Flüchtlingskinder an Berliner Schulen: Für jeden Buchstaben eine Geste

Berlin - Die Begrüßung ist wichtig. Martina Erdmann gibt jedem Kind die Hand und sagt „Guten Morgen“. Zu Elena, Kristian, Ismael, Amir und Mahmud. Kurz vor den Winterferien sind die Schüler aufgekratzt, aber zur Begrüßung sitzen sie still. „Es gibt feste Rituale, und wenn ich die auslasse, wird sofort protestiert“, sagt Grundschullehrerin Martina Erdmann.

Die Routine, das Feste im Alltag, ist den Kindern wichtig. Vielleicht auch, weil sie sich auf diese Weise verstehen. Denn miteinander zu sprechen, das lernen die Kleinen gerade erst. Sie sind Schüler in einer Willkommensklasse an der Brodowin-Grundschule in Lichtenberg.

In diesen Klassen sollen Kinder, die neu nach Deutschland gekommen sind, die deutsche Sprache lernen, um später in regulären Klassen am Schulalltag teilnehmen zu können. Elena, Kristian, Ismael, Amir und Mahmud kommen aus Serbien, Bulgarien, Spanien, Afghanistan und Syrien. Kristian ist neun Jahre alt, die anderen Kinder sind sechs.

Die Kinder lernen unterschiedlich schnell

Eine Stunde am Morgen lernen sie bei Martina Erdmann. Den Rest des Schultages verbringen sie in regulären Klassen. „So werden die kleineren Kinder direkt in die Klassengemeinschaft integriert“, sagt Erdmann. Dabei hatte sie die Willkommensklasse ursprünglich für drei Stunden am Morgen geplant. Doch weil aus anfangs 14 Schülern mittlerweile 22 geworden sind, muss sie die Kinder in drei Gruppen auf die Stunden aufteilen. „Alle auf einmal zu unterrichten, wäre fast unmöglich“, sagt sie.

Unterstützt wird Martina Erdmann von Gisela Plischtil. „Wir sind froh, dass wir zu zweit sind“, sagt die. Denn wenn die Kinder neu in die Klasse kommen, können sie meistens gar kein Deutsch oder Englisch. „Wir arbeiten viel mit Gestik und Mimik“ sagt Erdmann. Wenn sie ausdrücken will, dass sie sich ärgert, dann beißt sie die Zähne zusammen und stampft mit den Füßen auf den Boden. Das finden die Kinder lustig, verstehen aber auch, wie es gemeint ist. „’Stopp’ haben alle schnell gelernt“, sagt Erdmann und lacht. Die Buchstaben spricht sie als Laute aus, ordnet jedem Buchstaben eine Geste zu.

Aber die Lern- und Aufnahmefähigkeiten der Schüler unterscheiden sich sehr voneinander. Kristian ist seit drei Monaten in der Klasse und mit den Aufgaben fast schon unterfordert. Elena hat in zwei Jahren noch nicht alle Buchstaben gelernt. Die Lehrerinnen müssen auf jeden Schüler eingehen. Gisela Plischtil übt in dieser Stunde besonders intensiv mit Mahmud, der erst seit zwei Wochen in der Klasse ist.

Manchmal sind die Eltern mit im Unterricht

Er malt Wolken, Regen, eine Sonne, er schreibt die Worte daneben. „Er lernt schnell“, sagt Plischtil. Mahmud ist ein stiller Junge. Mit seinen Eltern und drei Brüdern ist er aus Syrien nach Berlin gekommen. Weil die Eltern noch keine Gelder bewilligt bekommen haben, stellt die Schule ihm die Lernmaterialien kostenlos zur Verfügung. „Viele Eltern fragen sich, warum sie ihr Kind in die Schule schicken sollen, wenn ihre Existenz hier in Berlin noch nicht einmal gesichert ist“, sagt Martina Erdmann.

Schwierig wird es für die Lehrerinnen, wenn Kinder aus ihren Heimatländern fliehen mussten und traumatisiert sind. „Wir hatten einen kleinen Jungen aus Syrien, der ganz außer sich war, wenn die Mutter ihn alleine lassen wollte“, erzählen die Frauen. Die Eltern mussten zunächst im Unterricht dabei bleiben. „Und irgendwann sagte er, er würde jetzt nicht mehr weinen, weil er nun groß sei“, erzählt Plischtil.

Elena, Kristian, Ismael, Amir und Mahmud ist nicht anzumerken, ob oder was ihnen Schlimmes in ihrem Leben geschehen ist. Wenn sie zusammen spielen, dann verständigen sie sich auf Deutsch. Und als Martina Erdmann fragt, was nächste Woche ansteht, reißen sie die Arme in die Luft und jubeln ein Wort, das sie alle kennen: „Ferien!“