Berlin/ SchönefeldSo viel lässt sich sagen: Der BER ist fertig, nun fehlen nur noch die Fluggäste. Während sich die Corona-Krise wieder verschärft und die Passagierzahlen weltweit sinken, ging der neue Berliner Flughafen am Wochenende mit neun Jahren Verspätung ans Netz. Zwar konnte ein Kapitel, das für Berlin wenig rühmlich war, mit der Eröffnung endlich abgeschlossen werden. Doch wie es weitergeht, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Auch Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup nicht: „Wir stehen am Beginn einer Erfolgsgeschichte“, sagte er am Sonntag. „Aber der Erfolg wird sich nicht sofort einstellen.“ Wann das der Fall sein wird, weiß niemand. Die beiden ersten Tage des BER bescherten ungelöste Fragen, aber auch Lichtblicke. 

Es ist noch dunkel, als Lütke Daldrup an Gate C17 erscheint, um den ersten kommerziellen Start am neuen Schönefelder Flughafen zu verabschieden. „Wir haben so lange darauf gewartet, dass wir am BER die ersten Fluggäste auf die Reise schicken können“, sagt er. Und nun das: Von den 115 Passagieren, die eine Reise mit dem Easyjet-Flug EJU 8210 nach London-Gatwick gebucht hatten, sind nur 64 erschienen. In dem Airbus A320 neo, der gegen 6.45 Uhr seine Parkposition in Richtung BER-Nordbahn verlässt, ist gerade mal ein Drittel der Sitzplätze belegt. Das ist sehr unüblich für einen Premierenflug. Ähnlich geht es weiter: Auf der Anzeigetafel erscheint bei immer mehr Flügen der Hinweis „cancelled“ – gestrichen. Am Sonntag, als der reguläre Betrieb begann, nutzten gerade mal rund 3000 Passagiere das neue Terminal 1. 

25 Minuten Verspätung – ist die Bahn eine Alternative?

Da wirkt es fast tröstlich, dass an diesem Sonntag trotzdem viele Menschen zum BER kommen. Wenn auch nicht, um eine Flugreise anzutreten, sondern um sich den Flughafen anzuschauen. Über Nacht ist das Gebäude, das so lange im Schatten des Interesses lag, ein Ausflugsziel geworden – eine Bummelmeile, die allerdings sechs Milliarden Euro gekostet hat und ein teurer Kostgänger bleiben wird.

Als das Terminal 1 am Sonnabend um 20 Uhr für das Publikum freigegeben wird, warten schon einige Dutzend Menschen. Einige applaudieren, als sie endlich in die Abflughalle dürfen. Ab Sonntagmittag kommen Tausende. Die Ausflügler schießen Selfies, trinken Kaffee auf der Empore. In der BER-Ausstellung in der Verteilerebene bestaunen sie Problemkabel, einen Spaten vom ersten Spatenstich vor 14 Jahren und das längst vergessene Maskottchen des Projekts, die Plüsch-Ameise Armin.

13 Grad Celsius und Nieselregen: Dann lieber im BER Kaffee trinken. Eine Familie auf dem autofreien Willy-Brandt-Platz.
Foto: Berliner Zeitung/ Volkmar Otto

Es wirkt so, als wollten sie sich den Flughafen, der ihnen so lange fremd war, aneignen und mit dem Projekt ihren Frieden schließen. Dabei war das nicht zu erwarten. Immer neue Hiobsbotschaften hatten viele Bürger müde gemacht, viele waren froh darüber, dass sie weiterhin auf ihrem geliebten Flughafen Tegel in die Luft gehen konnten. Wozu brauchen wir den BER? Und wie kommen wir überhaupt dorthin? Auch das scheint für viele jetzt kein Problem mehr zu sein.

Mit dem Flughafenexpress dauert die Fahrt vom Ostkreuz laut Plan 15 Minuten. An diesem Sonntag schafft es die Bahn allerdings wieder, Zweifel an ihrer Eignung als Alternative zum Flugzeug wachzurufen. Die Regionalbahn RB14, die eigentlich um 11.59 Uhr nach Nauen abfahren sollte, hat 25 Minuten Verspätung, im Zug der Intercity-Linie 17 werden reservierte Plätze nicht angezeigt.

Blickfang in der Verteilerebene: Die 1985 geschaffene Skulptur „Der Fall Daidalos und Ikaros“ von Rolf Scholz trägt ordnungsgemäß eine Mund-Nasen-Bedeckung.
Foto: Berliner Zeitung/ Volkmar Otto

Die Fluggäste, die am frühen Morgen gähnend auf den Erstflug warten, sind jedenfalls begeistert vom BER. „Ich habe mir ihn nicht so schön vorgestellt“, sagt Annika Lenz aus Berlin. Das Nussbaumfurnier, das viele Flächen in dem Gebäude bedeckt, der helle Jura-Sandstein auf dem Boden, die Glasfronten – das findet sie angenehm. Auch Maschinenbau-Student Florian Martin aus Nordbayern könnte als Werber auftreten. „Mit der Bahn kommt man sehr einfach hierher. Die Züge halten direkt unter dem Terminal“, sagt der 29-Jährige, der in Jena studiert. Die Begeisterung vieler Berliner für den Flughafen Tegel kann er nicht teilen. Auf ihn wirke TXL schmutzig, meint Martin. „Tegel ist einfach nicht mehr zeitgemäß.“

Sicher, auch am Eröffnungswochenende gab es Abweichungen vom Programm – Pannen wäre aber schon zu viel gesagt. So fiel die geplante Parallellandung, mit der am Sonnabend der Betrieb beginnen sollte, buchstäblich ins Wasser. Wegen Nieselregen und schlechter Sichtbedingungen musste auf Instrumentenflug umgeschaltet werden. Die Südbahn, die erst am Donnerstag offiziell eröffnet wird, stand deshalb nicht zur Verfügung. Und so landete erst der Easyjet-Sonderflug EJU 3110 aus Tegel um 14.01 Uhr auf der Nordbahn, gefolgt von Lufthansa LH 2020 aus München.

Nicht nur Ausflügler, auch Klimaschützer haben den neuen Flughafen entdeckt. Mehr als 250 Menschen in Pinguinkostümen besetzten am Sonnabend sechs Stunden lang einen Bereich der Verteilerebene. „Wir sind sehr zufrieden mit unseren erfolgreichen Blockade-Aktionen“, sagte Klara Strauß von „Am Boden bleiben“. „Wir haben mit vielfältigem Protest gezeigt, dass Flugzeuge am Boden bleiben müssen. Wir wollen und brauchen den BER nicht“ – zum Protestieren allerdings schon.