Berlin - Für viele Menschen ist sie eine Heldin, für die griechische Justiz eine Schwerverbrecherin und ausländische Spionin – die in Berlin lebende syrische Flüchtlingshelferin Sarah Mardini. Jetzt kommt die junge Frau nach mehr als 100 Tagen in griechischer Untersuchungshaft überraschend auf freien Fuß – vorerst. Am Donnerstag wird Sarah Mardini in Berlin erwartet, teilten ihre Unterstützer mit.

Flüchtlingshelferin Sarah Mardini zurück in Berlin: Freunde sammelten für Kaution

Mardinis Anwalt Charalambos Petsikos hatte am Dienstag erklärt, dass die Justiz dem Antrag auf ein Ende der Untersuchungshaft gegen die 23-Jährige und vier weitere Mitglieder der Flüchtlingshilfsorganisation Emergency Response Centre International (ERCI) stattgegeben habe. Zu ihnen zählt auch der 24-jährige Deutsch-Ire Sean Binder. Beide werden gegen eine Kaution von je 5000 Euro aus der Haft entlassen.

„Alle sind superglücklich“, sagt Sven Spannekrebs, Mardinis Schwimmtrainer beim Klub Wasserfreunde Spandau 04. Er hatte am Dienstag Gelegenheit, mit ihr im Athener Gefängnis zu telefonieren. „Sie war sehr aufgeregt wegen der Freilassung. Sie erfuhr die gute Nachricht erst, nachdem wir schon stundenlang versucht hatten, die Kaution zu organisieren.“ Das Geld sei in dem breiten Unterstützerkreis schnell zusammengekommen.

Flüchtlingshelferin Sarah Mardini: Überraschend in Griechenland festgenommen

Sarah Mardini und ihre jüngere Schwester Yusra hatten 2015 Weltruhm erlangt, als sie auf ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat mit einem Schlauchboot von der Türkei auf die griechische Ägäis-Insel Lesbos übersetzten und der Motor ausfiel. Daraufhin zogen die beiden Leistungsschwimmerinnen zusammen mit anderen Flüchtlingen das Boot dreieinhalb Stunden lang bis zum Strand und retteten 18 Menschen das Leben. Anschließend kamen sie nach Deutschland. Yusra nahm 2016 als Mitglied einer Flüchtlingsmannschaft an den Olympischen Spielen in London teil. Sarah studiert in Pankow am privaten Bard-College Sozialwissenschaften und engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe.

Im August wurden Sarah Mardini und ihre Mitstreiter überraschend auf Lesbos festgenommen, nachdem die griechische Polizei monatelang die Aktivitäten der Hilfsorganisation beobachtet hatte. Die Ermittler werfen den Flüchtlingshelfern Mitgliedschaft in einem illegalen Schleuser-Netzwerk vor. Demnach sollen sie systematisch und per Funk die Überfahrt von Migranten aus der Türkei unterstützt haben. Die Beschuldigten wiesen die Vorwürfe zurück und erklärten, sie hätten sogar eng mit der griechischen Küstenwache zusammengearbeitet. Ihre Anwälte warfen der Justiz „Kriminalisierung der Flüchtlingshilfe“ vor.

Hochschuldirektor Florian Becker: Haltlose Vorwürfe gegen Flüchtlingshelferin Sarah Mardini

Zweifel an der Darstellung der griechischen Ermittler kamen sehr schnell auf, da das Bard-College belegen konnte, dass Mardini zum Zeitpunkt angeblicher Schleusungen gar nicht auf Lesbos, sondern in Berlin war. Hochschuldirektor Florian Becker sagte der Berliner Zeitung, bei den bisherigen gerichtlichen Anhörungen habe sich erwiesen, dass ERCI nur mit allgemein verfügbaren Informationen gearbeitet geteilt habe. „Den Unterlagen zufolge sind die Anschuldigungen gegen Sarah Mardini und ERCI völlig haltlos. Die Helfer haben keine geheime Kommunikation abgehört, alles war öffentlich“, sagte Becker.

Becker beklagt, dass die Aktivistin trotzdem mehr als drei Monate in Untersuchungshaft sitzen musste. „Ich habe gedacht, dass in der EU die Unschuldsvermutung gilt. Aber ihre Entlassung erfolgte erst, nachdem unsere Anwälte massenhaft Entlastungsmaterial vorgelegt hatten.“ Die Vorwürfe gegen seine Studentin müssten fallen gelassen werden, sagte er. „Falls es wider Erwarten zu einer Anklageerhebung kommt, muss der Prozess schnell stattfinden und darf nicht wieder Monate verzögert werden.“