Berlin - Auf grauem Filz stehen Feldbetten dicht an dicht. Auf jeder Matratze liegen ein Kopfkissen und eine Decke in Tüten verpackt bereit. Anderes Mobiliar gibt es nicht, keine Spinde, keine Tische, keine Stühle. Es riecht nach dem Kunststoff, aus dem die Zeltplanen gefertigt sind. Wer auf die Toilette oder duschen möchte, muss nach draußen zum Sanitärcontainer.

So sehen sie aus, die wenigen Quadratmeter Berlin, auf denen die neuen Flüchtlinge die ersten Tage und Nächte in Berlin verbringen werden. In einer wachsenden Zeltstadt, die auf dem Parkplatz der früheren Kaserne in der Schmidt-Knobelsdorf-Straße aufgebaut worden ist.

Am Sonntagmittag hilft Thomas, der seinen Nachnamen nicht sagen möchte, bei der Vorbereitung der Nachtlager. Er ist einer der vielen Ehrenamtlichen, die sich in der Spandauer Notunterkunft für Asylbewerber nützlich machen, und er ist erst seit ein paar Stunden dabei.

„Heute haben meine Familie und ich beim Frühstück entschieden: Wir kommen vorbei“, sagt der 54-Jährige, der als Beamter beim Land arbeitet. Er legt Decken bereit und bezieht Kissen. Von Sonntagserholung könne keine Rede mehr sein, aber er möchte helfen, sagt der Spandauer. „Berlin ist meine Heimatstadt, ich will, dass sich die Flüchtlinge willkommen fühlen.“

„Ich weiß, wie das ist“

Es gibt viele Menschen wie Thomas. Anwohner, die versuchen, den Neuankömmlingen die Ankunft angenehm zu gestalten. Vor der Einfahrt hält ein schwarzes Auto. Eine Frau steigt aus und drückt den Wachleuten eine Tüte in die Hand. „Das sind zwei Vliesjacken, die wir nicht mehr brauchen“, sagt Doris Tümmel, die mit ihrem Mann seit einigen Jahren in Spandau lebt.

Die 79-Jährige stellt den Motor ab und erzählt. „Zu helfen ist mir eine Herzenssache. Wer eine so weite Strecke zurücklegt, dem muss es wirklich schlecht gehen in der Heimat. Ich weiß, wie das ist: fliehen zu müssen, über viele hunderte Kilometer.“

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sie, ihre zwei Geschwister und ihre Mutter in einem Flüchtlingstreck von Schlesien nach Westen. „Ich war neun Jahre alt, doch ich kann mich noch an die Flucht erinnern. Es war schrecklich, Tiefflieger flogen über uns weg und schossen.“

Inzwischen ist Susan Hermenau erschienen. Sie ist die Sprecherin der Prisod, die diese Unterkunft betreibt. Ein Großteil ihrer Arbeit besteht darin, mit Berlinern zu sprechen, die Sachspenden oder Hilfe anbieten – und meist zu vertrösten. Hermenau möchte eine Botschaft loswerden: „Wir brauchen Hilfe – aber nicht jetzt.“ Für Sachspenden bestehe derzeit „keine Notwendigkeit. Wir würden uns freuen, wenn das aufhören würde.“ Die Flüchtlinge seien versorgt, drei Mal täglich gibt es Essen: vegetarisch, mit Geflügel, mit Rind.

Bald ist Platz für 1600 Menschen

Die Kaserne wurde im Ersten Weltkrieg gebaut, nach dem Zweiten Weltkrieg hieß sie Brook Barracks und wurde von den Briten genutzt. Zuletzt brachte die Berliner Polizei dort vor Großeinsätzen Polizisten aus anderen Bundesländern unter – zum Beispiel beim Kreuzberger 1. Mai. Seit Ende August ist sie Notunterkunft. In fünf Gebäuden leben bereits rund 900 Flüchtlinge, meist acht pro Raum. In der Zeltstadt davor können derzeit 300 Menschen wohnen. Bald wird Platz für mehr als 700 sein.

Am Sonnabend machten sich Einsatzkräfte daran, die Ankunft der nächsten Flüchtlinge vorzubereiten. Die Freiwillige Feuerwehr stellte in einem Gebäude weitere 70 Doppelstockbetten auf. Die Feuerwehr holte Wasserflaschen vom Landesamt für Gesundheit und Soziales ab.

Bei einer der regelmäßigen Telefonkonferenzen zwischen dem Einsatzstab und den Hilfsorganisationen ging es darum, dass die Standfestigkeit der Zelte wegen des Windes nicht gesichert sei. Ein Einsatzleiter entschied, dass die Befestigung der Zeltschnüre durch Dübel verstärkt wird. 94?Feuerwehrleute sowie jeweils 28 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und der Bereitschaftspolizei stabilisierten die Zelte mit Dübeln und 600 Sandsäcken. Währenddessen kreisten Polizeihubschrauber, um Fotos und Videos anzufertigen.

Am Sonntagnachmittag ist alles fertig, die Flüchtlinge können kommen. Sieben Busse bringen die rund 350 Menschen von Bayern nach Berlin-Spandau. Kurz nach 17?Uhr fahren die ersten los. (mit ls.)