Er hat es geschafft. „Es ist ein guter Tag“, sagt Bashir Zakaria auf Englisch. Er spricht kein Deutsch, aber englische Worte kann er herausdonnern. Gerade noch hat er laut auf einen Mann eingeschimpft, der dagegen war, dass die Flüchtlinge ihre Hütten abreißen. Aber jetzt breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und seine Stimme hat einen sanfteren Klang. Es ist ein kurzer Moment der Ruhe mitten in diesem Chaos zwischen zersplitterndem Holz und fahrenden Baggern.

Bashir Zakaria wirkt erleichtert. Die letzten Wochen haben ihn viel Kraft gekostet. Er hat Hunderte Flüchtlinge dazu gebracht, einem Deal mit dem Berliner Senat zuzustimmen, der zur Folge hat, dass sie ihr Protest-Camp am Oranienplatz aufgeben müssen. Dann winkt er freundlich mit dem Hammer, weil er weitermachen will. Es sind noch mehr Hütten abzureißen an diesem Tag.

Lustig sieht er aus, Dilek Kolats wichtigster Mann auf dem Oranienplatz. Bauarbeiterhandschuhe und dazu eine dunkle Wolljacke, fast eine Art Trachtenjacke. So tritt er immer auf: gepflegt. Nur weil er ein Flüchtling ist, müsse er nicht zerlumpt daherkommen, findet Zakaria. In der nächsten Sekunde brüllt er aber wieder einen Mann an: „Ich bin seit vier Jahren in Europa. Wo warst Du? Hast Du mich unterstützt?“ Ihn wegen seiner Kleidung als Vorkämpfer für die Rechte der Flüchtlinge nicht ernst zu nehmen, wäre sicher ein Fehler.

Alle Geschichten in einem Ordner

Wer sich mit Bashir Zakaria unterhalten will, darf das nicht auf dem Oranienplatz tun. Dort sprechen ihn ständig Menschen an, Flüchtlinge, Presse, Behördenvertreter, Politiker. Bashir Zakaria spricht mit jedem. Man hatte in den vergangenen Wochen den Eindruck, dass auf diesem Platz überhaupt nichts ohne ihn entschieden wird. Das betrifft auch die Frage, wer von dem Angebot des Senats, die Flüchtlinge in festen Häusern unterzubringen und ihre Asylanträge von Berlin aus zu bearbeiten, profitiert. Bashir Zakaria hat einen Ordner, den hat in den letzten Tagen immer einer seiner Gefolgsmänner in einer Umhängetasche mit sich herumgetragen. Wenn Zakaria gerufen hat, hat der Mann ihm den Ordner gereicht. Darin befinden sich Zettel, auf denen jeder Flüchtling seine Geschichte aufgeschrieben hat. „Dies ist die Liste derjenigen, die mit dem Senat eine Vereinbarung geschlossen haben, jeder spricht für sich selbst. Niemand kann sich dazu schummeln, der vorher nicht dabei war. Ich will nicht, dass andere dafür leer ausgehen“, sagt er. Er kenne jeden der Flüchtlinge vom Oranienplatz von Angesicht. Das klingt jetzt wie eine Drohung.

Wer sich über diese Dinge mit Bashir Zakaria unterhalten will, muss ihn in dem Flüchtlingswohnheim der Caritas in Wedding besuchen, wo er seit vier Monaten übernachtet. Dort gibt es einen Raum mit ein paar Tischen und Stühlen, den die Flüchtlinge nutzen können. Drei Computer stehen da, jemand hat eine leere Chips-Tüte liegen gelassen. Es ist ein ruhiger Ort. Ein Gegensatz zum wuseligen Oranienplatz.

Bashir Zakaria ist 41 Jahre alt. Er kommt ursprünglich aus Nigeria, aus Kaduna, einer Eineinhalb-Millionen-Stadt. Aber sein Land hat er schon im Jahr 2000 verlassen. „Zuhause wurde nur gekämpft“, sagt er. Rivalisierende christliche und muslimische Gruppen bekriegen einander seit vielen Jahren. „Mein Vater wurde getötet, ich habe viele Tote gesehen“, sagt er. Seine Fluchtgeschichte gleicht einer Odyssee, die ihn erst in den Nachbarstaat Niger führte und dann weiter nach Libyen. „Ich habe dort Arbeit gefunden, ich bin Schlosser“, sagt er. Er hat auch geheiratet und zwei Kinder bekommen, ein Mädchen und einen Jungen.

2011, mit dem Bürgerkrieg, endete sein Leben in Libyen. „Plötzlich hieß es, Schwarze unterstützen Gaddafi – eine Lüge“, sagt Zakaria. Er sei mit 50 Männern, Frauen und Kindern von Soldaten auf ein Boot getrieben worden. Seine Kinder hatte er bei sich, seine Frau geriet in ein anderes Boot. „Wir waren fünf Tage unterwegs, dann hatten wir einen Maschinenschaden“, sagt er. Hilflos seien sie tagelang auf dem Meer herumgetrieben, bis Fischer das Boot entdeckten und Hilfe holten. Aber als das Rettungsteam eintraf, seien die tagelang ohne Essen und Trinken ausharrenden Flüchtlinge aufgesprungen und auf eine Schiffsseite gelaufen. Das Boot kippte um. Alle fielen ins Wasser. Zakaria packte ein Kabel und hielt sich fest. „Alle Kinder sind ertrunken“, sagt er. Seine Stimme ist jetzt sehr leise. Seine fünfjährige Tochter und seinen siebenjährigen Sohn hat er danach nicht mehr gesehen.

Zakaria kam nach Lampedusa. Dort blieb er zwei Wochen, neun Monate verbrachte er in einem weiteren Lager in Italien. Nach Deutschland kam er im Juni 2012, weil italienische Behörden ihm zwar ein europäisches Aufenthaltsrecht einräumten, ihm aber nahelegten, weiter nach Norden in Länder zu reisen, für die er gar keine Arbeitsgenehmigung hat. „Ich bin Tourist“, sagt Zakaria, ein Witz sei das, lachen könne er drüber aber nicht. Zuerst war er in Frankfurt, in Hamburg schlief er im Park.

Einzige Chance

Im Dezember 2012 kam er mit anderen Lampedusa-Flüchtlingen nach Berlin, zum Oranienplatz. „Mindestens 20 Leute aus Italien waren wir am Anfang in den Zelten und dann kamen immer mehr, die in der gleichen Situation waren“, sagt er. Mittlerweile seien auch Menschen aus deutschen Asyleinrichtungen dabei, Männer, die ursprünglich aus dem Tschad, Nigeria, Mali, Senegal, Burkina Faso, Afghanistan, Pakistan kommen. „Wir haben kein Recht zu arbeiten, kein Recht irgendwo zu sein“, sagt er. Das Angebot des Senats sieht er als die einzige Chance für all diese Männer. „Wir wollen zur Schule gehen, Deutsch lernen, und wir wollen arbeiten. Wir haben alles verloren, wir müssen neu anfangen“, sagt er. Genau dafür will er den Oranienplatz jetzt verlassen.