Berlin - Nun also wird der neue Flughafen für Berlin, Brandenburg und die ganze Welt erst drei Monate später fertig. Oder neun Monate später, falls man den geplanten Eröffnungstermin von Ende Oktober 2011 heranzieht. Oder es wird ein Jahr daraus, sollte es bis zum Advent dauern, wie jetzt manch einer befürchtet, beziehungsweise werden es dann sogar fünf Jahre sein, sofern das Datum 2007 mitzählt, das zu Anfang einmal genannt worden war.

Das Versprechen auf Zukunft und Modernität, mit dem sich das Projekt verbindet, wurde nicht zum ersten Mal gebrochen. Im besten Falle lässt es sich noch irgendwie abstottern. Das mag für den einen und anderen ärgerlich sein, eine Katastrophe ist es nicht, jedenfalls nicht für die Stadt.

Berlin ist nicht Fukushima

In Schönefeld ist kein Reaktor explodiert, es drohte zu keinem Zeitpunkt eine Kernschmelze. Berlin ist nicht Fukushima, sondern Berlin. Hier funktioniert andauernd irgendetwas nicht. In Kenntnis dieser metropolen Unzulänglichkeiten ist es grundsätzlich nur zu begrüßen, dass die Baubehörde des Landkreises Dahme-Spreewald dem Flughafen einen notwendigen Prüfstempel verweigert hat, um – im Falle eines Falles – Schlimmeres zu verhindern.

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Das Problem war ja nicht die Kantinenbelüftung, auch sehr wichtig, sondern der Brandschutz. Auf dem Flughafen In Düsseldorf sind 1996 siebzehn Menschen ums Leben gekommen, als es bei Bauarbeiten im Terminal A gebrannt hat.

Gut also, dass im Berliner Flughafenfall wenigstens auf die Beamten aus dem befreundeten Bundesland Brandenburg Verlass ist. Dass sie sich nicht zu den erbetenen Sondergenehmigungen hinreißen ließen, sondern den Aktendeckel zuschlugen, dass es nur so staubte.

Als sich die Staubwolke am Dienstagmittag etwas lichtete, saßen die vier Männer, die jetzt die Verantwortung tragen sollen, mit reichlich Abstand voneinander vor den Journalisten. Sie versuchten zu erklären, dass der Flughafenumzug – ein bis eben absolut unaufschiebbares Ereignis – nun doch ein bisschen verschoben werden muss und auf einmal auch verschoben werden kann. Es blieb bei dem Versuch einer Erklärung.

Ach, Hertha

Klaus Wowereit, Matthias Platzeck, Rainer Schwarz und Manfred Körtgen, die zuständigen Landes- und Flughafenchefs, blickten schmallippig von ihrem Podium herab wie das Management von Hertha BSC in Erwartung der Zweitklassigkeit. Das kommt ja in dieser Woche noch dazu und ist die eigentliche Katastrophe für die Stadt. Berlin wird wohl demnächst als einzige europäische Hauptstadt nicht mehr in der ersten Liga spielen. Was nun wirklich peinlich ist.

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Im Fußball redet man viel von Körpersprache, und die Körpersprache des Flughafen-Quartetts kündete bei der Pressekonferenz davon, dass man die Schuld am ehesten bei seinem Sitznachbarn verortet sieht. Die vier Qualitätsmanager guckten sturköpfig aneinander vorbei, und so gelang es ihnen, im Augenblick ihres öffentlichen Scheiterns den Ausdruck maximalen Beleidigtseins zu vermitteln.

Matthias Platzeck, der Bürgerpräsident aus Potsdam, tat noch etwas beleidigter als die anderen. Ihm gelingt es immer besonders gut, die emotionale Seite der Politik zu veranschaulichen. Er sagte, er sei jetzt sowas von stocksauer. Aber auf wen? Auf die Flughafenleute? Auf den Kollegen Wowereit? Auf sich selbst? Das sagte er nicht. Dann wünschte sich Platzeck, dass man jetzt bitte die Nerven behalten möchte.

Diesen Wunsch mochte ihm niemand erfüllen. Schon gar nicht die Journalisten der Hauptstadtpresse. Die sind nun kollektiv stocksauer, weil sie in letzter Minute ihre Sonderausgaben und Sonderbeilagen zum Publikumstag in Schönefeld stoppen mussten. Die ganze schöne Arbeit umsonst. Wie immer, wenn Berlin in irgendeiner Form versagt, schlägt die Erkenntnis der Berliner Unfähigkeit reflexartig in Häme um.

Insofern ist der Airport in Schönefeld die Hertha unter den Flughäfen. Keiner weint, jeder lästert. Den armen Ramos haben sie beim Abstiegsspiel im Olympiastadion nach seinem Eigentor ausgepfiffen. Diese Bereitschaft, sich lustvoll selbst zu demontieren, gehört zur Folklore dieser Stadt.

Sehnsucht nach rollenden Köpfen

Berlin findet sich toll, wenn es sich als Baustelle der Moderne begreift, als Metropole, die im Werden ist und niemals fertig wird. Wird aber so ein Flugplatz nicht fertig, womöglich sogar aus vernünftigen Gründen, ist es auch nicht richtig. Dann sehnen sich die Empörer gleich nach rollenden Köpfen. Die Versager sind immer die anderen.

Typisch Berlin, heißt es sofort. In Köln ist beim U-Bahnbau das ganze Stadtarchiv versunken, in Hamburg ist die Elbphilharmonie längst ein Mahnmal hanseatischer Hybris, in Stuttgart werden sie für alle Zeiten an ihrem Bahnhof herumbaggern. So ist die Berliner Verspätung eher typisch Großstadt oder eben typisch Großprojekt.

Ein moderner Flughafen ist in seiner Komplexität nur mit einem Atomkraftwerk zu vergleichen. Wobei im Kraftwerk nach der Inbetriebnahme nicht zehntausend Leute am Tag herumspazieren. Ein Terminal sieht vielleicht aus wie ein Einkaufszentrum, in Wahrheit ist es ein Hochsicherheitstrakt.

Als der Terminal 5 am Londoner Flughafen Heathrow im März 2008 nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet wurde, brach ein Chaos aus, das erst nach vier Wochen einigermaßen abflaute. 30.000 Koffer mussten damals per Hand sortiert werden, von einigen fehlt bis heute jede Spur. In Paris sind im Mai 2004 Teile des erst wenige Monate zuvor eingeweihten Terminals 2E eingestürzt. Vier Menschen fanden dabei den Tod. Als Ursache des Unglücks wurde eine Verkettung von Baumängeln und das Arbeiten unter Zeitdruck ermittelt.

Der Welt dürfte das alles egal sein

Zeitdruck herrschte auch in Berlin. Am Ende wurde die richtige Konsequenz gezogen, die Frage ist, warum so spät. Vermutlich hatte irgendein Abteilungsleiter nicht den Mut, seinem Chef rechtzeitig zu sagen: Wir schaffen es nicht, definitiv. Und der Chef mochte auch nicht genauer nachfragen, weil er wiederum seinem Chef keine schlechte Nachricht überbringen wollte. Irgendwie hat es doch immer geklappt. Und an der Spitze der Befehlskette können sie sich in ihrer selbstverschuldeten Unwissenheit gefallen.

Diese Form der Wirklichkeitsverdrängung von unten nach oben liegt in der Natur der Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie im Arbeitsleben überall bestehen. Selten allerdings sind die Folgen so eklatant wie bei dem Flughafenprojekt. Wenn Klaus Wowereit vor dem Abgeordnetenhaus von einem Desaster sprach, so wird er dabei wie so oft an sich selbst gedacht haben, an sein Renommee. Die Stadt hat schon ganz andere Schwierigkeiten überlebt.

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Die Versorgung der Hauptstadt mit den lebenswichtigen Touristen aus Barcelona und Bristol ist nicht gefährdet. Die Luftbrücke steht. Solange die Transportmaschinen von Easyjet nicht auf der Avus landen, um ihre Kundschaft zu entladen, muss sich niemand Sorgen um den Sommer machen.

Es ist ja nicht so, dass sich Berlin vor aller Welt blamiert hat, wie in einigen Zeitungen, auch in dieser, zu lesen war. Diese Annahme ist ein Ausdruck von Berlinzentrismus, der vor allem Meinungsführern eignet. Der Welt dürfte es egal sein, ob ein Flughafen in Schönefeld nun drei Monate früher oder später öffnet.

Passagiere, die einen Trip nach Berlin gebucht haben, werden sich eben noch ein wenig länger wundern müssen, warum sie plötzlich in der DDR gelandet sind. Sie stehen dann wie gehabt auf dem Schönefelder Bahnsteig und keiner sagt ihnen, in welcher Richtung eigentlich diese hippe Hauptstadt liegt. Wenn sie Pech haben, erreichen sie nach einer Viertelstunde Wünsdorf.

Auch in Tegel bleibt erstmal alles wie es früher war. Sind sämtliche Flugsteige belegt, werden die Passagiere draußen auf dem Betonfeld von einem Schaffner in Empfang genommen, der sie in seinem Gelenkbus zur Schalterhalle fährt. Das hat ja durchaus seinen Charme.

Solange in Schönefeld noch gebaut wird, kann nicht viel passieren. Wenn allerdings in ein paar Monaten der neue Flughafen wirklich öffnen sollte, wird es nicht ohne Irritationen abgehen. Das war vor zwanzig Jahren in München nicht anders. Da saßen die Leute in der Maschine und wurden vom Kapitän herzlich auf ihrem Flug nach Hannover begrüßt. Sie wollten aber nach Hamburg. Das Informationssystem hatte versagt. Was schief gehen kann, geht schief. Das ist einfach so.

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