Engelbert Lütke Daldrup.
Foto: Volkmar Otto

BerlinÜber dem Tegeler Verwaltungsgebäude der Flughafengesellschaft FBB stieg kein weißer Rauch auf. Doch es hätte dazu gepasst. Am Freitagmittag gab Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup dem FBB-Aufsichtsrat bekannt, wann der BER öffnet.

Demnach soll die Inbetriebnahme des neuen Schönefelder Flughafens am 31. Oktober 2020 beginnen, teilte er mit. An diesem Tag sollen am BER erstmals Linienflugzeuge landen. Gut möglich, dass es auch bereits Starts gibt. In der Nacht zum 1. November, einem Sonntag, werde dann der erste Teil des Umzugs von Tegel zum BER stattfinden, so Lütke Daldrup weiter. Auch hier machen Easyjet und einige kleinere Airlines den Anfang.

Weiter geht es in der Nacht vom 3. auf den 4. November, wenn zum Beispiel Ryanair ihre Aktivitäten von Tegel zum BER verlagern soll. In der Nacht vom 7. auf den 8. November wird es nochmals voll auf der Autobahn, wenn die Lufthansa-Gruppe und die letzten anderen Gesellschaften folgen. Möglich, dass es an jenem Sonntag noch Starts in Tegel gibt, so der FBB-Chef.

Klar sei aber: Am 8. November 2020 soll auf dem innerstädtischen Flughafen der Betrieb enden, 60 Jahre nach dem ersten Linienflug in Tegel. Nach der Schließung wird TXL noch sechs Monate von der FBB bewacht, beheizt und betriebsfähig gehalten.

Ein schöner Geburtstag für Engelbert Lütke Daldrup

Man kann die Eröffnung auch als eine Art Geburtstagsevent deuten: Am 31. Oktober 2020 wird Lütke Daldrup 64 Jahre alt. Doch das sei nicht der Grund, warum der Tag vor dem Wechsel auf den Winterflugplan gewählt worden sei, erklärte er am Freitagabend. „Wir haben nach der risikoärmsten Situation gesucht“ - außerhalb der Herbstferien, die auch auf den Berliner Flughäfen eine Hauptverkehrszeit sind. Ein Umzug in drei Etappen wurde gewählt, um das Personal nicht zu stark zu belasten.

„Es gibt noch Defizite und komplexen Handlungsbedarf“, sagte Rainer Bretschneider, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, am Abend. „Aber wir schaffen das.“ „Der BER fliegt am 31. Oktober 2020“, bekräftigte Lütke Daldrup.

Doch wie gewiss ist es dieses Mal, dass der Termin gehalten wird? Es wäre nicht das erste Mal, dass es bei einem leeren Versprechen bleibt und die Bürger enttäuscht werden. Anfangs sollte der BER 2007 ans Netz gehen, dann 2011, 2012, 2013, 2014. Auch von 2018 war die Rede. „Die Baustelle ist im Griff“, rief der damalige Flughafenchef Hartmut Mehdorn, als er einen mehrmonatigen Zeitkorridor für eine Eröffnung Ende 2017 ankündigte. Falsch!

Vor allem dies ist jetzt anders: Während alle bisherigen Termine auf unsicherem Grund verkündet wurden, steht Engelbert Lütke Daldrup auf einer stabileren Basis. Als er kurz vor Weihnachten 2017 mitteilte, dass er den neuen Schönefelder Flughafen im Herbst 2020 eröffnen will, war er seit fast zwölf Monaten im Besitz des letzten Nachtrags zur Baugenehmigung. Er und seine Planer konnten also genau abschätzen, was noch zu tun war.

Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg.
Foto: dpa/Annette Riedl

Sie sind in einer anderen Lage als alle Vorgänger Lütke Daldrups, die im Blindflug agierten – und scheitern mussten. Letzteres hatte auch damit zu tun, dass über Jahre hinweg unklar blieb, woran das Pannenprojekt im Detail krankte. Mehdorn ließ die Mängelbestandsaufnahme des Technikchefs Horst Amann stoppen.

Weiter 2000 Mängel im Terminal T1

ELD, wie der jetzige Vorsitzende der Flughafen-Geschäftsführung intern genannt wird, kann sich auch aus anderen Gründen relativ sicher fühlen. Während unter seinen Vorgängern an der Technik im Terminal noch laboriert, gedoktert, gearbeitet wurde, wurden die Anlagen inzwischen fertig gestellt.

Mehr noch: Die gefürchtete Wirk-Prinzip-Prüfung, bei der Fachleute des TÜV das Zusammenspiel der Brandschutz- und Sicherheitstechnik testen, wurde in diesem Sommer erfolgreich absolviert, von zwei Teilbereichen abgesehen. Verglichen mit den bisherigen Etappen des inzwischen sieben Milliarden Euro teuren Projekts war die Inbetriebnahme in der Tat noch nie so nahe wie in diesen Tagen.

Allerdings, es bleibt dabei: Auch wenn das Ausmaß der Unwägbarkeiten in absoluten Zahlen stark gesunken ist – hundertprozentig sicher ist auch der neue Termin natürlich nicht. So ist davon die Rede, dass es im Terminal T1 weiterhin rund 2000 Mängel gibt, die laut TÜV bis zum 20. Februar abzuarbeiten sind. Dabei geht es um die Kabeltrassen - immer noch.

Die weit verzweigte, kilometerlange Problemzone geht auf die Jahre 2010 bis 2012 zurück, als Planer und Bauleute versuchten, einen hastigen Endspurt hinzulegen. Politiker wie der damalige Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Manager wie Flughafenchef Rainer Schwarz, unempfänglich für jede Art von Problemdiskussion, saßen ihnen im Nacken.

In den zunehmend verzweifelten und unkoordinierten Bemühungen, die versprochene Eröffnung am 3. Juni 2012 hinzubekommen, wurde auch bei den mehrere Dutzend Kilometer langen Kabeln gemurkst und geschlampt. Die 2009 getroffene Entscheidung, zur Erzielung weiterer Mieterträge nachträglich einen „Marktplatz“ ins Terminal einzupassen, verschlimmerte das Problem.

Kabelkanäle fielen kleiner aus, und sie wurden mit zu vielen Leitungen übermäßig beschwert. Hineingequetscht wurden auch Kabel, die nicht nebeneinander liegen dürfen.

Das Wirrwarr zu entzerren, wird noch bis zum Beginn des Frühjahrs 2020 dauern, hieß es. Zwar hat die Flughafengesellschaft den Behörden des Landkreises Dahme-Spreewald am 11. November bereits einen großen Teil der Unterlagen übergeben, die für die Baufertigstellungsanzeige erforderlich sind. Doch der Rest kann erst in einigen Wochen folgen.

In dieser Zeit sollen auch die beiden letzten Wirk-Prinzip-Prüfungen im BER absolviert werden. Ein Bereich sind die Rauchschürzen, die wie Vorhänge bei Bränden die Qualmausbreitung eindämmen sollen. Sie mussten nachträglich mit Motoren versehen werden, die sie unterschiedlich tief herablassen können.

Der zweite Bereich ist die Schnittstelle zum Bahnhof unter dem Terminal. Die Planer fanden heraus, dass sich die Brandschutzanlagen der DB und der FBB nicht miteinander verständigen konnten. Das wurde inzwischen behoben – muss aber nun noch überprüft werden.

20.000 Statisten ab Januar gesucht

Die letzte größere Zitterpartie wird dann den Planungen zufolge im April 2020 beginnen. Unter dem Stichwort „Operational Readiness and Airport Transfer“, kurz ORAT, wird getestet, ob die Abläufe funktionieren. Bei dieser monatelangen Generalprobe treten 20.000 Statisten, die der Flughafen von der zweiten Januarhälfte an suchen will, mit fast ebenso vielen Koffern auf den Plan. Sie werden Fluggäste spielen, die den BER benutzen.

Klappt die Abfertigung so wie geplant? Kommen die Passagiere zügig zu den Gates? Gelangen die Gepäckstücke schnell genug dorthin, wo sie hinmüssen? Das alles muss sich noch erweisen. Auch wenn das Projekt große Fortschritte gemacht hat – am Flughafen BER bleibt es spannend.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zeigte sich am Freitag optimistisch, dass es diesmal klappt. "Der Countdown läuft. Ich habe großes Vertrauen in die Geschäftsführung, dass der BER in elf Monaten tatsächlich an den Start gehen wird", sagte er.

Letzte Vorbereitungen am Flughafen Berlin Brandenburg (BER).
Foto:  Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

"Auch das Lärmschutzprogramm im Umfeld des BER muss weiter umgesetzt werden", so Woidke. "Wir werden uns weiter für einen guten Lärmschutz und eine verlängerte Nachtruhe einsetzen. Mit der Eröffnung des BER endet der 24-Stunden-Betrieb in Schönefeld.“

"Unglaublich, aber hoffentlich wahr", kommentierte Marlen Block von der Linken in Brandenburg. "Nach 2736 Tagen der Nicht-Eröffnung ist zu konstatieren: Für alles gibt es (vielleicht) doch ein erstes Mal. Nach jahrelangen Erfahrungen mit Terminstellungen am BER bleibt die Linie dennoch skeptisch. Dafür ist die 'To-Do-Liste' noch zu lang. Dazu gehört insbesondere die fehlende Infrastruktur. Erst wenn das erste Flugzeug abhebt, ist das Jahrhundertwerk vollbracht."

Skeptisch zeigte sich Sebastian Czaja von der Berliner FDP. "Es sind noch viel zu viele Faktoren ungewiss, als dass man diesem willkürlich benannten Tag überhaupt Glauben schenken kann - das lehrt allein schon die Erfahrung", sagte er. "Erst am Morgen des 31. Oktober 2020 wird sich zeigen, ob dieses Trauerspiel wirklich sein Ende gefunden hat."