Die dritte Nacht liegt hinter ihr. Auf dem Baum. Mental soll es Napuli Langa gut gehen, aber physisch? Ihr Bein schwillt an. Am Freitagnachmittag scheint noch nichts die Aktivistin von ihrem Protest gegen die Räumung des Oranienplatzes abzubringen. Und in jedem Fall würde sie, von wo aus auch immer, an ihren Forderungen festhalten.

Reden kann man mit ihr nicht: Der Oranienplatz ist umzäunt, rot-weiße Banderolen und Polizisten halten Fußgänger davon ab, sich zu nähern. Die Szenerie wirkt so fast surreal, wie ein Gehege. Ihre Notdurft verrichtet die Baumbesetzerin in einem Eimer, den sie bei sich hat. Zwar erreichten sie nach 48 Stunden ein wenig Gebäck, Multivitaminsaft und Wasser. Am Freitag aber lehnte das Berliner Verwaltungsgericht die Eilanträge von Sympathisanten ab, die Napuli Langa mit Lebensmitteln versorgen und sich auf dem Gelände versammeln wollten. Wie lange wird sie das durchhalten?

Gegenüber vom Oranienplatz solidarisieren sich rund 20 Menschen mit ihr. Und Flüchtlinge im Hungerstreik. Einer von ihnen ist Turgay Ulu (40), Journalist und Autor. Er wird mit Wasser, Salz und Zucker notversorgt. „Ich war in der Türkei 15 Jahre in Isolationshaft“, sagt der Marxist Ulu. „Bei meinem ersten Hungerstreik 1996 sind zwölf Gefangene gestorben, beim zweiten 2000 waren es 150 Tote.“ Diesen Hungerstreik hier nimmt er ebenfalls sehr ernst. Denn es geht nicht nur um Solidarität, sondern um Menschenrechte.

Denen, die noch hier sind, hat der Deal mit der Integrationssenatorin Dilek Kolat nicht ausgereicht. Sie empfinden das Angebot vom Dienstag, in Flüchtlingsunterkünfte umzuziehen, als „Fake“. Denn seit Oktober 2012 kämpften sie eben darum, nicht mehr in Flüchtlingslager zu geraten. Sie wollen die Abschaffung der Residenzpflicht, wollen in Wohnungen unterkommen, arbeiten gehen und am Leben teilhaben. Sie wollen einen Infopoint am Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule als Flüchtlingszentrum. Sie wollen Aufenthalt und juristischen Beistand. Das Versprechen des Senats, jeden einzelnen Fall zu prüfen, sei gesetzlich vorgeschrieben und daher keine Errungenschaft; Gruppenabschiebungen gebe es ohnehin nicht. Deshalb wurde ihrer Ansicht nach mit dem Deal bisher nichts erreicht.

Menschenrechtsaktivistin mit Kampfgeist

Doch warum sind sie nur noch wenige? Manchen genügte eine Unterkunft, andere hatten Hunger, erklärt Marius. Er ist Philosophiestudent. Ihm stellen sich andere Fragen: Ob mit dieser Aktion die Gemeinschaft absichtlich gespalten wurde? Ob die Flüchtlinge für verschiedene Interessen missbraucht werden?

Auch Max, gebürtiger Hamburger, jetzt Jurastudent in Berlin, steht vor Fragen. Und er steckt inmitten einer großen Belastung. Der 25-Jährige ist Napulis Verlobter. In den letzten drei Nächten schlief er nur sechs Stunden. Er sorgt sich um seine Freundin: „Ihre Situation ist jetzt lebensgefährlich.“ Max hat Napuli am 15. Dezember auf einer Pro-Asyl-Demonstration kennengelernt, am 18. Februar haben sie sich verlobt. Er lebt seit einiger Zeit zwischen den Welten einer privaten Liebe und eines öffentlichen Platzverweises, zwischen starker Polizeipräsenz und relativer Erschöpfung. Doch solange Napuli die Nerven behält.

Klar wird: Hier hockt nicht eine traumatisierte Geflüchtete aus dem Südsudan verstört auf einem Baum, sondern eine Menschenrechtsaktivistin kämpft darum, dass die Forderungen ernst genommen werden. Das Angebot, freiwillig zu gehen – ohne Sanktionen und Identitätskontrolle – stand am Nachmittag noch. Doch Napuli Langa, seit den Anfangsprotesten dabei, bescheinigen selbst Kritiker einen starken Willen. Ihr Kampfgeist wird nicht aufgeben, allenfalls ihr Körper.

Es geht um sehr viel: Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge, Migranten gab es immer und wird es immer geben. Gibt es auch die Gesetzeslage her, Menschen je nach Nützlichkeit ein- oder auszuschließen? Im Mai jedenfalls wollen Flüchtlinge von Frankreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland aus nach Straßburg reisen und von dort aus nach Brüssel laufen – gegen die Dublin-Abkommen, gegen die Grenzschutzagentur Frontex, gegen Abschiebung und für bessere Aufenthaltsrechte. Die Protestierenden in Berlin bringen es so auf den Punkt: „Wir haben unsere Länder nicht verlassen, um den Oranienplatz zu erkämpfen.“