Flüchtlingsprotest: Wärmer als im Zelt

Berlin - Schon von weitem kann man sehen, dass sich hier etwas tut. Am Zaun der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg, an der Ohlauer-/Ecke Reichenberger Straße flattern Leintücher. „Freedom of residence is everybody’ s right“ steht auf einem, Bewegungsfreiheit ist jedermanns Recht. Und „All different, All equal“, alle verschieden, alle gleich. Auch zwei Banner mit Protestlosungen gegen Zwangsräumungen und Mieterhöhung gibt es. Im Schulhof steht ein Blecheimer voll Asche und verkohltem Holz, darum ein Kreis aus Stühlen, die aus einem Klassenzimmer stammen. Jetzt sind sie schneebedeckt. Aber gestern Nacht muss hier ein Lagerfeuer gebrannt haben.

Kurz hinter der Eingangstür steht ein Sofa. Der Bezug ist zerschlissen. Ein junger Mann in einem Parka sitzt hier, auf dem Kopf hat er eine Wollmütze. Er sagt, dass er aus Bosnien kommt und dass er zu den Unterstützern des Flüchtlingscamps am Oranienplatz und am Pariser Platz gehört. Am Sonnabend hätten sie die Schule besetzt. An der Wand neben ihm hängt ein Plan, der den Tag in Schichten einteilt. Daneben hängt ein anderes Blatt, auf dem mit schwarzem Filzstift steht, was die Aufgaben der Leute sind, die hier Schichtdienst machen. „Tür bewachen, Leute raus- und reinlassen, bestimmte Leute nicht reinlassen.“

Gestern Abend seien beispielsweise ein paar Junge vorbeigekommen, die eine Party hätten feiern wollen. „Die haben wir nicht reingelassen“, sagt ein älterer Mann in Kapuzenpulli.

Im Treppenhaus hat jemand „refugees welcome“ an die Wand gesprüht, Flüchtlinge willkommen. An einer Tür im zweiten Stock hängt ein großes weißes Blatt, auf dem auf Englisch, Türkisch und Arabisch „Frauenraum“ steht. Der Mann in einem Kapuzenpulli sagt, dass wir nicht weitergehen sollen, dass die Flüchtlinge schlafen würden. Ein italienisch sprechender Mann tritt hinzu und sagt, die Flüchtlinge würden ohnehin keine Interviews geben. Ob wir sie nicht selber fragen können? „Nein, lieber nicht.“ „Warum nicht?“ „Das mit dem Interviews hat das Plenum beschlossen.“ Ein verschlafen wirkender junger Mann kommt aus einem der Klassenzimmer.

„Nicht wahr, ihr gebt keine Interviews“, ruft ihm der Italienisch sprechende Mann auf Englisch zu. Der verschlafen Wirkende geht weiter. Es kommt einem so vor, als wollten die Unterstützer alles kontrollieren, als trauten sie den Flüchtlingen nicht zu, für sich selber zu sprechen.

Ein Afrikaner, den wir am Ausgang treffen, würde mit uns sprechen, doch es gibt Verständigungsprobleme, der Sprache wegen. Er sagt, dass er aus dem Sudan kommt und heute in der Schule übernachtet hat. Es sei hier besser als in den Zelten. Wärmer.

„Wir haben kein Gas mehr“

Zwei Kilometer von der Schule entfernt, am Oranienplatz, schneit es wie verrückt. Am Informationszelt des Flüchtlingscamps steht ein Flüchtling aus Togo. Er zeigt den Weg zu einem blau-weißen runden Zelt, das aussieht, als würde es einem Zirkus gehören. Dort komme jetzt das Plenum zusammen. Der Flüchtling spricht Französisch, aber er sagt „ Plenum“. In dem Zelt stehen ein paar Leute, ein paar sitzen auf Bänken. Die beiden Neonröhren, die an der Mittelstange hängen, sind dunkel. Ein Schneeräumer hat gerade versehentlich das Stromkabel durchtrennt.

„Hier ist es viel zu kalt“, sagt eine junge Frau mit sehr kurzen Haaren. Ob sie ins Küchenzelt gehen könnten? „Dort ist es genauso kalt“, sagt jemand. „Wir haben kein Gas mehr.“ Eine ältere Frau in einem blauen Anorak fragt, ob das Plenum nicht in der Schule stattfinden könne. „Nein“, sagt die junge Frau mit den kurzen Haaren. „Warum nicht?“ „Das hat das Plenum beschlossen.“ Dann soll es in eines der Schlafzelte gehen, denn dort wird geheizt. Aber dort schlafen noch Leute. Also doch ins Küchenzelt. Journalisten sind bei der Plenumssitzung nicht zugelassen. „Warum nicht?“ „Das hat das Plenum beschlossen.“

Ein junger Mann, der eine Tasche trägt mit dem Aufdruck „Kein Mensch ist illegal“, balanciert über die Planken, die die Zelte miteinander verbinden. Auf seinen dunklen Locken liegt Schnee. Er sagt, dass er aus dem Iran kommt, dass er in Deutschland studiert hat, an der TU Clausthal. Zurück im Iran sei er ins Gefängnis gekommen. „Sie haben mich gefoltert.“

Nach seiner Entlassung flog er nach Berlin. Er habe Asyl beantragt, aber sie hätten ihm gesagt, dass er das nicht tun könne, weil er hier studiert habe. Dann habe er von dem Camp gehört, seitdem ist er hier. „Ich habe einen Master in Elektrotechnik und lebe jetzt in einem Zelt“, sagt er. Er lächelt, aber es klingt bitter. Jetzt will er zum Plenum. Später erfahren wir, dass das Plenum doch in der Schule stattgefunden hat. Das Zelt ist eingestürzt. Die Schneelast war zu schwer.