Berlin - Optimistisch war der Ausblick nicht, den Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) als neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Krisen-Flughafens Berlin Brandenburg den Verkehrspolitikern des Bundestags vermittelte. Bei seinem Auftritt vor dem Bundestags-Verkehrsausschuss nannte Platzeck es am Donnerstagmorgen unmöglich, einen neuen Eröffnungstermin für den Flughafen zu nennen, dessen Start vorige Woche wegen schwerer Baumängel auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Allein die Um- und Neuplanung am Terminal des Airports würden bis Sommer dauern und müssten dann ganz neu von den Behörden genehmigt und unter Umständen auf deren Geheiß erneut verändert werden. Technik-Chef Horst Amann distanzierte sich bei der Befragung aber von seiner jüngsten Spekulation, der Flughafen werde „eher 2015 als 2014“ öffnen. Er hätte besser gar kein Datum nennen sollen, sagte er Teilnehmern zufolge.

Auch die Suche nach einem neuen Geschäftsführer für das Bauprojekt, der den am Mittwoch gefeuerten Rainer Schwarz ersetzen könne, ist schwieriger als gedacht. Platzeck berichtete den Verkehrspolitikern, er habe auf seine Anfrage bei renommierten Luftverkehrsexperten schon mehrere Absagen erhalten. Wenn er den Namen BER nenne, sei das Gespräch meist sehr schnell beendet, soll der Ministerpräsident berichtet haben. „Die Suche wird wohl noch einige Woche dauern“, sagte Platzeck nach der Ausschusssitzung der Presse. Auch eine Besetzung für den neuen Posten des Finanzvorstands werde noch gesucht. Bis dahin werde Technik-Vorstand Amann kommissarisch die Geschäfte des BER leiten.

Immerhin ist Platzecks BER-Taskforce bereits seit Mittwoch installiert, wie er verkündete. Geführt wird sie von Rainer Brettschneider, Brandenburgs Staatssekretär für Bau und Infrastruktur – was Union, Grüne und Linke im Bundestag skeptisch betrachten: Immerhin sei Brettschneider in dieser Funktion schon bisher für die Fehlplanungen in Schönefeld mitverantwortlich gewesen. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), gab später dennoch zu Protokoll, er „kann nur hoffen, dass der Bund und die beteiligten Ländern künftig besser zusammenarbeiten“. So klar es sei, dass sich gescheiterte Großprojekte ein dankbares Wahlkampf-Thema seien, so sehr hoffe er doch auf Kooperationswillen. „Anders ist die Lage nicht zu retten“, sagte er, immerhin hätten bisher das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium und die beiden SPD-regierten Länder „gemeinsam Mist gebaut“.

Das sieht Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ganz anders. Der Bund trage als Minderheitseigner des Bauprojekts – er hält 26 Prozent daran, Berlin und Brandenburg je 37 – keine Mitschuld an den Bauverzögerungen. „Ich trage die Verantwortung des Bundes und habe die Verantwortung immer in vielfältiger Weise wahrgenommen“, sagte Ramsauer am Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Nach der Verschiebung der Eröffnung im Mai habe er eine Sonderkommission eingesetzt, die „viele konstruktive Dinge zu Tage gebracht“ habe. Es komme ihm nicht so vor, einen Fehler gemacht zu haben. Auch der bisherige Aufsichtsratschef,  Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gestand auf Nachfrage der FAZ am Mittwoch keine Versäumnisse ein. „Es wird viel zu wenig betrachtet, wie viel Hilfestellung da (von den Gesellschaftern) geleistet worden ist“, lautet seine Antwort auf die Frage, ob er Fehler gemacht habe. Der Aufsichtsrat dürfe auch gar nicht ins operative Geschäft eingreifen.

#gallery1

Ein ganz anderes Bild zeichneten dagegen die beiden Chefplaner des Büros von BER-Architekt Meinhard von Gerkan, das die Planungsgesellschaft für den Flughafenbau geleitet hatte und im Mai 2012 nach dem geplatzten Eröffnungstermin vom Aufsichtsrat gefeuert und später verklagt worden ist. Teilnehmern zufolge berichteten sie von insgesamt rund 500 großen und kleinen Änderungswünschen, die „im Prozess“ von den Bauherren nachgemeldet worden seien. Während Planung und Bau schon liefen, sei die Grundfläche des Terminals von 200.000 auf 320.000 Quadratmeter vergrößert worden, während der schon laufenden Arbeiten mussten so vier neue Bauanträge gestellt werden, berichteten sie.

#image1

Die Vertreter des Chefarchitekten widersprachen zudem der Darstellung, die Entrauchungsanlage, die maßgeblich zu den Verschiebungen geführt hatte, sei aus ästhetischen Gründen zu kompliziert konzipiert. Lediglich acht von mehr als 100 Ventilatoren zur Entrauchung im Brandfall würden Qualm nach unten abführen – und das an einer Stelle nahe dem unterirdischen S-Bahnhof am Terminal, wo das technisch durchaus sinnvoll und möglich sei. Die Probleme bestünden eher an der Computertechnik, sagten sie.

Auf Nachfrage der Verkehrspolitiker betonten die Planer zudem, sie hätten die Geschäftsführung stets über die Probleme und Baurückstände informiert. Auch davor, dass der geplante Start-Termin im Juni 2012 nicht zu halten sei, hätten sie frühzeitig und offen gewarnt – BER-Geschäftsführer Rainer Schwarz und der damalige Technikchef Manfred Körtgen hätten diese Bedenken aber bewusst nicht an den Aufsichtsrat weitergegeben. Es handele sich um ein politisches Projekt und einen politisch gewünschten Eröffnungstermin, sei ihnen gesagt worden. Deshalb habe Schwarz schlechte Nachrichten oft „gedeckelt“. Aus dessen Umfeld heißt es derweil, dass von Wowereit massiver Druck auf ihn ausgeübt worden sei, den Start am 3. Juni 2012 zu gewährleisten.

Seit dieser Termin am 8. Mai 2012 geplatzt ist, stehen die Bauarbeiten am BER faktisch still, sodass inzwischen auch das Eröffnungsdatum im Oktober 2013 gekippt werden musste – erst dadurch wurde ein politisches Erdbeben, der Umbau des Aufsichtsrats und der Neustart auf der Baustelle ausgelöst. Die Kosten für das angeschlagene Prestigeprojekt in Schönefeld haben sich seit Baubeginn 2006 von 2,0 Milliarden Euro auf 4,3 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Immerhin schloss Technikchef Amann vor dem Ausschuss nun aus, dass Teile des neuen Flughafens wieder abgerissen und neu gebaut werden müssten. Das hatte Verkehrsminister Ramsauer zuvor angedeutet. Zudem habe Amann berichtet, dass die Sanierung der im April und Mai 2012 chaotisch verlegten Kabeltrassen inzwischen weitgehend abgeschlossen sei.

Selbst die Bundes-Verkehrspolitiker der SPD betonten zudem, wer Matthias Platzeck kenne, der wisse, dass er einen anderen Stil pflege als Wowereit. Künftig werde Wert auf offene Kommunikation und auf Kooperation aller Beteiligten gelegt, versprach der verkehrspolitische Sprecher der SPD, Sören Bartol vor den Kameras. Und Platzeck selbst sagte: „Wir werden nur eine Chance haben, dieses Projekt erfolgreich zu Ende zu führen, wenn alle drei Anteilseigner an einem Strick ziehen. Und ich gehe davon aus, dass das auch passieren wird.“