Vom einstigen Glück sind ein paar unscharfe Handyfotos geblieben. Manchmal schaut Bekim Ramadani sich die Bilder an. Sie zeigen seine Familie auf einem Berliner Weihnachtsmarkt, lachend vor einem beleuchteten Christbaum, strahlend vor dem Brandenburger Tor. Länger als ein Jahr ist das jetzt her, und je mehr Zeit vergeht, desto unwirklicher erscheinen Bekim Ramadani die Erinnerungen an diese paar Monate, die er mit seiner Familie in Berlin verbrachte.

Es gibt Tage, an denen ihn die Bilder trösten, es gibt Tage, an denen sie ihn noch trauriger machen. Das ist das Problem, wenn man einmal das Paradies betreten durfte und es dann wieder verlässt.

Jetzt sitzt Ramadani in diesem kläglichen Häuschen, 1800 Kilometer von Berlin entfernt, in Gadime, seinem Heimatdorf im Kosovo. Ramadani ist 42, sieht aber zwanzig Jahre älter aus. Seine Hände sind schmutzig, die schwarze Daunenjacke auch. Nur das dunkle Haar ist ordentlich gekämmt. Er hockt auf dem Boden seines Wohn- und Schlafzimmers. Neun Quadratmeter ist es groß. Neun Quadratmeter für neun Personen. Bekim Ramadani, seine Frau Serdije, sechs Kinder und die Schwiegertochter.

Nach sechs Monaten freiweillig zurück

Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, durch das kleine Fenster dringt nur wenig Licht in den Raum, statt einer Lampe hängt an der Decke eine leere Fassung. Nur der alte Röhrenfernseher in der Ecke wirft ein fahles Licht in den Raum. Im Fernsehen laufen Zeichentrickfilme, die sind die einzige Unterhaltung für die jüngeren Kinder im Haus. Spielzeug gibt es nicht, Bücher auch nicht. Ramadani raucht eine Zigarette, die Kinder und seine Frau sitzen im Kreis um ihn herum.

Ramadani holt tief Luft, erzählt vom Leben in Gadime, seinem Dorf, etwa zwanzig Kilometer südlich der kosovarischen Hauptstadt Pristina. Er erzählt von seiner abenteuerlichen Reise nach Deutschland, von der traurigen Rückkehr. Ihm ist das gelungen, wovon gerade die halbe Welt zu träumen scheint: Er ist mit seiner Familie ins reiche Deutschland gekommen – und ist nach sechs Monaten freiwillig zurückgekehrt. Warum eigentlich? Diese Frage lässt Ramadani noch unglücklicher aussehen, weil sie ihm schon so oft gestellt wurde, seit er wieder da ist.

Tja, warum eigentlich?

Um Ramadanis Geschichte zu verstehen, muss man noch mal ganz an den Anfang zurück, in die Zeit vor seinem Aufbruch, in die Jahre des Elends, wie er sagt. Es gab nur selten Arbeit für ihn, das Familienoberhaupt. Er musste sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagen. Oft wartete er an dem vermüllten Kanal vor seiner Tür darauf, dass jemand an seinem Haus vorbeifuhr, der Hilfsarbeiter suchte. Ein fester Job war nie dabei, meist hatten die Firmen nur Arbeit für einen Tag. Häufig waren es Putzdienste, manchmal auch Kanalarbeiten. Die Nachbarn waren ebenfalls arbeitslos. Man verbrachte die Tage mit Reden und Zigarettenrauchen.

Hoffnung auf Arbeit, Chancen und ein besseres Leben

Das Schlimmste für Ramadani war die Vorstellung, dass seine Kinder das gleiche Leben erwartet. Keine Arbeit, keine Chancen. In Deutschland soll es Arbeit geben, hatte er gehört, und Bildung für die Kinder. Jemanden, der schon mal dort war, kannte er nicht.

Die Chance zur Flucht aus dem Elend bietet sich im September 2014. Tausende Kosovaren machen sich auf den Weg nach Westeuropa. Allein in Gadime brechen fast dreißig Familien auf. Die Grenzen sind durchlässig, so heißt es. Auch Ramadani hört die Gerüchte. Jeden Tag gehen Bekannte fort und lassen ihre wenigen Habseligkeiten zurück. Sie ziehen am Kanal entlang, über die unbefestigte Brücke, den Hügel hoch in Richtung eines besseren Lebens, wie sie hoffen.

Ramadani berät sich mit seinem Bruder. Zwar hatte er schon länger mit dem Gedanken gespielt, sein Glück in Deutschland zu versuchen, doch konkrete Pläne hatte er dafür nie gemacht und deshalb auch kein Geld gespart. Die Ramadanis verkaufen ein kostbares Amulett der Schwiegertochter, um an Geld zu kommen. Auch von Freunden und Bekannten leihen sie sich Geld. 3500 Euro insgesamt. Die Ramadanis einigen sich darauf, dass der Bruder im Kosovo bleibt, auch eine der Töchter bleibt zurück, weil sie nicht gehen kann.

Die rostige Pforte im Hof des kleinen Hauses schließt sich am 15. September hinter den Ramadanis. Die Entscheidung für die Ausreise fällt so schnell, dass die Kinder sich nicht einmal von ihren Freunden verabschieden können. Viel Gepäck nehmen die Ramadanis nicht mit, denn viel besitzen sie nicht. Mit drei Taschen für neun Personen machen sie sich auf den Weg. Neben Bekims Frau und sechs Kindern ist auch die Frau des ältesten Sohnes Arben dabei. Mit dem Taxi geht es über den engen Weg am Kanal, über die unbefestigte Brücke, den Hügel hinauf und dann weiter nach Pristina. Am Busbahnhof verabschiedet sich der Bruder. Unter Tränen sagt er: „Finde dein Glück in Deutschland.“

In Ungarn zwei Tage im Gefängnis

Der erste Teil der Reise verläuft ohne Probleme. Die Ramadanis nehmen den Bus nach Belgrad, von dort aus geht es weiter per Bus nach Subotica im Norden Serbiens. Dort warten die Schleuser. 1600 Euro muss die Familie einem Menschenschmuggler zahlen, um nach Ungarn und damit in die Europäische Union zu kommen. Dort wird die Familie zwei Tage lang ins Gefängnis gesperrt, schließlich landet sie in einem Flüchtlingslager in der Nähe der ungarischen Stadt Szeged.

Dort treffen sie andere Kosovaren, die auf dem Weg nach Deutschland sind. Man berät, wie es weitergehen soll. Nach zwei Wochen dürfen die Ramadanis weiter nach Deutschland. Bekim hat im Camp Freundschaft mit einem Flüchtling aus Pakistan geschlossen. Er organisiert für die Familie einen Minibus, der sie auf direktem Weg nach Deutschland bringt. Weder an der österreichischen noch an der deutschen Grenze werden sie gestoppt. Sie haben es geschafft.