Berlin - Von den neuen Nachbarn habe er aus einem Flugblatt im Treppenhaus erfahren, sagt Ronald Habel. Er blickt von seiner Wohnung in Berlin-Hellersdorf auf den leeren Schulbau und wundert sich. Dort sollen bis zu 400 Flüchtlinge einziehen. Habel spricht vorsichtig. Der kräftige Endvierziger betreibt einen Sicherheitsdienst und kennt sich aus. Habel versucht, seine Ratlosigkeit hinter Fragen zu verbergen. Wie haben die so schnell eine Baugenehmigung bekommen, wie soll die medizinische Versorgung aussehen, was ist mit den Toiletten? Dann bricht es aus ihm aus: „Wenn hier das Heim steht, ziehe ich wieder weg.“

Seitdem am vergangenen Dienstag 50 bis 70 Rechte eine Bürgerversammlung für das Flüchtlingsheim am Stadtrand zur Stimmungsmache gegen Ausländer ausnutzten, eskaliert in Berlin wieder der Streit um die Asylsuchenden. Erst im Mai war es gelungen, die Nachbarn im gutbürgerlichen Westend auf der anderen Seite Berlins zu besänftigen. Dort hat eine Notunterkunft für 250 Menschen geöffnet.

Dann wechselte der Schauplatz an den Oranienplatz in Kreuzberg, wo seit Oktober rund 100 Flüchtlinge campieren und bessere Bedingungen fordern. Hier verschärfte sich der Konflikt, als ein 24-Jähriger bei einer Messerstecherei von einem Anwohner schwer verletzt wurde.

Und jetzt die Carola-Neher-Straße in Hellersdorf. Eine Plattenbausiedlung tief im Osten, wo Geranien auf Balkonen blühen, die Straßen nach Schauspielern und Schriftstellern benannt und Mülltonnen hinter Gittern versperrt sind. Dorthin werden demnächst 200 Flüchtlinge ziehen, irgendwann sollen hier 400 Menschen wohnen. In der einstigen Max-Reinhardt-Oberschule hämmern und bohren die Handwerker schon, der Wachschutz schiebt seine Runden, gelegentlich schleicht ein Polizeiauto vorbei. Hinter den frisch renovierten Fassaden gegenüber wächst der Groll.

Der Präsident des Landesamtes für Soziales (Lageso), Franz Allert, hält die Ängste der Anwohner für irrational. „Keine unserer Einrichtungen hat sich zu einem Kriminalitätsschwerpunkt entwickelt.“ Die Botschaft ist bis Hellersdorf aber noch nicht vorgedrungen.

„Wir unterhalten uns hier immer wieder am Tisch über das neue Heim“, sagt Nicole, die in einem der Häuser eine Kinder-Wohngruppe betreut. Sie habe Angst um die Kleinen, sagt die 26-jährige Erzieherin. Auch wenn sie mit den Flüchtlingen mitfühlt, darunter den vielen Kriegsopfern, fragt sie: „Warum gerade hier?“

Gemisch aus Angst und Fremdenfeindlichkeit

Wie auch woanders durchzieht ein Gemisch aus Angst, Fremdenfeindlichkeit und Politikverdruss die Straßen von Hellersdorf. „Die fragen uns ja sowieso nicht“, sagt Stefanie (28). Die Friseurin, die gerade mit ihrer Mutter „Odin“ und „Bumblebee“ Gassi führt, spricht davon, dass viele in der Nachbarschaft gegen das Heim seien. „Das passt hier nicht hin“, besser seien Neukölln oder Kreuzberg.

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Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) kennt die Argumente und Zweifel. In allen Bezirken gebe es Widerstand. Er wolle eine solidarische Verteilung der Flüchtlinge in ganz Berlin sicherstellen. Das Sankt-Florians-Prinzip, „bei mir gerade vor der Tür, da geht es nicht, aber zwei Häuser weiter, da könnten wir es gut machen“, hält Czaja für fatal, wie er im Rundfunk Berlin-Brandenburg sagte.

Dem würde Horst Plath wohl beipflichten. Der 77-jährige Rentner, der früher im Tiefbau arbeitete, ist gerade in ein Erdgeschoss der Maxi-Wander-Straße um die Ecke eingezogen. „Die Flüchtlinge sollen eine vernünftige Unterkunft bekommen“, die meisten von ihnen seien ehrlich, gegen neue Nachbarn habe er nichts. Auch auf Facebook wird Unterstützung laut. Die Seite „Hellersdorf hilft Asylbewerbern“ hat aus dem Stand schon mehr als 4000 Unterstützer bekommen.

Von Wellen, Strömen und Flut ist immer wieder die Rede, wenn in Berlin das Thema Flüchtlinge aufkommt. Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die in der deutschen Hauptstadt Schutz suchen, deutlich gestiegen. Im April kamen 2078 Menschen, doppelt so viele wie im Januar und sechsmal mehr als im April 2012. Czaja und das Landesamt haben große Schwierigkeiten, sie angemessen unterzubringen. Insgesamt leben derzeit mehr als 6200 Flüchtlinge im Wartestand - allerdings ungleich verteilt. Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf stellt bisher gerade einmal 170 Plätze zur Verfügung. Das entspricht 2,5 Prozent aller Flüchtlinge.

Neues Informationstreffen in Hellersdorf geplant

Für den Security-Mann Habel wird gerade auf seinem Rücken die große Politik ausgetragen. „Weil Europa und die USA diesen Diktator in Syrien unterstützt haben und jetzt tatenlos beim Bürgerkrieg zusehen, müssen wir das ausbaden.“ Habel befürchtet, dass sich die Weltlage in Gestalt von prügelnden Rechten und Linken demnächst vor seinem Balkon zuspitzt. Er wurde aus seiner Wohnung in Prenzlauer Berg wegen Luxussanierung verdrängt. Mit seiner Frau sehnte er sich nach Grün und Ruhe - und jetzt das. Er berichtet von Nachbarn, die sich auch mit Umzugsgedanken tragen.

Das wird aus der Wohnungsbaugenossenschaft Wuhletal, der auch Habel beigetreten ist, bestätigt. Man habe von den Heimplänen aus einem Anzeigenblatt erfahren, nun suche man das Gespräch mit der Politik, sagt ein Verantwortlicher. Man wolle aber nicht mehr Öl ins Feuer gießen. Ohnehin werde gerade mal wieder der Ruf von Hellersdorf durch den Schmutz gezogen.

Wer wen wann informiert hat, ist nur schwer zu ergründen. Sozialsenator Czaja sagt, der Bezirk selber habe die seit fünf Jahren leerstehende Schule vorgeschlagen. Zuvor hatte Czaja alle Bezirke aufgefordert, geeignete Unterkünfte zu benennen. Die zuständige Bezirksstadträtin Dagmar Pohle (Die Linke) ist für Nachfragen erst in der kommenden Woche erreichbar. Ihre Behörde verweist auf das Landesamt. Dort berichtet eine Sprecherin von Unterkünften, die aus allen Nähten platzten.

Derweil will Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) einen neuen Anlauf für ein Informationstreffen nehmen - nur für Anwohner und ohne NPD-Störer. Das soll im August passieren. Dann werden wohl auch die ersten Menschen aus Iran, Irak und Syrien in die Carola-Neher-Straße eingezogen sein. (dpa)