Berlin - Es gibt viele Skeptiker, die nicht damit gerechnet haben, dass es tatsächlich in diesem Sommer klappt. Doch nun hat die Flughafengesellschaft FBB am Donnerstag bekannt gegeben, dass die umfassende Technikprüfung, die alle Anlagen im Terminal des künftigen Flughafens BER durchlaufen müssen, demnächst beginnt. Die Wirk-Prinzip-Prüfung, die Monate in Anspruch nehmen wird, soll am kommenden Montag starten, teilte das Unternehmen mit. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, was nun im zentralen Empfangsgebäude des neuen Hauptstadt-Flughafens geschieht, was das für den Flughafen Tegel bedeutet - und ob sich die Diskussion über "Flugscham" auch auf den Luftverkehr in Berlin auswirkt. 

Herr Lütke Daldrup, Sie wirken ziemlich entspannt.

Erstens ist es Sommer, das ist eine gute Zeit, um etwas zu entspannen. Zweitens hatte ich im Juni zwei Wochen Urlaub.

Sind Sie geflogen?

Ja, von Tegel. Ich habe mir die Abläufe auch kritisch angeschaut, aber es war ein guter Tag. Zwar gab es ein bisschen Verzögerung am Gepäckband, beim Baggage Drop Off. Die Mitarbeiter, die dort die Gepäckstücke vom Band nahmen, waren in der Morgenspitze stark belastet. Doch nach zehn Minuten hatte sich das Problem gelegt. Bei der Sicherheitskontrolle gab es fast keine Wartezeit.

Und wie war es bei der Rückkehr?

Ich bin in Schönefeld gelandet, leider mit drei Stunden Verspätung, weil wir wegen Gewitter in Südeuropa viel zu spät gestartet waren. Vorfeldbusse und Gepäckausgabe funktionieren in Schönefeld aber auch in der Nacht gut. Es gab kein Problem. Generell ist es einfach so, dass man in dieser Zeit mit vollen Flughäfen rechnen muss. Tegel hat im ersten Halbjahr 2019 fast zwei Millionen mehr Passagiere als im Vorjahreszeitraum abgefertigt, das ist ein enormer Anstieg. Auf beiden Berliner Flughäfen haben wir im ersten Halbjahr insgesamt 17,5 Millionen Passagiere gezählt. Das ist die höchste Zahl von Fluggästen, die wir jemals hatten.

Kuriose Diskussion über "Flugscham"

In der Öffentlichkeit wird darüber diskutiert, wie klimaschädlich Fliegen ist. Von „Flugscham“ ist die Rede und von Kohlendioxid, das die Erdatmosphäre aufheizt. Merken Sie etwas von dieser Diskussion?

Ich finde die Situation in der Tat kurios. Auf der einen Seite gibt es eine große öffentliche Debatte, ob Fliegen notwendig ist und wie sich der Flugverkehr auf die Umwelt auswirkt. Doch wenn wir uns die Zunahme unseres Fluggastaufkommens oder die Buchungszahlen der Airlines anschauen, dann spricht das eine ganz andere Sprache. 

Welche Meinung vertreten Sie?

Als Flughafenchef sage ich ganz klar: Fliegen ist kein Wert an sich. Allerdings braucht unsere Wirtschaft gute internationale Verbindungen. Vor allem beim innerdeutschen Flugverkehr ist immer auch abzuwägen, ob eine Bahnfahrt eine vernünftige Alternative wäre. Wir haben zum Beispiel seit einiger Zeit keine Flüge zwischen Berlin und Nürnberg mehr, weil der ICE für diese Strecke seit Ende 2017 nur noch knapp drei Stunden benötigt. Daran sieht man, welche Möglichkeiten es gibt, Flüge durch Züge zu ersetzen.

Ich habe Sie zu Beginn deshalb gefragt, ob Sie entspannt sind, weil beim Aufregerprojekt BER in diesem Sommer einige wichtige Termine im Kalender stehen. Etwa: Sollten die Kabeltrassen nicht im Juli fertig sein?

Beim Thema Kabel gibt es eine gute Nachricht. Es ist bekannt, dass wir die Mängel bei den Kabelgewerken im BER gruppiert haben – sie wurden geclustert, wie wir sagen. An erster Stelle stehen für uns die Mängel der Priorität 1, die vordringlich zu beheben sind, weil dies für die Betriebssicherheit und Funktionsfähigkeit der Technik im Terminal entscheidend ist. Diese Mängel sind inzwischen komplett abgearbeitet worden. Damit sind die Kabelanlagen bereit für die Wirk-Prinzip-Prüfung, bei der das Zusammenspiel der Anlagen im Terminal untersucht wird. Diese Etappe haben wir also genommen. Es bleiben aber noch viele kleinteilige Mängel, die wir in den kommenden Monaten abarbeiten.

"Das war wirklich harte Arbeit"

Nächste Frage: Ist die Brandmeldeanlage im BER inzwischen fertig geworden?

Ja. Die Brandmeldeanlage ist am letzten Dienstag final geprüft worden. Im Moment sind die Prüfsachverständigen dabei, die notwendigen Dokumente auszufertigen. Dies war sicher das anspruchsvollste Thema, das wir in den vergangenen Monaten zu bewältigen hatten. Obwohl es naturgemäß die ein oder andere Störung auf dem Weg dorthin gab, lief es in den letzten Tagen sehr gut. Auch deshalb werden wir nun in der Lage sein, am nächsten Montag tatsächlich die Wirk-Prinzip-Prüfung zu starten. Das ist für das Projekt BER ein großer Meilenstein. Alle, die mit der Brandmeldeanlage und der Anlage für Durchsagen im Notfall zu tun hatten, haben stressige Wochen hinter sich. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben an den Wochenenden gearbeitet, und es gab Abend- und Nachtschichten. Das war wirklich harte Arbeit. Dafür kann ich mich bei meiner Mannschaft und Bosch nur bedanken! Alle haben sich voll und ganz auf das Thema fokussiert und die Aufgaben konzentriert abgearbeitet. Für das Projekt ist das ein großer Schritt.

Was ist aus den Dübeln geworden, die es in der Pannengeschichte des BER zu einiger Berühmtheit gebracht haben?

Die europäische Normierung hat die Nachweissysteme verändert. Bisher galten bestimmte Befestigungssysteme als genehmigt, deshalb wurden sie deutschlandweit verbaut, nicht nur am Berliner Flughafen. Seit dem vergangenen Herbst ist nun für manche Fälle gesondert nachzuweisen, dass die Technik sicher ist. Diesen Genehmigungsprozess bereiten wir jetzt vor. Die Anträge werden aber erst dann beim Landesamt für Verkehr in Cottbus eingereicht, wenn die Unterlagen komplett sind. Um es noch einmal zu sagen: Es handelt sich nicht um Plastik-, sondern um Metalldübel, die in verschiedenen Materialien verbaut worden sind. Für Beton gelten Regelzulassungen, doch für Kalksandstein und Porenbeton müssen vorhabenbezogene Bauartgenehmigungen zum Teil nachträglich eingeholt werden

Gibt es nun noch ein wesentliches Problem am BER, das zu lösen ist?

Nein, wir haben das Fluggastterminal im Griff.

Wie geht es nun weiter?

Die Vorbereitungen für die Wirk-Prinzip-Prüfung sind eingeleitet, am Montag geht es los. Die Prüfung dauert zwei Monate, dann folgt ein Monat für die Dokumentation. Wenn alles klappt, werden wir im Herbst in der Lage sein, dem Bauordnungsamt die notwendigen Dokumente zuzuleiten, um die Baufertigstellungsanzeige vorzubereiten. Damit liegen wir auch genau in dem Zielkorridor, den wir uns vorgenommen haben, um den Flughafen BER im Oktober 2020 fertigstellen zu können.

Worum geht es bei dieser Untersuchung eigentlich?

Um eine umfassende Prüfung aller Brandschutzthemen im Terminal des BER. Es wird untersucht, ob Hitze und Rauch korrekt detektiert werden und ob dann die notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden. Dabei geht es nicht nur um die Brandmeldeanlagen, sondern zum Beispiel auch darum, dass bei einem Notfall die Aufzüge auf den richtigen Ebenen halten, dass die Lüftungsklappen richtig aufgehen, die Durchsagen funktionieren, Rauchschürzen den Rauch abfangen oder dass sich Rolltore in Bewegung setzen. Es wird auch geprüft, ob die Ventilation den richtigen Druck erzeugt oder was geschieht, wenn der Strom ausfällt. Die zwölf wichtigen Anlagengruppen, die in Aktion treten müssen, sind einzeln bereits geprüft worden. Bei der Wirk-Prinzip-Prüfung wird nun ermittelt, ob sie im Zusammenspiel funktionieren. Wir haben dies in Interaktionstest im letzten halben Jahr intern bereits intensiv vorgetestet.

2020 werden Komparsen gesucht

Wie wird das konkret aussehen?

Das Prüfkonzept wurde vom TÜV Rheinland als übergeordnetem Sachverständigen erarbeitet und mit den Bauordnungsbehörden des Landes Brandenburg abgestimmt. Es sieht vor, dass alle erforderlichen Brandschutz-Szenarien durchgetestet werden. Das kann so aussehen, dass künstlich Rauch bzw. Hitze erzeugt oder ein Stromausfall simuliert wird. Dann kommt es darauf an: Springen die Generatoren an? Wird der Rauch richtig abgeleitet? Wie gesagt, einzeln sind die zwölf Anlagen bereits erfolgreich getestet worden. Darum gehen wir zuversichtlich in den Schlusstest.

Werden Sie selber dabei sein?

Ich werde mir das sicher mal ausschauen. Aber ich darf natürlich nicht eingreifen. Der TÜV Rheinland steuert das Verfahren und erstellt den Bericht.

Im Oktober 2020 soll der BER in Betrieb gehen. Sind Sie im Zeitplan?

Ja, wir sind weiterhin im Zeitplan. Mit den am Montag beginnenden Wirk-Prinzip-Prüfungen bekommen wir natürlich ein weiteres großes Stück Sicherheit mit Blick auf die Eröffnung im Oktober 2020.

Im Moment bereitet die Flughafengesellschaft auch die Praxistests für die Inbetriebnahme des BER vor. Dazu gehört der Einsatz von Komparsen, die Fluggäste spielen werden. Kann man sich schon bewerben?

Komparsen werden wir in etwa in einem Jahr einsetzen, im Juli 2020. Dann werden wir mehrere tausend Komparsen benötigen. Unser Kommunikationsteam arbeitet bereits an einem Konzept, wie wir diese gewinnen können. Ich glaube aber nicht, dass wir groß werben müssen. Bei uns gibt es schon jetzt viele Anfragen von Menschen aus unserer Region, die sich für das Projekt BER interessieren und dabei sein wollen. Bis dahin müssen wir den Einsatz organisieren, Verpflegung bereitstellen, Pläne erarbeiten, wer sich wann wo aufhält. Anfang 2020 werden wir dann Details bekanntgeben. Ab dann wird man sich auch bewerben können.

Wenn der BER in Betrieb geht – wie lange wird Tegel noch offen bleiben?

Der Umzug von Tegel zum BER wird maximal drei Wochen dauern, und danach wird der Flugverkehr komplett am BER stattfinden. Im kommenden Vierteljahr werden wir mit den Partnern, von den Bodenverkehrsdiensten bis zu den Airlines den genauen Ablauf des Umzugs festzurren. Wir sind jetzt schon mit allen Beteiligten in der Detailplanung. Unsere Mieter im BER haben im November begonnen, die rund hundert Mietbereiche in der ersten Stufe auszubauen, wobei es da vor allem um Sicherheitsthemen ging. Im kommenden Winter wird dann der Endausbau der Ladenflächen erfolgen.