Am Oranienplatz in Kreuzberg ist in eine verfahrene Situation offenbar Bewegung gekommen. Schon in Kürze könnte das Zeltlager der Flüchtlinge dort Geschichte sein. So jedenfalls sieht es nach einer Pressekonferenz am Dienstag aus, zu der die asylsuchenden Männer eingeladen hatten, die dort seit mehr als einem Jahr in Zelten und neuerdings auch in Hütten campieren. Bashir Zakaria aus Nigeria, einer der Flüchtlingsvertreter, die mit dem Senat über eine Lösung verhandelt haben, sorgt für diesen Eindruck.

Per Mail und Facebook haben Zakaria und Ousmane Cissè aus Mali zu diesem Treffen gebeten. Sie wollen über die Vereinbarung mit dem Senat sprechen. Diese sieht vor, dass das Zeltlager aufgelöst wird und die Flüchtlinge in vom Senat angebotene Unterkünfte umziehen. Dafür sichert ihnen der Senat zu, ihre Asylanträge von Berlin aus zu überprüfen. Niemand muss dafür nach Italien oder in ein anderes deutsches Bundesland zurück, nur weil die Betreffenden dort zuerst eingereist sind oder ihre Verfahren bereits angelaufen sind.

467 Menschen haben sich auf einer Liste eingetragen. Sie leben verstreut über die Stadt (siehe Kasten). Nur für sie gilt das Angebot. Es ist allerdings umstritten. Nicht alle Flüchtlinge wollen es annehmen. Manche fordern kompromisslos ein Bleiberecht. Andere bemängeln, dass die Übereinkunft Flüchtlinge ausschließt, deren Asylanträge abgelehnt worden waren. Und so war die vom Senat verkündete Lösung schon am nächsten Tag wieder infrage gestellt.

Bashir Zakaria hat Bänke zwischen die Zelte stellen lassen. Hinter ihm weht ein Transparent. Dann ruft er entscheidende Worte in die Menge. Wieder und immer wieder. Einige Dutzend Männer fallen ein. Schließlich skandieren die Männer im Chor: „Wir akzeptieren das Angebot.“ Und so entwickelt sich diese improvisierte Pressekonferenz auf dem Platz zu einer eindringlichen Demonstration von Geschlossenheit. Zakaria hält einen Zettel hoch: die Vereinbarung mit dem Senat. Ein paar Unterschriften sind darauf zu erkennen. „Jeder entscheidet für sich selbst. Jetzt. Hier,“ ruft er und dann knallt er die Zettel auf einen Tisch. Gleich kommen ein paar Männer und wollen den Zettel unterschreiben.

Am Montag hat Sozialsenator Mario Czaja (CDU) den Männern vom Oranienplatz eine weitere Unterkunft in der Gürtelstraße in Friedrichshain angeboten. Ein Großteil der Flüchtlinge wolle das Angebot annehmen, sagte Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Dienstag im RBB. „Wir gehen jetzt in das Haus und gucken es uns an“, ruft Zakaria. „Wir wollen nicht mehr hier auf dem Boden schlafen, ohne Strom und Wasser. Wir wollen arbeiten. Wir wollen in einer Wohnung wohnen. Wir wollen unser Leben beginnen“. Später, morgen oder übermorgen, wollen sie Zelte abbauen und die Hütten einreißen. Nur ein Info-Zelt soll stehen bleiben.

Aber dann ist es doch nicht so einfach, wie es gerade noch schien. Eine Frau und ein Mann in einer anderen Gruppe schreien plötzlich: „Wir leben in der Schule. Wir sind nicht gefragt worden. Wir sind nicht auf der Liste.“ Zakaria brüllt zurück: „Ihr schlaft nicht hier auf dem Boden. Ihr habt es viel komfortabler.“ Dann haut er auf den Tisch. Es wird viel gebrüllt an diesem Tag auf dem Oranienplatz. Ein Mann sagt, einige Flüchtlinge seien vergessen worden und nun von einer Lösung ausgeschlossen.

Bashir Zakaria ist aber nicht mehr zu bremsen. „Wir wollen Veränderung. Niemand wird hier mehr schlafen“, ruft er und dann marschiert er Richtung Friedrichshain davon. Etwa 50 Männer folgen. Wer wann dort in das Hostel einziehen wird, entscheidet sich an diesem Abend aber nicht mehr.