Berlin - Der Pavillon an der Carola-Neher-Straße ist abgebaut. Die meisten der jungen Leute, die seit Montag dort rund um die Uhr campierten, weil sie die Menschen in dem umstrittenen Hellersdorfer Flüchtlingsheim schützen wollten, sind am Donnerstag weitergezogen. Ihnen wurde vom kommunalen Wohnungsunternehmen Stadt und Land eine Drei-Zimmer-Wohnung im Kiez vermittelt. Von dort wollen sie jetzt ihre Aktivitäten koordinieren. Initiator Dirk Stegemann sagt: „Wir sind dabei, andere Strukturen aufzubauen.“ Die möblierte Wohnung, die die Stadt und Land seit zehn Jahren als Musterwohnung nutzt, solle als Anlaufpunkt für Hilfesuchende dienen. Ihre Adresse werde in Kürze öffentlich bekanntgegeben. Die Aktivisten haben einen Mietvertrag für drei Monate.

Sicherheitskonzept wird erstellt

Stegemann sagt, dass vor dem Heim nur ein paar Leute an einem Info-Tisch geblieben seien. Dieser werde von 10–18 Uhr besetzt. Er sagt auch, dass man dabei sei, ein eigenes Sicherheitskonzept zu erstellen. „Wir werden das Haus nicht aus den Augen lassen.“ Denn schon wochenlang hetzt eine anonyme Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf im Internet gegen das Heim. Als die ersten Menschen am Montag dort einzogen, zeigte ein Mann den Hitlergruß, einige andere Anwohner äußerten sich rassistisch. Am Dienstag marschierte in der Nähe die NPD auf, es gab eine starke Gegendemonstration.

Die Bundestagskandidaten aller demokratischen Parteien im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf haben inzwischen eine gemeinsame Erklärung verfasst. „Wir verwahren uns gegen die empörenden Versuche von Rechtsextremisten, ausländerfeindliche Stimmungen zu schüren und Wahlkampf auf dem Rücken der verstörten und traumatisierten Flüchtlinge zu machen“, heißt es. „Als überzeugte Demokraten stellen wir uns gegen Rassismus und menschenverachtende Äußerungen, die Marzahn-Hellersdorf und die Einwohner des Bezirks in keiner Weise repräsentieren.“ Unterzeichner sind Monika Grütters (CDU), Petra Pau (Linke), Iris Spranger (SPD), Stefan Ziller (Grüne), Tom Wesener (FDP) und Björn Glienke (Piraten).

Suche nach dem Alltag „zum friedlichen Zusammenleben“

Nach Angaben von Silvia Kostner, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, wohnen bisher rund 55 Menschen im Heim, einem ehemaligen Schulgebäude. Es werde niemand gezwungen, nach Hellersdorf zu gehen, sagte Kostner. „Aber wir werden die Unterkunft schrittweise weiterbelegen.“ Etwa 150 bis 200 Menschen sollen dort untergebracht werden. Nach dem Umbau eines weiteren Gebäudes könnten 400 Asylbewerber am Standort wohnen.

Der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier, der 2011 in diesem Wahlkreis ein Direktmandat errang, regt an, das zweite Gebäude nicht als Unterkunft zu nutzen, sondern als Begegnungsstätte für Flüchtlinge und Anwohner – mit Kita-, Schul- und Freizeitangeboten. „Ich finde es gut, dass Herr Kohlmeier unsere bereits existierenden Planungen zu einer Begegnungsstätte am Standort in Hellersdorf aufgreift“, sagt Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU). „Die Idee ist, Orte der Begegnung im Rahmen des Umbaus des zweiten Gebäudekomplexes zu schaffen. Ein nachhaltiges Konzept dazu wird derzeit erarbeitet. Wir sind dazu sowohl mit der Alice-Salomon-Hochschule, den örtlichen Wohnungsbaugesellschaften und anderen lokalen Akteuren im Gespräch.“

„Das Bezirksamt wird tun, was in seinen Kräften steht, um die Situation um die Flüchtlingsunterkunft im Interesse sowohl der Bewohner als auch der Anwohner so schnell wie möglich zu beruhigen“, sagt Marzahn-Hellersdorfs Vizebürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke). Derzeit laufen Infoveranstaltungen für direkte Anwohner, die bisher von knapp 20 Prozent der Eingeladenen besucht wurden. Die Ausländerbeauftragte Elena Marburg berichtet von vielen Hilfsangeboten aus dem Bezirk, zum Beispiel Dolmetscherdienste für Arabisch.

Einer, der ebenfalls helfen will, ist Torsten W., der unweit des Heims lebt. „Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, wo es Krieg und Terror gibt“, sagt der freiberufliche Fotograf. Das Heim sei jetzt da – und nun müsse man zum Alltag übergehen, „zum friedlichen Zusammenleben“. Alle Hilfsangebote werden von Polis, der bezirklichen Koordinierungsstelle für Demokratieentwicklung, gesammelt. Sie ist unter Tel. 99 27 50 96 zu erreichen.