Die Besetzung der St. Thomas-Kirche in Kreuzberg ging auch am Freitag weiter. Die Gemeinde mahnte am Nachmittag ein Ende der Besetzung an, erlaubte es den zehn Asylbewerbern und fünf Unterstützern aber, bis Samstag in der Kirche zu übernachten. Ein Daueraufenthalt in dem Gotteshaus sei jedoch unmöglich, erklärte die Gemeindepfarrerin Claudia Mieth. Den Flüchtlingen, die sich seit Donnerstagabend in der Kirche am Mariannenplatz aufhalten, wurde zugleich Unterstützung bei der Suche nach Notunterkünften zugesagt.

Mit der Aktion wollen die Flüchtlinge ein Bleiberecht in Deutschland erwirken. Zunächst hatten etwa 100 Menschen am Donnerstagabend das Gotteshaus nach der Abendandacht nach eigenen Worten besetzt, 15 von ihnen blieben über Nacht. Unter den Migranten sollen sich Bewohner des früheren Flüchtlingscamps am Oranienplatz befinden.

In einer Stellungnahme hatten Mitglieder des Gemeindekirchenrates zuvor erklärt, ein Aufenthalt der Flüchtlinge und Aktivisten in der Kirche über eine weitere Nacht sei nicht möglich. Dazu fehle es unter anderem an Personal für die Betreuung der Menschen. Auch entsprechende sanitäre Anlagen gebe es nicht. Die Gemeindekirchenratsmitglieder hatten auch kritisiert, dass die Besetzer trotz mehrerer Gesprächsrunden nicht bereit waren, die Kirche am Freitag friedlich zu verlassen.

Der stellvertretende Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte, Peter Storck, sprach von einer „extrem komplizierten Situation“, in der sich die Flüchtlinge und Kirchengemeinden derzeit befinden. Es sei aber ein biblisches Gebot, Flüchtlinge zu schützen. Der Pfarrer kritisierte zugleich, dass Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) und Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) seit der Räumung der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg „abgetaucht“ seien. Dies sei angesichts der humanitären Lage, in der sich die Flüchtlinge befinden, besonders problematisch.

Für kommenden Mittwoch kündigte der Pfarrer ein Gespräch in der Heilig-Kreuz-Kirche zur Situation der Flüchtlinge in Berlin an. Gehofft werde, dass daran auch Vertreter des Senats und des Bezirks teilnehmen. Storck forderte zudem von den Ausländerbehörden eine gründliche Prüfung der Einzelschicksale der betroffenen Flüchtlinge. Bisherige Prüfungen seien oft sehr oberflächlich gewesen.

Kritik von CDU und Grünen

Innensenator Henkel verurteilte unterdessen die Besetzung des Gotteshauses mit scharfen Worten. „Es ist schäbig, dass die Besetzer mit den Kirchen nun diejenigen in Bedrängnis bringen, die sich in den letzten Monaten für sie eingesetzt haben. Das zeigt, dass diese erpresserischen Gruppierungen auch das letzte Maß verloren haben“, erklärte Henkel.

In ihrer Stellungnahme beklagte die Gemeinde, dass in der Kirche in der Nacht zu Freitag bereits Aufgänge aufgebrochen worden seien. Die Gemeinde bittet um Hilfe: „Bezirk und Senat fordern wir auf, ihren Pflichten unverzüglich nachzukommen und den Menschen eine Unterkunft anzubieten.“ Auch Bettina Jarasch, die Co-Landesvorsitzende der Grünen, kritisierte die Besetzung: „Die Kirchen sind immer wieder freiwillig eingesprungen. Es ist problematisch, sie jetzt in eine Zwangslage zu bringen.“ Die Flüchtlinge würden an die Idee des Kirchenasyls appellieren. „Damit zweckentfremden und gefährden sie diese Idee“, so Jarasch.

Mehr als 10.000 Asylbewerber

Seit der Räumung der Kreuzberger Gerhart-Hauptmann-Schule im Juni haben Flüchtlinge immer wieder Gebäude besetzt, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Unter anderem hatte eine Gruppe für einige Stunden den Fernsehturm eingenommen. Erst am Sonntag verließ eine Gruppe von Flüchtlingen auf Druck der Polizei das Dach einer Unterkunft in der Friedrichshainer Gürtelstraße, wo sie 13 Tage lang ausgeharrt hatten. Die Polizei hatte ihnen dabei tagelang Zugang zu Nahrung und Wasser verweigert.

Vom 1. bis zum 11. September nahm Berlin 535 neue Flüchtlinge für Asylverfahren auf. Montag und Dienstag waren es weit mehr als 100 pro Tag. Mittwoch und Donnerstag nur noch 32 und 28. Die erwartete Zahl von 10.000 Asylbewerbern in diesem Jahr wird nach Einschätzung des Senats weit übertroffen.

Nach den Vorstellungen der Berliner Grünen sollen neue Unterkünfte für Flüchtlinge von Wohlfahrtsverbänden gebaut werden. Angesichts des steigenden Andrangs von Flüchtlingen suchen Sozialsenator Mario Czaja (CDU) und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGESO) dringend Unterbringungsmöglichkeiten.

Fotos von der besetzten Kirche finden Sie hier. (mit dpa/epd)