wird, falls die Zahl der in den Hangars untergebrachten Flüchtlinge die Zahl 7 000 übersteigen sollte.

Eine reine Flüchtlingsschule

In Schöneberg soll bis März eine Flüchtlingsunterkunft in der einstigen Teske-Schule aufgelöst und größtenteils ins Rathaus Friedenau verlagert werden, um an der alten Schule eine spezielle Flüchtlingsschule inklusive Sprachkursen für Eltern einzurichten. Auch der Bezirk Spandau sucht nach Ausweichquartieren für Flüchtlingsschüler: Deshalb hat das Bezirksparlament beschlossen, dass Kinder und Jugendliche auch in den Unterkünften selbst unterrichtet werden sollen. Dem CDU-Antrag haben auch Piraten und ein Linke-Verordneter zugestimmt. Das Ganze wird zwar als „Notfallplan“ bezeichnet, dennoch befinden sich die Spandauer Schulen mit ihren 63 Willkommensklassen an der Kapazitätsgrenze, wie Bezirksbürgermeister Hartmut Kleebank (SPD) einräumt. Es komme deshalb auf pragmatische Lösungen für die Integration an, so der Politiker. Der Unterricht an den Willkommensklassen sei nicht alternativlos und „kein Allheilmittel“. Als einziger Bezirk lässt Lichtenberg bereits seit Langem Flüchtlingskinder in einem Heim in der Herzbergstraße unterrichten.

Auch ohne Flüchtlinge steht Berlin vor einem deutlichen Anstieg der Schülerzahlen. Wegen des Zuzugs und steigender Geburtenzahlen mangelt es bereits jetzt an Schulgebäuden. Allein in Pankow fehlen derzeit 25 Schulgebäude, darunter allein 16 Grundschulen.