Flüchtlinge zeigen ihre neue Heimat Berlin

Samer Serawans Stimme zittert ein bisschen vor Nervosität, als er seine erste Tour eröffnet. Der 36-jährige Jurist aus Damaskus steht neben seiner Frau Arji Oudeh, 29, vor den Passagen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Im Rahmen des Projektes „Geflüchtete zeigen ihr Berlin“ von querstadtein – Stadtsichten e.V. führen die beiden durch den Bezirk. Sie zeigen, welche Orte wichtig für sie sind und erklären, warum Berlin inzwischen ein Stück Heimat für sie ist.

Vor einem halben Jahr verließen Serawan und seine Frau, die ebenfalls Anwältin ist, ihr Leben in Syrien. Dreißig Tage dauerte ihre Flucht. „Als wir in Berlin ankamen, war unser erstes Gefühl Sicherheit“, so Oudeh. Die ehrenamtlichen Stadttouren durch Neukölln wollen sie nutzen, um eine individuelle Perspektive auf Flüchtlinge und ihre Geschichte zu geben und in Kontakt mit den Berliner Bewohnern zu kommen. „Das ist wichtig, weil wir sonst in kürzester Zeit eine abgeschottete Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft haben werden“, so Serawan.

Heimatgefühle in den Sonnenallee

Der Rundgang führt über die Richardstraße zur Sparkasse am Alfred-Scholz-Platz. „Die Sparkasse hat letzten Sommer extra Leute eingestellt, die arabisch sprechen konnten und uns die Möglichkeit gegeben, ein Konto zu eröffnen“, so Oudeh. An drei Tagen hintereinander stand Serawan hier Schlange. „Am letzten Tag war ich nachts um halb vier hier, um dran zu kommen“, sagt der 36-Jährige. „Da haben schon zwanzig Leute gewartet.“ Das Ehepaar berichtet von den unterschiedlichen Bedingungen in den Flüchtlingsheimen und vom Glück, in das richtige zu kommen. Sie selbst leben in einer Unterkunft in Wannsee. Warum sich ihr Leben trotzdem größtenteils in Neukölln abspielt, verraten sie an der nächsten Tourstation: „Für euch ist das hier die Sonnenallee. Wir nennen sie nur die arabische Straße“, so Serawan.

Neunzig Prozent aller Restaurants, Cafés und Läden hier würden von Arabern geführt. „Wir sind ständig hier. Um unser Brot zu kaufen, arabischen Kaffee zu trinken oder Shisha zu rauchen“, so Oudeh. Überall würde arabisch gesprochen, was den Neuankömmlingen den Einstieg erleichtere. „Wir fühlen uns hier zu Hause“, so Oudeh. Vor allem abends, wenn es laut und lebendig sei, erinnere das an die Marktstraßen aus ihrer Heimatstadt. Ob die „arabische Straße“ kontraproduktiv sei für ihr Ziel, zwei Parallelgesellschaften zu verhindern? Keineswegs, glaubt Serawan. „Vielleicht werden durch unsere Tour ja auch mehr Deutsche inspiriert, in die arabischen Supermärkte zu gehen und unser Essen auszuprobieren“, sagt er. Integration funktioniere ja in beide Richtungen.

Inzwischen hat sich Serawans Nervosität gelegt. Gut gelaunt verteilt er Zettel, auf denen arabische Wörter stehen. Die sollen die Tourteilnehmer auf der Sonnenallee suchen und herausfinden, wofür sie stehen. Das vermittelt einen kleinen Einblick in die Schwierigkeit, mit einer neuen Sprache zurecht zu kommen. Vor einem Handyladen erklärt Oudeh, warum Smartphones für sie und ihre Freunde wichtig sind. „Wir brauchen sie zur Navigation auf der Flucht und in Berlin. Und um in Kontakt zu bleiben mit unseren Familien.“

Neunzig Minuten dauert die Tour, die im Moment noch auf Englisch stattfindet. „In ein paar Monaten können wir sie auf Deutsch machen“, verspricht Serawan. Seit 2013 bietet der Verein querstadtein Touren mit Obdachlosen durch Berliner Stadtteile an. Die Stadtführung mit Flüchtlingen ist neu und wird gefördert im Rahmen des Projekts „Politische Bildung zu Fuß“ von der Bundeszentrale für politische Bildung.